Verteidiger des Spielraums

René Pollesch ist der wichtigste Theatermacher der Gegenwart. Das sind seine sieben grossen Taten.

In King Kongs Hand: René Pollesch in den Kulissen seines neuen Stückes am Schauspielhaus Zürich. Bild: Basil Stücheli

In King Kongs Hand: René Pollesch in den Kulissen seines neuen Stückes am Schauspielhaus Zürich. Bild: Basil Stücheli

Andreas Tobler@tobler_andreas

Es war gegen drei Uhr in dieser Nacht, in der mit «Dark Star» die letzte Aufführung von René Pollesch an der Berliner Volksbühne zu sehen war. Nach insgesamt fast zwanzig Jahren, in denen er als Autor und Regisseur das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz entscheidend mitgeprägt hatte. Und zum Abschluss nochmals drei seiner Stücke aus der letzten Saison zeigte: Erneut dieses Gefühl, lebenskluger und alltagsmächtiger geworden zu sein. Wie schon so oft, wenn man die Möglichkeit hatte, seine Stücke zu sehen. Und dabei über die Jahre verteilt wohl den Gegenwert eines Gebrauchtwagens investierte – für Theaterreisen nach Berlin, Hamburg, Wien, München, Stuttgart und Zürich, wo der 56-Jährige inszenierte. Hier – als vorläufige Bilanz meines Investments – die sieben grossen Taten und Lehren des René Pollesch. Am Vorabend seiner nächsten Premiere, die am Freitag am Schauspielhaus Zürich über die Bühne gehen wird.

1 Weit über hundert Stücke hat Pollesch seit seinem Durchbruch vor zwanzig Jahren geschrieben und inszeniert. Allein das ist eigentlich eine Leistung, vor der man sein Hütchen lüpfen möchte. Pollesch hat aber weit mehr getan, für das man ihm ein Denkmal errichten müsste: Seine Inszenierungen können als Verteidigung der intelligenten Komik verstanden werden, die selbst in den Reservaten der Kunst vom Aussterben bedroht ist. Vor allem im Theater, wo von jeher die trübe Tragik dominiert. Dagegen spielt Pollesch an – mit seinen Stücken, die solch spassige Titel tragen wie «Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors», «Liebe ist kälter als das Kapital» oder «I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung».

2 Polleschs Theaterarbeiten sind nicht nur ein grosser Spass, sie können auch als ernsthafte Antwort auf eine komplexe Wirklichkeit verstanden werden, in der die Orientierung schwierig scheint. «Wo sind wir hier?», «Was ist das hier?», «Ich habe keine Ahnung, was das hier ist», sind Fragen und Sätze, mit denen seine Stücke in den letzten beiden Dekaden eröffneten. Vor allem Polleschs frühe Werke wirken heute geradezu visionär: Sie nahmen sich der prekären Arbeitsverhältnisse an, die im Zeitalter der Digitalisierung, des Homeoffice und der Laptop-Nomaden fast ein jeder kennt. Bei Pollesch ging es um all das bereits um die Jahrtausendwende – in einer Serie wie «World Wide Web Slums» oder in «Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr». Wobei die Verzweiflung so gross war, dass den Schauspielern ein laut herausgeschrienes «Scheisse!» als Interpunktionszeichen in ihren Sätzen diente. Das war nicht nur komisch. Es konnte auch entlastend wirken, denn bei Pollesch kam die Verzweiflung in den Gefühlsausbrüchen stärker auf den Punkt, als wir sie selbst im grössten digitalen Umbruch je empfinden und artikulieren könnten. Getreu der Pollesch-Devise: «Verzweiflung sieht nur live richtig gut aus.»


Interview: «Sexismus ist ein Repräsentationsproblem»René Pollesch ist einer der wichtigsten Theatermacher unserer Zeit. Im Interview erklärt er, wie Theater gerechter werden könnte.


