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Witzig persiflierte Ökobewegung

Max Merker verlegt im Theater Biel-Solothurn Benjamin Lauterbachs Farce «Der Chinese» gekonnt auf schweizerische Verhältnisse.

Der Chinese soll in einer typischen Familie die Schweizer Lebensweise beobachten.
Der Chinese soll in einer typischen Familie die Schweizer Lebensweise beobachten.
Ilja Mess

«Danke Gurke! Danke Sojabohnensaft! Danke Düdinger Mirabellen!» Bis ins Tischgebet ist die Ökoreligion vorgedrungen, der die Gutmenschen von Benjamin Lauterbachs Theaterfarce verfallen sind. Nicht ganz freiwillig, wie das einleitende Chorlied mit seinem «Ich denke, was ich will und was mich erquicket» glauben lassen will.

Denn so schrecklich glücklich alle sind und so unendlich lieb sich alle haben: Der Gesundheitswahn, die Familienverherrlichung, der Bio-Natur-Kult, der fremdenfeindliche Nationalismus, die ganze isolationistisch-ökofaschistische Harmonie ist Bestandteil einer raffiniert organisierten Diktatur, die mit Gehirnwäsche, Bespitzelung und der Gefangenhaltung eines ganzen Volkes in einem System à la DDR arbeitet.

Lauterbachs 2011 in Dresden uraufgeführtes Stück ist eigentlich auf Deutschland gemünzt, wurde für die Schweizer Erstaufführung im Theater Biel-Solothurn nun aber mit einigem Geschick, aber nicht ganz ohne Reibungsverluste helvetisiert. Es habe früher Einwohner gegeben, die «kein Deutsch» sprachen, weiss eines der Kinder im Original, was in der Neuadaption zu «die gar kein Schweizerisch konnten» mutiert. Weil sie lernen wollen, «warum es uns hier in der Schweiz so gut geht», schicken die Chinesen einen gewissen Herrn Ting auf Informationstour, und die Schweizer Regierung weist ihn einer typischen Familie des Landes zu, wo er die Schweizer Lebensweise beobachten kann. Vater Alexander (Jan-Philip Walter Heinzel), Mutter Gwendolyn (Atina Tabé) und die Kinder Niclas (Andreas Ricci) und Maria Lara (Fernanda Rüesch) nehmen den fremden Gast, den Mario Gremlich ebenso grotesk wie abgründig zu verkörpern weiss, mit Begeisterung auf und hoffen mit missionarischem Eifer, ihn zu ihrer naturnahen, jeglicher Technik und allen künstlichen Produkten abholden Lebensweise bekehren zu können.

Fatale Spielzeuge

Dass es in China Kitas und berufstätige Frauen gibt, nimmt man zur Not noch als Auswüchse einer längst überholten Zeit zur Kenntnis. Als der wortkarge Herr Ting als Gastgeschenke aber nicht nur einen Roboterstaubsauger, sondern für das Mädchen eine elektronisch betriebene Puppe und für den Jungen ein ferngesteuertes Modell-Auto auspackt, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Die Spielzeuge wecken bei den Kindern unterdrückte Sehnsüchte und bringen das fein austarierte Miteinander aus dem Lot. Die Plastikdinger sind auf einmal wichtiger als der geheimnisvolle «Teiler», den der Vater als Höhepunkt des Abends in Aussicht gestellt hat. Mit der Drohung, sie wollten den Lehrern erzählen, dass sie schlecht erzogen würden, erpressen die Sprösslinge die Eltern, ihnen die Spielzeuge zu lassen. Sodass Gwen und Alex in ihrer Verzweiflung übereinander herfallen und die Schuld an ihren Verletzungen dem Chinesen in die Schuhe schieben wollen. Der aber zieht im Triumph ab, indem er seinen riesigen roten Koffer demonstrativ von den rebellierenden Kindern wegtragen lässt.

Regisseur Max Merkel macht aus der Vorlage keineswegs eine die – an sich zukunftweisende! – Ökobewegung diffamierende Horrorvision, sondern mit viel Slapstick und ausnehmend witzig und komödiantisch agierenden Protagonisten ein spritzig-humorvolles Familienstück mit überraschendem Ausgang. Es ist eine Parabel über die Mühen und die Fruchtlosigkeit einer noch so ausgeklügelten Erziehung und über den Sieg von Spontaneität und Lebensfreude über den Bierernst von fundamentalistischen Verkrustungen jeglicher Couleur. Aber es ist auch ein Theaterabend, an dem wieder einmal ausgiebig und herzlich gelacht werden darf.

Premiere in Biel: 7. April

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