Unvergessener Theatermann

Er machte die Schauspielschule Bern zu einer der gefragtesten Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum. Nun ist Paul Roland 84-jährig gestorben.

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Seine letzte Inszenierung war eine Blutorgie. 1999 zeigte Paul Roland (1931–2016) am Berner Schlachthaus-Theater «Der Fall Titus», eine Collage aus Texten von Shakespeare, Dürrenmatt und Heiner Müller. Mit drastischen Bildern illustrierte er eindrücklich die Folgen von Machtbesessenheit. Lauter junge Schauspieler wie Ursin Herwig, Meret Matter oder Thomas U. Hostettler waren mit von der Partie – sie alle hatten ihr Handwerk bei Paul Roland gelernt. 30 Jahre lang leitete er die Berner Schauspielschule und machte sie in dieser Zeit zu einer der gefragtesten Ausbildungsstätten im ganzen deutschsprachigen Raum. Für die zwölf Studienplätze interessierten sich jeweils mehr als 200 Bewerber.

Unter wenig ermutigenden Umständen hatte Paul Roland 1965 die Schule übernommen. Nur halbtags betrieben, war sie eigentlich nicht mehr als ein Provisorium, das jedoch von Margarethe Schell-von Noé, der Mutter von Maximilian und Maria Schell, mit viel Herzblut geführt wurde. Auf Wunsch der Schüler wurde Roland, der ab 1962 als Gastdozent an der Schule lehrte, zum Leiter berufen. Auch er hatte sein Handwerk bei Schell gelernt. Gleichzeitig trat er während seiner Ausbildung von 1949 bis 1952 als Eleve an der Komödie Basel und am Stadttheater Bern auf. Nach Abschluss der Schule wurde er ans Städtebundtheater Biel-Solothurn engagiert, wo er während dreier Jahre zum Ensemble gehörte. Noch in dieser Zeit gründete er zusammen mit anderen Schauspielern das Tribünchen, das in der ganzen Schweiz auftrat. Mit dieser Truppe zog Roland dann ins Kleintheater Kramgasse, das er 1961 bis 1964 zusammen mit Thomas Nyffeler leitete.

Goldene Zeit der Kleintheater

In den Sechziger- und Siebzigerjahren, Berns goldener Zeit der Kleintheater, gehörte Roland zu den wichtigsten Protagonisten: So inszenierte er unter anderem 1967 die Schweizer Erstaufführung von Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung» und zusammen mit Volker Hesse die Uraufführung von Ernst Eggimanns Stück «Ir Nacht si si cho». Weiter führte er Regie bei der Uraufführung von Alexander Zieglers «Zellengeflüster. Ein Stück Realität» (1970) und von Walter Vogts «Typhos» am Stadttheater Bern. Seine Inszenierungen mit den Studierenden der Abschlussklassen waren jeweils weit mehr als Diplomaufführungen, nämlich weitherum beachtete, eigenwillige Deutungen.

Paul Roland legte grossen Wert da­rauf, dass die Schauspielschüler ihr Handwerk à fond lernten: So baute er die Schule bis zu seiner Pensionierung 1996 kontinuierlich aus und engagierte unterschiedlichste Persönlichkeiten als Lehrkräfte.

Auch ausserhalb seiner Heimatstadt war Roland als Regisseur gefragt. Während Jahren führte er bei den Interlakner Tellspielen Regie, er inszenierte in Deutschland, und über all die Jahre war er zudem als Leiter literarischer Sendungen bei Radio DRS tätig. Seine Radiokarriere hatte er 1975 mit dem allerersten «Schreckmümpfeli» gestartet.

Für sein grosses Engagement wurde er von der Stadt Bern 1990 mit dem Sisyphus-Preis geehrt, drei Jahre später zeichnete ihn die Schweizerische Gesellschaft für Theaterkultur mit dem Hans-Reinhart-Ring aus.

Wie unvergessen ist, was Paul Roland alles in Bern geleistet hat, zeigt der spontane Entscheid der Berner Hochschule der Künste, in die die einstige Schauspielschule integriert wurde, dem Verstorbenen zu Ehren ein Fest zu organisieren.

Der Bund

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