Unpolierte Bubenträume

Beschwingt inszeniert und von kräftigem Humor geprägt: Patricia Benecke zeigt im Stadttheater eine ungehobelte und urkomische Bühnenfassung von Mark Twains «Die Abenteuer des Tom Sawyer»

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Helikoptereltern seien gewarnt. Aus Fürsorge werden sie vielleicht ihre Schützlinge nicht zusehen lassen, wie der Lügenbold Tom Sawyer schliesslich kriegt, was er will. Oder wie er auf Gräber pupst, sich eines Suffkopfs erbarmt, von seiner eigenen Beerdigung träumt.

Das diesjährige Weihnachtsmärchen des Konzerttheaters Bern ist ungehobelt und urkomisch (Bühnenfassung: Marco Süss). Die beiden Protagonisten Tom Sawyer (Tobias Krüger) und Huckleberry Finn (David Berger) sind eingespielt, wie es beste Kumpels sein können. Inmitten des fiktiven St. Petersburg am Mississippi regieren die Bubenträume und der Schalk. Erziehungsberechtigte und Pädagogen können hier gar nicht anders, als sich dem anzuschliessen. Sie wechseln Rolle und Kostüm in teils erstaunlichem Tempo, singen und tanzen für die jungen Zuschauer oder auch mit ihnen.

Dabei stehen ihnen drei Musiker zur Seite, die Banjo, Geige, Posaune oder Gitarre spielen. Etwas verschlafen lungern sie im Bühnenbild herum. Ihre Lieder beweisen, dass der Komponist Patrick Zeller schon länger weiss, wie man Musik für das Theater schreibt. Im Hintergrund drehen sich drei Windräder, ein viertes steht abgeschnitten zuvorderst und ist bekletterbar. Mehr braucht das Bühnenbild von Konstantina Dacheva nicht, es harmoniert mit detailverliebten Videoprojektionen von Fabian Chiquet. So wird die Rückwand mal zum Mississippi, mal zur Projektionsfläche für Tom Sawyers Träume.

In kollegialer Kampfstellung

Die Projektionen visualisieren auch das berühmte Zaunstreichen Tom Sawyers. Er macht die unliebsame Tätigkeit seinem Freund Alfred Temple derart schmackhaft, dass dieser (Jonas Alexander Rhonheimer als erstklassige Schiessbudenfigur) und die anderen Buben richtig streichgeil werden. So entkommt Sawyer dieser Strafaufgabe und erfüllt sie zugleich. Tante Polly (Lilian Naef, tantenhafter geht es nicht), ist entzückt. Ihr lilafarbener Reifrock (Kostüme: Romy Springsguth) zitiert optisch die Windräder im Hintergrund. Er wird Teil des Bühnenbilds und fliegt prompt von oben herab, wenn Naef wieder in diese Rolle schlüpfen soll.

Tom Sawyer und Huckleberry Finn raufen sich gern und haben ein mindestens zehnteiliges Begrüssungsritual. Auch mit seiner Freundin Becky (Sophie Melbinger) balgt sich Tom Sawyer, denn grundsätzlich begegnet man sich hier in kollegialer Kampfstellung. Dann geht es mit den Angeln zum Fluss. Die Fische aus Schaumstoff fliegen durch den Saal, werden festgehalten und klatschen dann in hohem Bogen wieder auf die Bühne. Wer hier wen an der Angel hat, bleibt offen.

Morbider Enthusiasmus

Tobias Krüger, der als Tom Sawyer seine Lügen erkennbar und seine Rolle durchschaubar macht, fragt dann: «Wollt ihr wirklich auf den Friedhof? Wollt ihr Mitternacht, Nebel und Leichen?» Der Fall scheint klar zu sein, aus einer Kehle erschallt das enthusiastische «Ja». Also stolpern die beiden Freunde durch den Kriechnebel zum Friedhof, wo sie Zeugen von Exhumierung und Mord werden. Das neue, versenkbare Hubpodium gibt die Unterwelt frei, rund um das darin eingelassene Grab werden Würmer projiziert.

Dass dieses Publikum nicht nur furchtlos, sondern auch klug ist, zeigt sich später wieder an den Reaktionen auf die vorgestellte Trauerrede. Tom Sawyer, ein wohlerzogenes Vorbild für alle Kinder? Dass diese nicht lachen! Alle Beteiligten wirken beinahe erleichtert ob diesen Reaktionen.

Patricia Benecke hat mit «Die Abenteuer des Tom Sawyer» einiges aufs Spiel gesetzt. Ihr mitunter zupackender Humor zeugt möglicherweise von ihrem langjährigen Theaterschaffen in England. Dass ein solcher Humor in einem Kinderstück zwar ein Risiko, aber bei weitem keine Zumutung darstellt, verdankt sich auch der geschickten Dramaturgie von Elisabeth Caesar und Lea Lustenberger. Es bleibt: ein wunderbarer Bubentraum, ganz ohne Politur.

Weitere Aufführungen: www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2016, 19:48 Uhr

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