3 Polleschs Stücke wollen von dem befreien, was reguliert oder gar nicht zu leben ist. Dazu gehören für ihn der Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung, die absolute Liebe oder der Wunsch nach dem perfekten Tag. All das wird als Erfindung ausgestellt. «Warum gibt es für uns den perfekten Tag? Warum glauben wir an die Erfindungen? Warum wollen wir uns auf das alles verlassen?», fragte der Schauspieler Fabian Hinrichs in Polleschs «Der perfekte Tag». «Halten wir uns lieber an ein grosses Wort von Adorno: ‹Wer verzweifelt stirbt, hat umsonst gelebt›», hiess es ein ander Mal, «oder war das von Monty Python?» Letztlich kann jeder Pollesch als eine dieser tibetischen Gebetsmühle gesehen werden, von denen bei ihm mal die Rede war: «Du schreibst ein Gebet auf, steckst den Zettel in die Mühle und drehst sie, oder der Wind macht das, und die betet dann für dich. Du musst nicht selber beten.» So ist das auch bei Pollesch: In seinen Stücken wird etwas gedacht, was entlastend wirken kann. Wie ein Gebet, von dem man sich Erlösung erhofft.

4 Damit sein Theater Entlastungsfunktion haben kann, arbeitet Pollesch mit harten Theorien, die er unter anderem von der amerikanischen Biologin Donna Haraway übernimmt. Oder vom französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan, auf den das Beispiel mit der tibetischen Gebetsmühle zurückgeht. «Sehhilfen für die Wirklichkeit» nennt Pollesch solche Theorien, die bei ihm «angewendet» werden sollen. Klingt kompliziert, funktioniert aber eigentlich wie in John Carpenters Science-Fiction-Film «They Live!», in dem ein arbeitsloser Tagelöhner in einem Müllcontainer Sonnenbrillen findet, die es ihm ermöglichen, Botschaften wie «Gehorche!» oder «Das ist dein Gott» zu erkennen, die sich sonst unsichtbar hinter Plakatwänden oder Dollarnoten verbergen. Carpenters Brillen sind Polleschs Theorien. Mit ihnen soll wahr werden, was ein Stücktitel verspricht: «Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!»

5 Pollesch selbst hat über seine Stücke hinweg eine eigene Theorie entwickelt, wie die Welt gesehen werden kann. «Ich bin ein Aussenverteidiger», hat er mal gesagt. Damit ist seine wichtigste Tat auf den Punkt gebracht: Mit seinem Theater spielt er gegen einen Ego-Kult an – und damit gegen alle, die ihr Selbst optimieren oder ihre Erregung als Beleg dafür nehmen, dass sie voll und ganz im Recht sind. Bei Pollesch wird all das als Schwindel, eben als Verblendungszusammenhang entlarvt, vor allem dann, wenn von grossen Gefühlen wie der Liebe die Rede ist. Oder von Authentizität. Denn was wir für uns selbst halten, ist nichts anderes als ein Produkt unserer Kultur. Ja, sie ist so mächtig, dass sie unser Innenleben kolonialisiert, dass wir das Innen mit dem Aussen, die soziale Disziplinierung mit uns selbst verwechseln können. «Schmeiss dein Ego weg!»war die Forderung eines Pollesch-Stückes, mit dem er sich als das zu erkennen gab, was ihn als Aussenverteidiger so bemerkenswert macht: Er zeigt auf, wie man Einbildungen loswird – und sich neue Spielräume erobern kann.

6 Wie man solche Räume eröffnet, liess sich in einer von Polleschs Münchner Inszenierungen erleben: «Keep out», «Bleib draussen», prangte da auf dem Bühnenbild. Im Stück wurde daraus ein Take-away-Werkzeug, das man immer dann brauchen kann, wenn es mal wieder schwierig wird. «Die Gefühle einfach mal draussen lassen», hiess es da. «Man lässt doch sonst alles so gerne draussen. Darum heisst es doch überall keep out.»

7 Polleschs Arbeiten sind nicht zuletzt deshalb so gross, weil er im Unterschied zu vielen anderen Theatermachern sich nicht im Vollbesitz seiner Lehrbefugnis wähnt. «Wir haben das nicht für euch gemacht», hiess es am Ende von Polleschs «Kill Your Darlings!», eine seiner wichtigsten Inszenierungen, die es auch auf DVD gibt. Gemeint ist damit: Was auf der Bühne gespielt wird, soll primär für die Schauspieler funktionieren. Es kann aber auch als eine Vorahnung von Bewältigungstechniken verstanden werden. Denn was an den Orten des Theaters Wirkung hat, könnte auch anderswo funktionieren. Oder wie es ganz am Ende von Polleschs «Kill Your Darlings!» heisst: «Macht es für euch!»

Polleschs neues Stück heisst: «Ich weiss nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis».

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