Wallfahrt zum Drama

Die Schauspielhaus-Saison wurde in der Schiffbau-Halle mit Karin Henkels Mammutprojekt «Die zehn Gebote» eröffnet. Eine mal packende, mal lähmende Massenmesse.

Für die Bühne umgestülpt wie einen Handschuh: «Die zehn Gebote», inszeniert von Karin Henkel. Foto: Matthias Horn

Für die Bühne umgestülpt wie einen Handschuh: «Die zehn Gebote», inszeniert von Karin Henkel. Foto: Matthias Horn

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Michelangelos muskulöser Christus ruft hier zum Jüngsten Gericht, und am Fuss der berühmten Altarwand der Sixtinischen Kapelle sitzen wir mickrig auf langen Armesünderbänken. Der französische Bühnenbildner Stéphane Laimé, der Theaterbesucher grundsätzlich gern in Gemeindemitglieder verwandelt, macht aus der Schiffbau-Halle unsere Theaterkirche. Man lässt uns da hocken und aufstehen und herumgehen; nur niederknien tun wir bloss im Kopf – immer mal wieder. Man lässt uns in Musik hineinfallen, geistliche und rockige, klassische und poppige; und man wirft uns mit schwierigen Fragen wieder aus dem Schwelgen hinaus.

Diese «Zehn Gebote» nach dem Filmzyklus «Dekalog» von Krysztof Kieslowski und Krysztof Piesiewicz, die jetzt, in der Bearbeitung von John von Düffel, Dramaturgin Stefanie Carp und Regisseurin ­Karin Henkel, in Zürich zur Premiere kamen, sind für den Zuschauer eine Art Pilgerfahrt. Es gibt Erhebungen und Epiphanien, oh ja! Und es gibt ­Plackereien und Planlosigkeiten, oh nee. Aber wie könnte es auch anders sein, wenn ein zehnteiliges und knapp zehnstündiges Filmkunstwerk in einen vierstündigen Theaterabend übertragen wird?

Tatsächlich ist das Unterfangen so umfassend, dass man an einer einzigen Soiree gar nicht alles zu sehen bekommt. Vier Gruppen wandern durch den Schiffbau: A, M, E und N, genau, Amen. Anfang und Finale erlebt man denn auch als Communio, in der grossen Gemeinschaft; diese beiden Teile stützen sich auf Film 1 und Film 5. Vier weitere Teile, die in kleineren Räumen – Krypta, Sakristei, Gemeindesaal, wenn man so will – stattfinden, besucht man in Gruppenformation.

Was ist eine Seele?

2013 bespielte die deutsche Regisseurin den Schiffbau schon mal auf zwei Bühnen zugleich: mit «Elektra»-Variationen, die als Traumatheater betörten, die Zuschauerseele am Singen hielten. Hier aber fragt der siebenjährige Pawel in der ersten Szene nach dem Prolog skeptisch: «Papa, was ist eine Seele? Lebt die Seele weiter, wenn man tot ist?» Alles wird gedreht und gewendet und dreimal überlegt. Begleitet wird das Bübchen in den kurzen Hosen und dem Ringel-­­ ­T­-­Shirt darum von einem ausgewachsenen Doppelgänger: Christian Baumbach, auch in Shorts und Ringelshirt, spielt den Schatten aus einer Zukunft, die der Junge nie haben wird, weil er nämlich demnächst auf einem gefrorenen See einbricht und stirbt.

Der weisse Kindersarg wurde davor unter Michelangelos «Gericht» platziert, und die tote Erzählerin Zofia (Friederike Wagner) hat uns im Prolog bereits in die Plattenbausiedlung im Warschau des Jahres 1988 eingeführt – und in den Themenkomplex «Ethische Hölle», wo der «Tod immer mitspielt». Die einstige Professorin für Ethik meint: «Um zu verstehen, muss man betrachten: Was auf dem Weg war Notwendigkeit, was freier Wille, was Zufall?»

«Der Mensch ist frei.»

Das ist die Richtung der Wallfahrt, auf die uns Karin Henkel mit ihrem 15-köpfigen Ensemble im Retrolook schickt: hin zum Existenzialistischen und zu einem Drama, das sich eher zwischen Claudel und Camus bewegt als auf Kieslowski zu. Die letzte Szene – wo ein brutaler, aber auch verstörter Mörder zum Tod durch den Strang verurteilt wird und ihn dann gnadenlos erleidet (Nils Kahnwald) –, schliesst bei Henkel daher mit dem wiederholten Satz: «Der Mensch ist frei.»

