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Wie viel Spass das macht!

Identifikation mit pinken Wülsten: Am Theater Biel-Solothurn holt Franz-Xaver Mayr das Stück «Wir sind Hundert» aus der Klischeefalle.

Dieses Trio erschafft einen komischen Wirbelsturm der Widersprüche: «Wir sind Hundert» am Theater Biel-Solothurn.
Dieses Trio erschafft einen komischen Wirbelsturm der Widersprüche: «Wir sind Hundert» am Theater Biel-Solothurn.
Sabine Burger/zvg

Wer wirklich wissen möchte: «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?», der oder die ist mit dem gleichnamigen Buch von Richard David Precht (der mit der telegenen Klugheit) nur mässig gut beraten. Wie wir unsere Identität zusammenbauen, indem wir sie uns einander erzählen, ist ein Thema wie gemacht für die Theaterbühne. Und es wird derzeit kaum irgendwo raffinierter und leichtfüssiger verhandelt als am Stadttheater Solothurn.

Ein einsamer Ventilator hängt da am Seil und dreht seine Runden. Der junge österreichische Regisseur Franz-Xaver Mayr entgegnet in der Schweizer Erstaufführung von Jonas Hassen Khemiris Stück «Wir sind Hundert» der darin enthaltenen Lebensklugheit mit wohltuendem Schabernack. Khemiris Text kommt ohne eigentliche Handlung aus, er besteht vielmehr aus einer gemeinsamen Sinnsuche dreier Frauen, die zur assoziativen Lebensgeschichte einer einzelnen wird. Hupgeräusche oder klassische Musik setzen die Akzente, verheissungsvoll steigt der Lärmpegel, und von der Decke fällt: ein pinker Wulst.

Die drei Frauen, die zueinander finden, verkörpern jeweils eine bestimmte Version, einen Altersabschnitt derselben Person. Sie träumen und bereuen, sinnieren über das Leben, zerstreiten und versöhnen sich, doch der Argwohn bleibt: «Das hast du dir doch zusammengesponnen!»

Die Konstruktion der Identität durch das Erzählen – das Thema klingt zunächst nach einem haarigen Proseminar. Doch dieses Trio erschafft mit grosser Schauspielkunst einen eineinhalbstündigen Wirbelsturm der Widersprüche und legt die Komik dieser Biografiekrise manchmal bis zur Schmerzensgrenze frei. Sie dröhnen sich zu mit Raumduft und Parfüm. Dazwischen interpretieren sie wunderbare dreistimmige Lieder (Musik: Matthias Schoch) ebenso gekonnt wie verschroben.

Als Jüngste legt Tatjana Sebben einen kessen Zynismus an den Tag. Sie bleibt zu Hause, wenn das ältere Ich zur Dentalhygienikerinnen-Konferenz geht. Statt über Fissurenversiegelung zu sprechen, bildet sie sich politisch weiter. Nicht nur die Zähne oder die Welt müssen vor dem Zerfall bewahrt werden, sondern immer auch dieses dreiköpfige Ich. Eingezwängt darin, genau wie in ihre immer alberner werdenden Kostüme (Michela Flück), werfen sich die drei gegenseitig unzählige Blicke zu, die Bände sprechen.

Ein fesselndes Resultat

Was wirklich während der Konferenz geschah, ist beinahe schmerzlich komisch. Atina Tabé, die mittlere Frau, leidet unter grotesker Redeangst und verheult ihre Satzenden. Inmitten ihrer Partnerinnen ist Tabé diejenige, die über alles lachen kann, jetzt erst recht, denn die Strenge ihres jüngeren Ichs bringt sie nicht mehr weiter. Auch ihr zweiter Monolog eskaliert grossartig zu einem Frage-Antwort-Krieg zwischen Mutter und Kind.

Auch über die Familienplanung ist sich das Ich uneinig. Es kuriert seine Einsamkeit, «mit allen Mitteln». Beziehungen beruhen auf der Formel: «Gegenseitiger Respekt und abgrundtiefer Hass.» Flirten heisst, den Humor des Gegenüber zu bewundern, bevor der Witz zu Ende erzählt ist. Überhaupt möchte die Jüngste eigentlich lieber auf Mädchen stehen. «Was?», entgegnet die Älteste, «ich dachte, das hätten wir überwunden.»

Die Dritte im Bunde, Barbara Grimm, vervollkommnet die Dynamik, reichert jede Szene durch blosses Zuschauen und stilles Widersprechen an. Die Züge ihrer beiden jüngeren Ichs scheinen genauso in ihr zu liegen wie auch ihre schöne und zugleich wackelige Souveränität, die daraus entstand. Grimms Komik sitzt im Detail, sie ist gar nicht genau einzuordnen, doch beruht sie wohl auf dem Geschick, sich auf der Bühne selbst zu verblüffen. Etwa, wenn Grimm zu elektronischer Musik die Tanzgesten oder die Sprache der Jüngeren imitiert.

«Die Welt – ja, wir haben sie verloren», muss Grimm schliesslich in aller Nüchternheit gestehen. Und man weiss, dass die ausgestopfte Katze, die vorher einmal auftauchte, nichts damit zu tun hat. Oder doch? Was sich eine Person nicht alles zusammenspinnen kann! Und wie viel Spass das macht! Indem Regisseur Mayr ebendies betont, hat er diesen Text, den ein schwedischer Mann über Frauen schrieb, aus der Klischeefalle geholt. Ob mit oder ohne Philosophenbrille – das Resultat ist fesselnd. Man sähe diesem Trio noch Stunden zu. Doch dann liegen sie schon unter ihren anfänglichen Kostümen begraben, und der Papierschnee rieselt.

Premiere in Biel: Dienstag, 17. Oktober, 19.30 Uhr. Bis 25. 11. tobs.ch.

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