«Ungehindertes Schalten und Walten»

Hat der Intendant gegen die Geschäftsordnung des Stadttheaters verstossen? Recherchen der «SonntagsZeitung» legen es nahe.

Der bisherige Präsident Brülhart (rechts) habe Märki (links) lange gestützt. Nun habe er richtig reagiert und für dessen Rücktritt plädiert. «Das alles bestärkt mein Vertrauen», so von Graffenried.

Der bisherige Präsident Brülhart (rechts) habe Märki (links) lange gestützt. Nun habe er richtig reagiert und für dessen Rücktritt plädiert. «Das alles bestärkt mein Vertrauen», so von Graffenried. Bild: Franziska Rothenbuehler

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Es brauche jetzt «Transparenz». Und einen «Kodex», der festhalte, «wie die Mitarbeiter miteinander umgehen». So erklärte es der Stiftungsrat von Konzert Theater Bern (KTB) am Freitag, als Intendant Stephan Märki per sofort zurücktrat. Er hatte das Vertrauen des Stiftungsrats verloren, weil er ein privates Verhältnis verheimlicht hatte – das zu Sophie-Thérèse Krempl, die mit ihm in der Geschäftsleitung sitzt. Sass, denn sie hat ebenfalls demissioniert (wir berichteten).

Womöglich verstiess der Intendant aber nicht nur gegen einen Kodex, der noch geschrieben werden soll. «Mutmasslich» brach er bereits bestehende Regelungen – so formuliert es die «SonntagsZeitung», die gestern ihre Recherche zum Fall publizierte.

Es geht um die Geschäftsordnung des Stadttheaters. Und um die Frage, wie sich ein Mitglied der Geschäftsleitung bei «In­teressenkollisionen» verhalten müsse: Es «hat in den Ausstand zu treten», so die Bestimmung. Man enthält sich also bei Entscheidungen, die private Interessen tangieren.

«Verstoss gegen die Regeln»

Damit hätten Märki und Krempl nie gemeinsam in der Geschäftsleitung sitzen dürfen. Das erklärt in der «SonntagsZeitung» Marcel Brülhart, der bis zum 30. Juni den Stiftungsrat präsidierte: Er hätte das nicht akzeptiert, hätte er von der Liaison gewusst. Seine Begründung: «Die nicht offen gelegte persönliche Verbindung bewirkt im Ergebnis einen Verstoss gegen die Ausstandsregeln der Geschäftsordnung.»

Daraus schliesst der Bericht auch, dass Krempl weder die Leitung der Kommunikation noch jene der Abteilung Sonderprojekte hätte übernehmen dürfen, «denn auch die gehört zur Geschäftsleitung». Damit scheint genau das institutionalisiert gewesen zu sein, was die Hausregeln verhindern sollten: die Verquickung geschäftlicher und privater Interessen auf der Führungsetage.

Was daraus folgte, zeigt die Zeitung in zwei Fällen auf, und beide betreffen das Schauspiel. Also jene Sparte, die unter Märki mit Konflikten und Abgängen belastet war. So soll es der Intendant zur «Bedingung für die Schauspieldirektion» gemacht haben, dass diese die Regisseurin Claudia Meyer übernimmt – die «frühere Lebensgefährtin» des Intendanten. Im Zusammenhang mit Märkis aktueller Liaison sollen zudem die Befugnisse des Spartenleiters beschnitten worden sein: Ihm sei die Kompetenz über die Dramaturgie entzogen worden, obwohl sie gemäss Geschäftsordnung ihm untersteht. Der Punkt: Märkis Geliebte Krempl war vorübergehend auch Dramaturgin. Inwiefern es um Begünstigung geht, bleibt offen. Der Vorgang erhellt aber den Fall Cihan Inan: Der Leiter des Schauspiels hatte sich mit Krempl zerstritten. Er kapitulierte angesichts der Kompetenzkonflikte und tritt nun vorzeitig ab.

Demnach hätten nie beide in der
Geschäftsleitung sitzen dürfen.

Die «SonntagsZeitung» spricht von «Machtmissbrauch» des Intendanten. Aber auch von einem Versagen der Politik: Die Stadtregierung habe die Konflikte «nicht ernst genug genommen». Diesen Vorwurf äussert gegenüber dem «Kleinen Bund» auch Milena Daphi­noff. Die CVP-Stadträtin sieht sich bestätigt, dass der Gemeinderat die Probleme bei KTB «falsch eingeschätzt» habe: «Er stellte sich blind hinter den Stiftungsrat.» Dabei hätte er «alarmiert» sein und gründlichere Abklärungen verlangen müssen.

Die Missstände hätten eben, so Daphinoff, nicht nur mit Personen zu tun. Sondern auch mit einer «Struktur, die dem Intendanten sein ungehindertes Schalten und Walten ermöglichte». Es brauche künftig «klare Grenzen» für den Chef. Von der Stadt erwartet Daphinoff, dass sie ihre Verantwortung «direkter wahrnimmt» und einen Vertreter des Gemeinderats oder der Kulturförderung in den Stiftungsrat von KTB schickt. Aber auch in die Findungskommission, die nun Märkis Nachfolger sucht. «Sie muss dort dafür sorgen, dass das Führungsmodell überprüft und allenfalls angepasst wird.»

Schliesslich hinterfragt Daphinoff auch die Lohnfortzahlung für Märki bis Frühling. «Wenn er die Geschäftsordnung wirklich gebrochen haben sollte, dann wäre die Fortzahlung stossend.»

«Führungsstärke gezeigt»

Hat die Politik KTB also zu Unrecht vertraut? «Der neu zusammengesetzte Stiftungsrat hat das Problem erkannt und es rasch und angemessen gelöst. Er hat Führungsstärke gezeigt», sagt Stadtpräsident Alec von Graffenried. Gerade der bisherige Präsident Brülhart habe Märki lange gestützt. Nun habe er richtig reagiert und für dessen Rücktritt plädiert. «Das alles bestärkt mein Vertrauen», so von Graffenried. Er bezweifle auch nicht, dass die von der Stadt delegierten Stiftungsrätinnen Nadine Borter und Sibyl Matter ihren Auftrag wahrnähmen.

KTB sei und bleibe eine unabhängige Stiftung; die Vertretung im Stiftungsrat sei – neben dem Leistungsvertrag – das «Steuerungsinstrument» der Stadt, und es habe sich bewährt. Zur Lohnfortzahlung will sich von Graffenried nicht äussern. Nur so viel: Wenn es zwingende Gründe für eine fristlose Entlassung gegeben hätte, hätte sich der Stiftungsrat gewiss dafür entschieden und auf die Zahlung verzichtet.

Und die Forderung, die Stadt müsse in die Findungskommission? «Das ist ebenso unser Anliegen wie die Diskussion zum Führungsmodell.» Der ganze Gemeinderat werde sich mit dem Stiftungsrat treffen; diese Fragen stünden dabei im Zentrum.

(Der Bund)

Erstellt: 09.07.2018, 06:41 Uhr

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