WAM im Glück

Walter Andreas Müller spielt im Musical «Sugar – manche mögen’s heiss» in Thun einen verliebten Millionär. Ein Treffen zwischen zwei Proben.

«Die Berner sind viel direkter»: Walter Andreas Müller.

«Die Berner sind viel direkter»: Walter Andreas Müller.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Sein Rolls-Royce steht zu Hause in der ­Garage. In Thun ist Walter Andreas Müller mit dem Mietvelo unterwegs, obwohl er in der aktuellen Produktion der Thunerseespiele einen Millionär spielt. Der Rolls-Royce sei ein Hobby, sagt der Schauspieler. «Ich bin bloss ein Sonntags­fahrer», sagt der Autofan.

Eigentlich wäre er jetzt in Südafrika. In der Agenda des 70-Jährigen sind die theaterfreien Sommer für sein zweites Hobby, das Reisen, reserviert. New York, Nizza – regelmässig zieht es ihn ein- oder sogar mehrmals pro Jahr weg, wenn seine ­Engagements es ihm erlauben.

Die Anfrage aus Thun hat ihm nun einen Strich durch seine Reisepläne gemacht. Doch Müller strahlt. «Ich konnte nicht Nein sagen. Der verliebte Millionär Osgood Fielding ist für mich eine Traumrolle.» Ausserdem gehe für ihn ein lang gehegter Wunschtraum in Erfüllung. Er habe die Thunerseespiele seit ihren Anfängen mitverfolgt. «Die Professionalität der Inszenierungen ist beeindruckend. Und natürlich die Ambiance. Wo sonst kann ein Darsteller im Abendrot gegen die monumentale Kulisse des Dreigestirns Eiger, Mönch und Jungfrau anspielen?»

Die musikalisch-turbulente Verwechslungskomödie ist ganz nach seinem Gusto. Das Musical «Sugar – manche mögen’s heiss», das auf Billy Wilders Film «Some Like It Hot» mit Marilyn Monroe basiert, kennt Müller von einer Inszenierung auf der Seebühne Brunnen her. Die Produktion kam allerdings in die Schlagzeilen, weil sie nach einem verregneten Sommer ein Millionenloch in die Musicalkasse riss. In Thun soll das mit dem Dauerregen aber nicht passieren. Er habe einen guten Draht zu Petrus, sagt Walter Andreas Müller. «Und übrigens: Ich bin der WAM!»

Musicalerfahrung in Bern

Seinen Charme versprüht der schillernde Schauspieler auch, wenn er nicht auf der Bühne steht. Und natürlich redet WAM gerne und viel. Doch er hat auch was zu erzählen! Seine erste wichtige Musical-Erfahrung habe er am Berner Stadttheater gemacht, erinnert er sich, in «Showboat», einer Produktion, die dem Haus am Kornhausplatz die Traumauslastung von 94 Prozent einbrachte.

Weitherum bekannt wurde er als Moderator bei Radio und Fernsehen und als virtuoser Parodist. Seine Imitationen von Christoph Blocher, Samuel Schmid, Moritz Leuenberger oder Sepp Blatter sind für seine Fans bereits legendär. Auch durch die Auftritte in TV-Sitcoms wie «Fascht e Familie» oder «Lüthi und Blanc» oder an der Seite der Berner Schauspielerin Birgit Steinegger («Zweierleier») hat sich der Volksschauspieler einen Namen gemacht.

Zwar wurden diese Sendungen mittlerweile abgesetzt, doch ein Grund, sich zur Ruhe zu setzen, ist das für den agilen Senior nicht. Beruflich läuft es für den Schauspieler rund, runder vielleicht denn je. Er fühlt sich fit und freut sich, wenn «Geist und Körper» ihm noch lange erlauben, auf der Bühne zu stehen. Da ist WAM im Glück, wenn er sich und seine Talente an das Publikum verschenken kann.