Der Filmemacher seinerseits betonte 1995, ein Jahr vor seinem Tod, in Bezug auf «Dekalog»: Es gehe nicht um Freiheit in dem Filmzyklus, weder um politische noch um existenzielle, nicht einmal um basale menschliche Freiheit. «In ‹Dekalog› sehnt sich keins der Individuen nach Freiheit», sagt Kieslowski. Sie träumten von Glück und von Liebe; und aus diesem Antrieb landeten sie in ethischen Zwickmühlen. «Ich vermeide das Moralisieren, das Predigen», unterstreicht der polnische Künstler. «Ich stelle lieber Fragen.»

Henkels «Zehn Gebote» stülpen den Filmzyklus also um wie einen Handschuh und umspielen die Fragen oft mit musikalischen Entgegnungen, optischen Antworten, philosophischen Ansagen: eine gewagte, nicht nur glückliche Kehre. Wo Kieslowski seine Fragen subtil in den Zoom auf sich kräuselnden Zigarettenrauch legen kann, muss das Theater lautstark Mozarts «Requiem» auffahren, mit der sinnreichen Sequenz: «Zum Gericht der Mensch voll Su?nden / Lass ihn, Gott, Erbarmen finden». Und wo «Dekalog» trotz wechselnder Kameramänner eine stets ähnliche, stille Ästhetik pflegt, die die Verlorenheit in der Siedlung, die Abgeschlossenheit des Lebens ihrer Bewohner zeigt, nutzt Henkel die Vielfalt postdramatischer Formen – was manchmal mitreisst, manchmal lähmt und im Ganzen einen sehr heterogenen Eindruck hinterlässt. Die Figuren taumeln durchs Chaos, die Besucher auch.

Hang zum Bombastischen

Da zieht besagter Plattenbau mit seinen tausend einsam leuchtenden Fenstern über die Leinwand. Dann wieder laufen Einspieler der Livecam. Ein andermal sitzen die Zuschauer in einem Grossraumbüro, jeder folgt vereinzelt vor seinem Bildschirm einem Monolog Zofias über Kopfhörer: eine absolut grossartige Szene! Denn die scharfe Abstraktion, die Brechung der Erinnerung übers Virtuelle steigert das Entsetzen. Die Ethikprofessorin erzählt davon, wie sie in den Nazijahren aus Feigheit einem kleinen jüdischen Mädchen nicht half, obwohl es ihr, zumindest im Rückblick, ein Leichtes gewesen wäre. Film 8 wurde auf ­diesen Monolog zusammengekürzt, was theatral ein voller Gewinn ist.

Schwächen entstehen, wenn sich das Theater ins Bombastische, in die Massenmesse rettet. Marc Hemantha Hufschmid (Schlagzeug) und Hipp Mathis (Bass) als Band City Death hauen dafür zwar die passende Stimmung in die Halle, etwa mit angehärteten Versionen von «Everybody Wants to Rule the World» oder «Psycho Killer». Doch das versickert in dieser Theaterkirche derart, dass selbst ein im Grunde genialer Gottfried Breitfuss als Zeremonien­meister Kontur verliert (Film 10).

Auch die tolle Carolin Conrad könnte unten, im verratzten Keller-Krankenhaus, durchaus das Meisterstück gelingen, eine liebende Ehefrau mit Affäre überzeugend und ohne Soap-Sentiment zu geben; würde die Chose nur nicht so breit ausgewalzt (Film 9). Komplett erspart hätte man sich gern die – immerhin charmante – Theaterschuletüde des auf Deutsch und Französisch durchgespielten inzestuösen Konflikts zwischen Michal (Jean Chaize) und seiner zwanzigjährigen Tochter, die vielleicht ja gar nicht seine leibliche Tochter ist (Dagna Litzenberger Vinet). Fantastisch ist da allein der Ausblick auf die Haupthalle.

Überhaupt ist es klug, dass jeweils die Welten der anderen Filme in die Szenen hineinlappen, Verbindungen schaffen. Insgesamt ist Henkels «Dekalog»-Umsetzung deutlich couragierter als andere Bühnenadaptationen des Zyklus. Trotzdem: Wir laufen an dem Abend im Schiffbau hin und her, auf und ab wie im Gebäude unserer Gefühle – und wünschen, wir hätten den starken Arm von Michelangelos letztem Richter.

Tages-Anzeiger

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