Wimmern, weinen, wüten

Die Belgierin Anne-Cécile Vandalem schickt uns am Theater Spektakel ins Reich von Werteverteidigern und Jammerlappen. Ein Mordsschrecken zur politischen Aktualität.

Diese Truppe löst bei den Zuschauern Fluchtreflexe und Lachkitzel aus. Foto: Christian Altorfer (ZTS)

Diese Truppe löst bei den Zuschauern Fluchtreflexe und Lachkitzel aus. Foto: Christian Altorfer (ZTS)

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Toteninsel: Am Ende liegen nur noch Leichen auf der Bühne. Die letzten sieben Bewohner des dänischen Eilands namens Tristesses starben im November 2015 durch Schüsse. Und der Abspann, der dazu wie eine Grabinschrift über die grosse Leinwand im Fond läuft, berichtet von der düsteren Zukunft Dänemarks: 2018 wird das Land fest in der Hand von Marine-Le-Pen-Abklatsch Martha sein, einer Tochter der Insel. Nach fast zweieinhalb Stunden Schauer und Schwermut ist da sogar der theaterroutinierte und Filmgrusel-gewöhnte Teenager an meiner Seite wie erschlagen: «Dieses Stück war verdammt creepy!»

Allerdings. Aber genau davor muss man den Hut ziehen: wie die belgische Theatervisionärin Anne-Cécile Vandalem mit ihrer 2008 gegründeten Kompanie Das Fräulein es schafft, so viel Creepiness, so viel Grusel und Schrecken so ausdauernd sirren zu lassen! Dass sie dabei ausserdem so viel Politikkritik in so wenig explizites Polittheater infiltriert – das hat das 2016 uraufgeführte, nennen wir es: Mordsspektakel, zu einem Highlight des internationalen Festival-Parcours gemacht. Ein bisschen Dok-Ästhestik gibts als fiktives Fragmentchen, der Rest ist eine intelligente Live- und Livecam-Performance von elf Schauspielern und Musikern, die zwischen ein paar Häuschen herumtaumeln, eingehüllt in die Schwaden einer phantasmagorischen Lichtchoreografie.

Beim Zuschauer mischen sich während der Soiree Fluchtreflex und Lachkitzel. Vieles in «Tristesses» wird gross, übergross gezeichnet: Das kann hier karikaturesk Spass machen, dort krass einfahren. Und man muss willens sein, dies auszuhalten – wozu an der Eröffnung des diesjährigen Zürcher Theater Spektakel in der Werft nicht alle bereit waren. Nach rund Dreiviertel der Aufführung kams zu einem kleinen Exodus.

Die «Partei» bezahlt

Zugegeben: Wo Grauen und Gram derart exzessiv ausbuchstabiert werden, wo die ganze Welt derart lang und unerbittlich schwarzgemalt wird, wünscht man sich zwischendurch schon mal eine Pause. Und eine Regie, die abdimmt und strafft. Aber die 1979 in Lüttich geborene Anne-Cécile Vandalem, die in «Tristesses» auch spielt, hat keinen gemütlichen Kunstkonsum vor, wenn sie uns auf die heruntergekommene Insel mitnimmt. Die blutige Story sei «eine wahre Geschichte», behauptet der Vorspann.

Von der einstigen Blütezeit ist auf der Traurigkeiten-Insel im Jahr 2015 nichts mehr zu spüren. Der EU-subventionierte Schlachtbetrieb ging pleite, die wenigen Inselbewohner leben mehr schlecht als recht davon, die Gebäude zu hüten und instand zu halten. Sie werden dafür von «der Partei» bezahlt, deren Vorsitzende Martha die Insel als Jugendliche verliess und sich als rechtspopulistische Retterin «westlicher Werte» selbst rettete vor der Enge – in eine neue Enge.

Die Angst vor Flüchtlingen

«Tristesses» beginnt an dem Abend, an dem der Bürgermeister – ein aufbrausender Ehemann und Vater, der sich an seine Rolle als Dorfchef klammert wie ein Ertrinkender ans Holz – den Leichnam der Inselältesten entdeckt: Ida baumelt in einem Haus von der Decke.