Sein Pseudonym ist übrigens keine Koketterie mit den Initialen des Jahrhundertgenies Wolfgang Amadeus Mozart. Während der Schauspielschule habe man ihm geraten, sich einen Künstlernamen zuzulegen. Oder wenigstens einen doppelten Nachnamen. «Mit Müller kommst du nicht weit», habe man ihm prophezeit.

Schliesslich reichte dann auch ein zweiter Vorname. Er habe mit Namen herumgepröbelt und sich für Andreas entschieden. «Weil das mit Walter zusammen gut klingt.» Allerdings erhielt er deswegen Jahre später einen Überraschungsbesuch von einem Zürcher Gemeindebeamten, er habe den Bauvertrag für sein Haus mit falschem Namen unterschrieben.

«Ich beantragte bei der Gemeinde eine Namensänderung, seither bin ich Walter Andreas. Ganz offiziell.» Als WAM tauchte er später auf den Dienstplänen im Radiostudio auf. Seine Kollegin Elisabeth Schnell habe einmal gesagt: Deutschland habe den Wim (Thoelke) und den Wumm (sein Hund), die Schweiz den Wam. «WAM wurde mein Markenzeichen.»

Schubladendenken, ein Problem

Stört es ihn, dass das Publikum in ihm einseitig den Komödianten sieht? Das sei ein Problem. Er habe auch ernste, ja tiefschwarze Rollen gespielt, sagt WAM, etwa in Molières «Der eingebildete Kranke» oder mit Jörg Schneider in Becketts «Endspiel». «Eine tolle Arbeit, doch wir spielten vor fast leeren Reihen.»

Im ernsten Fach werde ein Parodist in der Schweiz nicht ernst genommen. Deshalb – und wegen seiner Grösse von 1 Meter 62 – sei das nichts geworden mit Filmrollen. In kleineren Produktionen von Schweizer Jungregisseuren konnte er aber seine Experimentierfreude dennoch ausprobieren. WAM spielte in «Himmelfahrtskommando» und «Tyfelstei», zwei Kinofilmen, die eher No- als Low-Budget-Produktionen gewesen seien. Er nimmt das gelassen und freut sich, dass junge Talente nachstossen – auch in «seinem» Fach.

Zwei Monate lebt der Zürcher Oberländer nun in einer kleinen Wohnung in Thun. Und dass er da auf der Strasse erkannt wird, noch bevor die Premiere von «Sugar – manche mögen’s heiss» überhaupt stattgefunden hat, erfüllt ihn ein wenig mit Stolz, auch wenn er nicht zu jener Spezies von Starschauspielern gehört, die den Ehrgeiz haben, dauernd im Mittelpunkt zu stehen. Gleich mehrfach wurde er im Bälliz um ein Selfie gebeten: «Die Berner sind viel direkter. In Zürich wäre mir das nicht passiert.»

Als Stargast wird WAM den «Sugar»-Millionär in allen 27 Vorstellungen spielen. Die Herausforderung an seiner Rolle sei, dass er in der abendfüllenden Produktion nur vier Szenen habe und dazwischen lange Pausen. Das bedeutet: schauspielerische Kavalierstarts von null auf hundert.

Es sei für ihn einfacher, einen Abend lang durchzuspielen und eine Figur zu entwickeln. WAM, der bis heute vor jedem Auftritt mit Lampenfieber zu kämpfen hat, ist dankbar dafür, dass ihm Regisseur Werner Bauer bei der Gestaltung des Osgood Fielding viel Spielraum lässt. «Ich werde aus dem Millionär keine Karikatur machen.» Man soll verstehen, weshalb die attraktive Daphne, die eigentlich ein verkleideter Mann ist, sich in ihn verliebt. Wenn WAM ihn spielt, wird es definitiv nicht nur der Sexyness seiner Millionen wegen sein.

13. Juli bis 27. August. www.thunerseespiele.ch. Vergünstigung mit Espacecard.

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