Wie man einen Film abpaust

Gut gemacht, aber nicht weit genug gedacht: Schauspieldirektor Cihan Inan verbeugt sich im Berner Stadttheater mit «Der grosse Diktator» vor Charlie Chaplin.

Schön dusslige Verrenkungen: Gabriel Schneider als Machthaber Adenoid Hynkel, Jürg Wisbach als Innenminister Garbitsch.

Schön dusslige Verrenkungen: Gabriel Schneider als Machthaber Adenoid Hynkel, Jürg Wisbach als Innenminister Garbitsch.

(Bild: zvg/Annette Boutellier)

Regula Fuchs

Die Szene mit der Weltkugel gelingt Gabriel Schneider ausnehmend gut. Er spielt den grossen Diktator, und wir sehen ihn dabei, wie er, trunken vor Allmachtsfantasien, selbstvergessen mit dem Globus tanzt.

Er stupst die Kugel zärtlich in die Höhe, umarmt und herzt sie, bis ihr – und dem machtverliebten Getue dieses Herrschers – schliesslich die Luft ausgeht. Es ist eine Schlüsselszene in Charlie Chaplins Film «The Great Dictator», die nun am Berner Stadttheater ihre Wiedergeburt auf der Bühne erlebt.

Schauspieldirektor Cihan Inan hat «Der grosse Diktator» als Erster fürs deutschsprachige Theater adaptiert, und, es sei vorweggenommen, der Abend im Berner Stadttheater ist eine einzige grosse Verbeugung vor dem Filmgenie.

Chaplin hat im Jahr 1939, Deutschland war eben erst in Polen einmarschiert, eine Parodie auf Adolf Hitler geschaffen, die auch heute noch mit ihrer Hellsichtigkeit verblüfft. Der mit der Figur des «Tramp» weltberühmt gewordene Stummfilmstar spielt in seinem ersten Tonfilm einen jüdischen Friseur, der im Ersten Weltkrieg verletzt wird und sich nach einem Gedächtnisverlust und jahrelangem Krankenhausaufenthalt in einer von faschistischem Despotismus durchdrungenen Welt wiederfindet.

Wo bleiben die Denkspuren in die Gegenwart? Gabriel Schneider und Stefano Wenk als trottelige Nazi-Elite. (Foto: zvg/Annette Boutellier)

Auf der anderen Seite der Parallelhandlung, und ebenfalls von Chaplin verkörpert, steht Adenoid Hynkel, der Diktator des fiktiven Landes Tomanien, der einen Feldzug nach Osterlitsch plant.

Zuerst will er, der sich eine arisch blonde Welt herbeifantasiert, die jüdische Bevölkerung, danach alle Brünetten auslöschen. Diese Parodie eines kindisch-obsessiven und dabei ausgeprägt dumpfbackigen Machthabers ist so präzise wie irrwitzig, und in Bern kommt Gabriel Schneiders geschmeidige Interpretation dem zeitlosen Slapstick Chaplins sehr nahe.

Auch Hynkels Kunstsprache – «Schtonk!» ist wohl ihr bekanntestes Idiom – entwickelt auf der Bühne des Stadttheaters ihre Wirkung: dieses Bellen, Knurren, Geifern, Keifen, diese böse zischende und brutal rollende Konsonantengeilheit, mit der Chaplin Hitlers Überwältigungsrhetorik als hohles Gefasel entlarvte.

Wie frisch ab Schulbuch

Cihan Inan nimmt in seiner Adaption einleuchtende Straffungen vor und setzt dafür eine Erzählerinnenfigur ein. Chantal Le Moign fasst aber nicht nur das im Theater Unzeigbare in Worte, sie spielt im Grunde eine Figur mit Kommentarfunktion, ja, eine Mensch gewordene Fussnote am Bühnenrand, die Zusatzwissen vermittelt und die historischen Umstände erklärt.

Gut gemachte Imitationsartistik: «Der grosse Diktator» am Stadttheater (Foto: zvg/Annette Boutellier)

Das ist zwar überaus verdienstvoll – schliesslich leuchtet das Visionäre von Chaplins Komik vor allem mit Blick auf die Entstehungszeit des Filmes ein –, klingt in Inans Stücktext aber oft wie frisch ab Schulbuch.

Das wirklich Dringliche bleibt dabei aussen vor: die verblüffende Ähnlichkeit etwa zwischen dem Filmstar und dem Führer, welche die eigentliche Triebfeder für «The Great Dictator» und seine Erzählung ist, dieses fast unheimliche Doppelgängertum der beiden wachsgesichtigen, dunkelhaarigen Männer, die nicht nur den Oberlippenbart gemein hatten, sondern auch das Geburtsjahr.