Keineswegs der erste Suizid auf Tristesses, wo die Toten umgehen, flüstern, singen, Schlagzeug spielen. Idas Tochter Martha befiehlt, die Leiche hängen zu lassen, bis sie am Morgen vom Festland kommt. Auf der Reise dieses nächsten langen Tages in die Nacht werden Martha und die sieben Überlebenden – unter ihnen auch Marthas patriarchaler Vater, eine widerspenstig-verwirrte 15-Jährige und eine komplett verstummte 13-Jährige, ein serviler Priester und seine verzweifelte Frau – einander allesamt nachstellen. Sie werden alte Geheimnisse ausgraben, neue Gräuel und Grausamkeiten begehen. Sie werden einander Geständnisse abpressen, von ihrer Angst vor Flüchtlingen sprechen, von ihrer Not als Globalisierungs- und Beziehungsverlierer und ihren Überlebenstricks. Sie werden wüten und wimmern und weinen, weinen, weinen; vor allem die Mutter der Mädchen, die verhärmte Frau des Bürgermeisters.

Anne-Cécile Vandalem, die – wen wunderts? – auch Filme dreht, hat mit traumwandlerischer Sicherheit einen Albtraum aus Formaten wie dem Schauerroman, Zombiefilm und Psychothriller zusammengeschnitten. Ausserdem schmierte sie etwas Politsoap rund um einen Subventionsbetrug hinein, entwickelte eine neumusikalisch orchestrierte Kaurismäki-Atmo sowie eine intensive Direktheitsdramaturgie à la Thomas Vinterbergs «Festen». Die traurige Insel wird zum Bild für das Land, das auf der Glücksliste immer ganz oben steht, höher noch als die Schweiz. Und für die EU-Länder – in denen sich eine ähnliche emotionale Destabilisierung beobachten lässt wie bei uns. Die Belgierin aus dem verängstigten Brüssel konfrontiert uns mit einem tollen, nicht naiven Erzähltheater diesseits dekonstruktivistischer Dauerreflexion und verstaubter Illusionsversuche. Ihre Toteninsel lebt.

Letzte Vorstellung heute, 19 Uhr.

Der Blick aus Köpfemeer

Ein Konzert hatte die Dame neben mir erwartet. Und der Mann auf der anderen Seite war wegen des Tanzes gekommen. Enttäuscht wurden irgendwie beide – und irgendwie auch nicht. Denn in Ra-dhouane El Meddebs «Face à la mer, pour que les larmes deviennent des éclats de rire» werden Musik und Tanz meist verfremdet und verfremdend eingesetzt – ganz dem Thema des Abends entsprechend. Es ist das ewige Drama der Migration, das uns die Fremdheit in der Fremde aufzeigt, aber auch die Entfremdung vom zurückgelassenen Heim.

Wer sich diesem Gefühl der Verlorenheit öffnet, erlebt eindrückliche bildstarke Momente im Stück des französischen Choreografen und Regisseurs, der 1996 seine Heimat Tunesien verliess und 2008 in Frankreich eingebürgert wurde. Radhouane El Meddeb spürt den Tönen und Rhythmen Tunesiens nach, ohne sie seiner im Exil entstandenen, neuen Heimat einzuverleiben – beispielsweise als folkloristische Verzierung. Auch Zirkusakrobatik, die in Nordafrika ebenfalls zur Folklore gezählt werden könnte, gibt es im Stück nie zu sehen, obwohl einer der Protagonisten auf der Besetzungsliste als Artist bezeichnet wird.

Zu Beginn erobern die Protagonisten gemessenen Schrittes die mit einer dünnen Schicht weissen, festgestampften Sandes bedeckte Bühne, einer nach dem andern. Den Blick aufs Meer, weit hinaus in die Welt gerichtet, stehen sie zunächst reglos da. Sehnsucht? Misstrauen? Der Blick aufs Köpfemeer des Publikums wird zum gegenseitigen Abtasten: Wer seid ihr? Wer sind wir?

Es dauert eine ganze Weile, bis sich Selim Arjoun an den Flügel setzt und Mohamed Ali Chebil zu singen beginnt. Langsam setzen sich die übrigen Darsteller in Bewegung – auf klaren Linien, in immer neu wechselnden Raummustern und Gruppierungen, deren geometrische Schönheit umso mehr zur Geltung kommt, als die Protagonisten kaum miteinander kommunizieren. Ein kurzes Innehalten da, ein schüchterner Blick dort – es dauert lange, bis es zur ersten, umso intensiveren Berührung kommt.

Bis sich die Tränen aus dem Titel des Stücks zum versprochenen Gelächter wandeln, dauert es fast 60 Minuten. Dazwischen liegen viele ruhige Momente, zwei tänzerische Ausbrüche über die Schrecken der Diktatur und die Frage, ob und wann man aus seiner Heimat fliehen muss – und dann kommt plötzlich ein rhythmisches Feuerwerk, das allein schon den ganzen Abend gelohnt hätte. Im versöhnlichen Schluss liegt denn auch die Hoffnung auf eine Zukunft, in der Heimat und Fremde verschmelzen.

Letzte Vorstellung heute, 21 Uhr.

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