Wie ein «wiplich wurme»

Der erste Roman der Schweiz stammt aus Bern. Und hier soll er nun auch auf die Bühne kommen. Das Mikroskop-Theater zeigt «Melusine».

Sind eindeutige Schuldzuweisungen nicht per se ungerecht? Das Mikroskop Theater spielt «Melusine».

Sind eindeutige Schuldzuweisungen nicht per se ungerecht? Das Mikroskop Theater spielt «Melusine». Bild: zvg

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Vor ziemlich genau zehn Jahren erschien im «Kleinen Bund» ein Artikel über ein Stück Berner Literatur, das dem breiten Publikum noch gänzlich unbekannt ist –, das Melusinen-Buch. Kein Wunder. Abgeschlossen wurde der Roman vor exakt 560 Jahren. Die Heldin ist Melusine, eine Dame, die mit einem etwas komplizierten Handicap durchs Leben geht. Wegen eines Fluchs ihrer Mutter wird sie jeden Samstag zum Schlangenwesen – im Originalton wird das folgendermassen beschrieben: «von dem nabel hinuff ein menschlich und hübsch wiplich bilde, und von dem nabel hin abe ein grosser langer wurme».

Wer ist schuld?

Der Mann, der mit ihr zusammen zu sein begehrt, darf ihr an diesem Tag nicht nachspionieren, doch natürlich kommt es zum Vertrauensbruch. Ihre Ehemann Reymond, dem Melusine zuvor zahlreiche Schlösser baut und zehn Söhne schenkt, kommt dem Geheimnis auf die Spur, als er seine Angetraute heimlich beim Bade beobachtet. Diese fliegt darauf schreiend als halbe Schlange durchs Burg-Fenster.

Verfasst wurde dieses Drama von einem gewissen Thüring von Ringoltingen, Sohn einer der einflussreichsten Familien Berns, Münsterpfleger und Schultheiss der Stadt. Ihn interessierte, neben allen komplexen Verstrickungen der Protagonisten (der Roman erstreckt sich über vier Generationen und spielt auf der ganzen Welt), vor allem eines: die Frage der Schuld. Sind eindeutige Schuldzuweisungen nicht per se ungerecht, fragt er sich? Und er zerpflückt die Eliten, zu denen er sich selber zählen darf. Das gipfelt in der Frage, ob es sein könnte, dass Erfolg und Wohlstand das sicherste Zeichen endgültigen menschlichen Scheiterns sei.

Der Artikel im «Kleinen Bund» hat das Mikroskop-Theater animiert, «Melusine» auf die Bühne zu bringen. Und dort soll die sagenhafte Figur mit mannigfaltig Aktion wiederbelebt werden. Tine Beutel bringt dabei alte Mittelalter-Holzschnitte in Bewegung, Schauspieler Hanspeter Bader liest aus dem Originaltext und erklärt die Welt des Mittelalters, während die Musikerin Maru Rieben die Sache mittels unkonventionellem Instrumentarium vertont.

Tojo-Theater, Freitag und Samstag, 15. und 16. Januar, 20.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 14.01.2016, 09:28 Uhr

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