Trottelige Elite

Nur wenige Tage nacheinander geboren, stammten beide aus einfachen Verhältnissen, und entgegen aller biografischen Wahrscheinlichkeit jubelten beiden später die Massen zu. Nur, dass der eine die Menschen zum Lachen brachte, der andere es ihnen raubte.

Chaplin schrieb in seinen Memoiren, und man kann das Schaudern darüber zwischen den Zeilen lesen, dass es leicht auch umgekehrt hätte sein können. Nichts davon aber in Inans Erzählerinnentext, sondern Sätze, dürr wie Zwieback: Chaplin habe «ein Millionenpublikum aufgerüttelt», und die Szenen im Film, die auf Pogrome und die Reichskristallnacht anspielen, seien «historisch gesehen von revolutionärer Schärfe».

Auf der Bühne indes wird vom Subtext nicht gross Notiz genommen. Konstantina Dacheva hat den Raum mit verschiebbaren Gerüsten flexibel möbliert, die einerseits als Hynkels Imponierbauten in den Bühnenhimmel ragen, andererseits den Hinterhof im jüdischen Ghetto markieren. Hier setzt sich der zerstreute Friseur gleichzeitig gegen Hynkels Sturmtruppen zur Wehr und knüpft zarte Bande mit der Wäscherin Hannah (Daniela Luise Schneider).

Das alles ist nachvollziehbar in Szene gesetzt, auch wenn an der Premiere mancher Dialog noch allzu behäbig gesprochen wurde – als dürfe kein Komma verloren gehen auf dem langen Weg bis hoch in den dritten Rang.

Dagegen sind die Verrenkungen der trotteligen Nazi-Elite (Jürg Wisbach und Stefano Wenk als Innenminister Garbitsch und Kommandant Hering) ganz köstlich anzusehen. Hynkel krault seinen Untergebenen dümmlich verzückt die Backen oder plustert sich gockelhaft auf gegenüber seinem Konkurrenten Benzino Napoloni (Hans-Caspar Gattiker). Der Mussolini-Verschnitt gedenkt nämlich ebenfalls, in Osterlitsch einzumarschieren – und wird von Hynkel mit allerlei brachialpsychologischen Kunststückchen einzuschüchtern versucht.

Eine Schlüsselszene in Charlie Chaplins Film: Der Diktator tanzt selbstvergessen mit dem Globus (Foto: zvg/Anette Boutellier).

Die Berner Inszenierung des «Grossen Diktators» ist fast durchgängig ein Schwarzweisstheater: Die Gesichter sind blass geschminkt, die Kleider in Graustufen gehalten, und das Licht wirft harte Schatten. Das ist ästhetisch konsequent und ansprechend. Doch gleichzeitig verstärkt das Schwarzweiss den Eindruck, dass es hier primär um ­Imitationsartistik geht: Cihan Inan hat offensichtlich einen Film abgepaust.

Das Problem dabei liegt noch nicht einmal darin, dass damit das Verlangen nach dem Original geweckt wird – dagegen kann keiner etwas haben. Sondern, dass auf eine eigenständige Lesart weitgehend verzichtet wird.

Natürlich darf dieser Filmstoff nicht auf Biegen und Brechen ins Heute bugsiert werden (wobei es jene kurze Stelle gibt, bei der sich der Text das hübsche Verb «übertrumpen» erlaubt). Aber dass Inan sonst keinerlei Verbindungslinien oder Denkspuren in die Gegenwart legt; dass er weder Bilder noch Sätze installiert, die zumindest die Frage aufwerfen würden, warum heute wieder Clowns an den Schalthebeln sitzen und weshalb ihnen zugejubelt wird, auch wenn die Diktatorensatire längst zur gängigen Comedydisziplin geworden ist: Das ist das grosse Manko des Abends.

Seltsam leerer Schluss

Der Umstand, dass Inans Inszenierung nicht mehr sein will als eine gut gemachte Hommage, infiziert auch die Schlussszene: jene berühmt gewordene Rede des Friseurs, der mit dem Potentaten verwechselt wurde, in Hynkels Uniform an die Mikrofone tritt und ein emotionales Plädoyer für die Menschlichkeit hält. Seine Worte wirken auch in Bern feierlich und eindringlich, aber, weil sie in nichts Konkretem verwurzelt sind: seltsam leer.

Weitere Aufführungen im Stadttheater bis 4. April 2020. Das Kino Rex zeigt «The Great Dictator» am 27. und 30. Oktober sowie am 7. November.

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