Was da glitzert, sind unsere Unterschiede

Die inklusive Theatergruppe Muniambärg hat sich vom Prometheus-Mythos inspirieren lassen und plädiert für die Vielfalt des menschlichen Daseins.

Jeder hat einen eigenen. Und jeder muss herausfinden, wie er funktioniert. Also der Körper. Und der Geist.

Jeder hat einen eigenen. Und jeder muss herausfinden, wie er funktioniert. Also der Körper. Und der Geist. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kein Theaterstück, sondern ein «kreativer Akt der Superlative» werde heute Abend gezeigt, verspricht Schauspieler André Roth gleich zu Beginn des Abends im Tojo der Reitschule. Und tatsächlich wird im neuen Stück «Die Auserwählten oder der neue Mensch» der Gruppe Muniambärg so einiges kreiert.

Bei Muniambärg gehen Laienschauspieler mit und ohne Behinderung zu Werke; dieses Jahr sind es deren neun, die da zuerst leicht und weiss bekleidet auf Yoga-Matten liegen. Auf einer Leinwand wird derweilen die Vorgeschichte per Videoeinspielung erzählt. Für ihr Stück liessen sich die beiden Regisseurinnen Sybille Heiniger und Patricia Nocon von einem der ältesten und bekanntesten literarischen Stoffe inspirieren: vom Prometheus-Mythos, wie er bei Aischylos nachzulesen ist.

Das Video zeigt, wie der Göttersohn aus Lehm Menschen formt und ihnen gute und schlechte Eigenschaften einpflanzt, die er Tieren entnommen hat. Ausserdem wird verdeutlicht, wie dieser Akt der Rebellion – Göttervater Zeus ist alles andere als glücklich über die Schaffung der Menschen – dazu führt, dass Prometheus an einen Felsen gekettet wird, wo täglich ein Adler von seiner Leber frisst.

«Sehend, ohne zu sehen»

Das Geschehen auf der Leinwand verlagert sich dann auf die Bühne. Nach und nach erwachen hier die «neuen» Menschen auf ihren Yoga-Matten zum Leben. Man reckt und streckt sich, muss erst einmal herausfinden, wie der eigene Körper, der eigene Geist funktioniert, denn anfänglich sind diese neuen Menschen noch «sehend, ohne zu sehen, und hörend, ohne zu hören».

Körper in ihrer ganzen Vielfalt sind hier zu sehen und werden gleichzeitig auch geschaffen, denn in der Folge betätigen sich die Ensemblemitglieder selber als Prometheuse und kreieren aus Ton, leeren Plastikflaschen, Klebeband und anderen Materialien eigene Wesen. Dazu werden in kurzen Episoden existenzielle Fragen ausgelotet. Wie funktioniert die Welt? Was und wie ist der Mensch? Wozu sind Gefühle gut, und wie lernt man sie? Warum gibt es Alter, Krankheit, Behinderung und Tod? Es ist ein kurzweiliges und vielfältiges Spiel, das Muniambärg hier veranstaltet.

Aspekte eines Themas werden in Worten oder kurzen Phrasen wie bei einem Stafettenlauf reihum gereicht oder pantomimisch dargestellt; es wird getanzt, gestritten, geherzt, gelacht, gestreichelt, gerungen, gepfiffen, freundlich gelobt, laut geschimpft und liebevoll getröstet. Alles, was menschliches Zusammenleben bestimmt und ausmacht, kommt zum Zuge. Das Tierische in uns wird ebenso zum Thema wie die Frage, ob eine Schöpfung denn überhaupt eine gerechte Schöpfung sei, wenn dabei so unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Fähigkeiten herauskämen.

Beantworten lassen sich diese Fragen nicht. Und doch macht Muniambärg eines klar: Unsere Gesellschaft funktioniert wie ein Kaleidoskop. Ein Kaleidoskop, dessen Muster umso schöner wird, je unterschiedlicher und bunter die menschlichen Steinchen darin glitzern.

Bis 3. Juni, Tojo der Reitschule (Der Bund)

Erstellt: 02.06.2018, 08:11 Uhr

Artikel zum Thema

Was mache ich eigentlich hier?

Berner Woche Von der Manipulation des Zuschauers bis zum Bekenntnis-Theater: Das Schlachthaus zeigt drei Stücke von Künstlern, die sich mit der Situation auf der Bühne beschäftigen. Mehr...

Der grosse Preis für die Kleinen

Der Schweizer Grand Prix Theater geht ans Kindertheater Sgaramusch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Verheerende Fakten

Der Poller Niemand hat die Absicht, das Plätzli zu asphaltieren

Die Welt in Bildern

Reif für die Insel: Die philippinische Insel Boracay ist wieder für Touristen geöffnet. Sie war wegen Umweltprobleme geschlossen worden. Viele Hotels und Geschäfte sollen ihr Abwasser samt Fäkalien jahrelang ins Meer geleitet haben. Hier ist die vulkanische Formation Williy's Rock auf der Insel zu sehen. (16. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Mark R. Cristino) Mehr...