Unter Bekömmlichkeitszwang

Ausweichlerische Turnübungen vor einem Textklotz: Das Berner Stadttheater zeigt die Schweizer Premiere der «Schutzbefohlenen».

Das Format und den Schnauf hätten sie ja: Tobias Krüger, Milva Stark und - auf der Leinwand - Sebastian Schneider.

Das Format und den Schnauf hätten sie ja: Tobias Krüger, Milva Stark und - auf der Leinwand - Sebastian Schneider.

(Bild: Philipp Zinniker)

Daniel Di Falco

Ja doch, so kann man den Zuschauer auch abholen, den autofahrenden jedenfalls: Das Stück fängt in der Parkgarage unter den Vidmarhallen an. Reinfahren, anschauen: Drive-in-Theater, nahtloser Anschluss der Kunst an die Bedürfnisstrukturen des Alltags? So hatte es das Berner Stadttheater selbstverständlich nicht im Sinn. Aber der Wille zur Zuschauerabholerei – auf allen anderen Ebenen dieses Abends ist er erstens schwer zu übersehen. Und zweitens ist er das Problem.

«Die Schutzbefohlenen» von Elfriede Jelinek sind ja eigentlich kein Stück und schon gar kein leichtes, sondern ein krachend schwerer Klotz von monologisch angelegtem Text, der sich aus sich selbst heraus entwickelt; und das potenziell endlos. Das ist seine Macht und seine Wucht. Aber genau das will man hier offenbar vergessen machen. Mit allen möglichen Mitteln. Mit allen unmöglichen aber auch.

Der Einstellhallenauftritt also – und in dem Moment geht alles noch gut – von ­Tobias Krüger, Sebastian Schneider und Milva Stark: drei maskierte Unterweltsgestalten, die dem herumstehenden Publikum schon einmal lautstark jenen Zorn um die Ohren hauen, den Jelinek mit ihrem Text aufbringt; gegen die Ohnmacht der anonymen Schutzbedürftigen, aber auch gegen eine «Flüchtlingspolitik», die ihre Härte, ihre Selbstgerechtigkeit aus Ignoranz entwickelt: Wer nicht von konkreten Menschen reden will, der wird sie auch leichter wieder los. Und wer sie gar nicht erst an Land lässt, der muss auch nie von ihnen reden. Hier aber sind sie.

Die Sprache als Bohrer

Dass Jelinek den Fremden eine Stimme, ihrem Leiden eine Sprache gibt – das wäre zu niedlich gesagt; angesichts des kraftvollen Sarkasmus, der diesen Text regiert, der alles andere als ein Rührstück ist. Und korrekt wäre es auch nicht. «Die Schutzbefohlenen» sind ein Text aus vielen Texten, da hört man das Ich der Fremden genauso sprechen wie – gespiegelt in ihren Reden – das Ich der Fremdenfeinde.

Und oft spricht auch die Sprache selbst, die Sprachwut: Angetrieben durch kalauernde Assoziationen und Wortwendereien, bohrt sie sich durch die Aus­reden der herrschenden Flüchtlings­abwehrpolitik und durch die Gemeinplätze der öffentlichen Meinung. Und was sie unter diesen Oberflächen findet, ist finster: «Die Freiheit endet dort, wo Ihre beginnt, jawohl, aber Ihre beginnt nicht, dafür werde ich schon sorgen, und meine endet nicht. So. Ihre endet, bevor sie beginnt, und meine beginnt überhaupt immer und endet nie. So.»

So geht das bei Jelinek. Und so ginge das auch in Claudia Meyers Inszenierung – eigentlich. Krüger/Schneider/Stark haben, einzeln wie auch als Trio, das Format und den Schnauf, um Jelineks Text die nötige Durchschlagskraft zu geben. Was man von der Inszenierung nicht sagen kann: Sie scheint diesem Text so wenig zu trauen wie der Konzentrationsfähigkeit des Publikums. Statt dessen: Action, ­Action, Action!

Kaum dass man nach dem Vorspiel auf der Tribüne sitzt, eine Etage über der nur mit einer silbergrauen Plane ausgekleideten Black-Box-Bühne, fährt Regisseurin Meyer einen nimmer mehr endenden Reigen von Einfällen auf: Videos auf zwei Leinwänden, Schrifttafeln und Texte ab Band, Akrobatik, eine Verkleidungsnummer, Versteckspiele im Vorhang, Resonanzspielzeug, ein Akkordeonist (Ruslan Shevchenko) und dazu noch zwei Tänzer in oft bloss pantomimischen Funktionen (Philippe Ducou und Patricia Ro­ton­da­ro). So weit, so wenig zwingend; das alles verdeutlicht oder verdichtet hier wenig, es fügt sich vielmehr zusammen einem fortgesetzten Ausweichmanöver, zu einer seriellen Übersprungshandlung.

War es die Scheu vor dem Text? Vor dem Risiko, sich ihm ganz auszuliefern? Klar, so einen Brocken muss man – selbst wenn auf die Hälfte gekürzt (Dramaturgie: Sophie-Thérèse Krempl) – auf der Bühne schon irgendwie modulieren. Aber hier wird er förmlich weggeturnt. Und spätestens der Videoclip, in dem die Schauspieler eine ganze Passage aus Jelineks Text als klischeetriefende Gangsta-Rap-Nummer servieren, stellt die szenische Fantasie grundlegend infrage, die auf dieser Bühne am Werk ist: Stellt man sich an diesem Theater den Migrationsvordergrund, um den es hier geht, wirklich so vor? Und wer glaubt hier noch an die Kompetenz dieses Texts?

So vergibt man eine Chance

Das ist sie wohl, die uralte Stadttheaterkrankheit: Inkonsequenz und der selbst auferlegte Bekömmlichkeitszwang. Und das sogar hier, vor diesem ausgesucht schmalen Publikum in der kleinsten aller Spielstätten. Man staunt.

«Die Schutzbefohlenen» sind wohl tatsächlich das ominöse Stück der Stunde, der schlagende Missing Link zwischen Kunst und Realität; nicht umsonst wurde es auf Deutschlands Bühnen in den ­letzten zwei Jahren praktisch flächen­deckend gespielt. Keine leichte Konkurrenz also, aber nun hat sich Bern noch die Schweizer Erstaufführung gesichert, vor dem Zürcher Schauspielhaus, das im Mai folgt. So konsequent muss man eine Chance auch erst einmal vergeben.

Weitere Vorstellungen bis 4. Mai, Vidmar 2

Der Bund

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