Sänger an die Macht!

Jan Lauwers, der belgische Theatermann und Gründer der kultigen Needcompany, gibt bei den Salzburger Festspielen sein starkes Debüt als Opernregisseur. Und spaltet damit das Publikum.

In der Salzburger «Poppea» besteht die Inszenierung im Wesentlichen aus einem barockisierenden Riesengemälde. Foto: Keystone

In der Salzburger «Poppea» besteht die Inszenierung im Wesentlichen aus einem barockisierenden Riesengemälde. Foto: Keystone

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Keine Fachsimpeleien, kaum Small Talk. In der Pause der Salzburger Premiere von Claudio Monteverdis «L'incoronazione di Poppea» hört man für einmal fast nur angefangene Sätze: «Es ist ja schon ziemlich . . .», sagt einer und nimmt einen Schluck Prosecco. Und sein Gegenüber nickt: «Ja, es ist schon irgendwie . . .»

Also wie jetzt? Sagen wir ­einmal: anders als gewohnt. Durchaus im Trend zwar, von der Konstellation her. Die Opern­veranstalter setzen ja schon seit langem auf Quereinsteiger, die neue Ideen, neues Publikum und ein paar Schlagzeilen bringen sollen. Die Filmregisseure sind inzwischen wieder ein bisschen aus der Mode gekommen; jetzt sind die Choreografen dran, die choreografisch denkenden Theaterleute, die Erfinder von Bildern und Körpersprachen. Also Leute wie der multitalentierte Belgier Jan Lauwers, der mit seiner Needcompany seit 1986 die freie Theaterszene aufmischt – und nun dank Markus Hinterhäuser, dem leicht subversiv veranlagten Intendanten der Salzburger Festspiele, gleich bei seiner ersten Operninszenierung im Zentrum der hochglamourösen Hochkultur angekommen ist.

Zuhören statt dirigieren

Auf ein anderes Stück als die «Poppea» hätte er sich nicht eingelassen, hat Lauwers im Vorfeld gesagt, und das war nicht nur Marketing. Denn sein Theaterverständnis kollidiert tatsächlich auf faszinierende Weise mit diesem frühbarocken Werk: So skrupellos die Protagonisten – der irre Kaiser Nero und seine ehrgeizige Geliebte Poppea – ihre Macht ausspielen, so entspannt gibt der Regisseur die ­seine ab. Er setzt Rahmen, aber er überlässt es weitgehend den Darstellern, was sie darin anstellen wollen. Es kann gern auch jeden Abend etwas anderes sein.

Das sind sich nun gerade Sängerinnen und Sänger nicht gewohnt, und ein bisschen merkt man das dieser Salzburger «Poppea» an, zumindest im ersten Teil, zumindest bei dieser Premiere. Da besteht die Inszenierung im Wesentlichen aus dem Bühnenbild, einem barocki­sierenden Riesengemälde mit lauter nackten Leibern. Man kann die Erschöpfung nach einer Orgie  darin  sehen  oder  ein Schlachtfeld, es kommt auf dasselbe heraus. Wer auftritt, geht über Leichen. Und er geht fast immer nach vorne an die Rampe, um seine Arie loszuwerden: Schematisch wirkt das, auch wenn hinten zuweilen ein paar (aktuelle und ehemalige) Mitglieder der Salzburg Experimental Dance Company über die Bühne rennen, torkeln, fallen.

Aber es klingt umso überraschender – dank William Christie und seinem Ensemble Les Arts Florissants, das in zwei kleinen Gräben mitten im Bühnenbild sitzt. Von der räumlichen Anlage her erinnert das an die «Poppea», die Calixto Bieito jüngst im Zürcher Opernhaus gezeigt hat; doch die musikalische Haltung ist weit radikaler. Das Orchester ist winzig und überaus eigenwillig proportioniert: Nur zwei Geigen, zwei Kornette, eine Blockflöte gibt es da; aber dafür eine elfköpfige Continuogruppe mit Gamben, Lauten, einem Dulzian und zwei Cembali. An einem sitzt Christie, der nicht dirigiert, sondern höchstens hin und wieder einen Impuls setzt. Und, vor allem: zuhört.

Tänzer auf dem Plattenteller

Genau wie der Regisseur überlässt auch er den Sängern die Macht. Sie bestimmen, wann eine Arie beginnt (und nichts würde die Einsamkeit der betrogenen Kaiserin Octavia krasser zeigen als die endlosen Sekunden, in denen man nur ihre Schritte hört). Sie dürfen ihre schönsten Töne aushalten, so lange sie wollen, oder Verzierungen einbauen oder vorwärtsstürmen. Die Musiker ziehen mit. 

Und wieder einmal fragt man sich, wie Christie das eigentlich macht. Wie er die Wärme in die Klänge bekommt und die Leichtigkeit. Wie er es schafft, dass diese Musik so frei klingt, so ganz und gar unangestrengt – und dennoch präzis, fokussiert, alles andere als harmlos. Man hört durchaus, dass es in diesem Stück um Mord geht, um Sex, um Verrat und Rache. Aber man hört auch die Kehrseite der Geschichte: die Sehnsucht, welche die Figuren antreibt. Oder das Glück, wenn sie mal kurz denken, sie hätten ihr Ziel erreicht.

Es ist ein Trugschluss, natürlich. Das wusste schon Monteverdi, und Jan Lauwers betont es mit einer kleinen runden Plattform mitten auf der Bühne, auf der sich ein Tänzer um sich selber dreht, als stehe er auf einem Plattenteller. Wird ihm schwindlig, wird er abgelöst, und weiter geht es, gut drei Stunden lang: kein Stillstand, kein Fortschritt, nur immer weiter im Kreis. Das ist natürlich symbolisch gemeint, und vielleicht ist es sogar ein bisschen banal. Aber je länger der Abend dauert, desto mehr hypnotisiert einen dieses Kreisen.

Irgendwann verwandelt sich die Bühne in eine Art dreidimensionales Wimmelbild.

Spätestens nach der Pause ist man dann tatsächlich drin in ­dieser seltsamen Aufführung, in der Dinge passieren oder auch nicht. Tänzer tun, was sie wollen, um sich plötzlich in einer scheinbar locker hingeworfenen Gruppenchoreografie zu finden. Ein prächtig schräger ­Kronleuchter wird auf die Bühne  ­gesenkt und verschwindet ­wieder. Es gibt eigenartige ­Kopfbedeckungen, entworfen vom mit der Needcompany verbündeten Duo Lemm & Barkey, das im Programmheft zu Recht für die «schonungslos hysterische Materialbehandlung» gerühmt wird.

Irgendwie, irgendwann verwandelt sich die Bühne in eine Art dreidimensionales Wimmelbild: Die Grenzen zwischen den gemalten und den realen Leibern verschwimmen. Und wohin man schaut, sieht man Machtspiele, subtile, brutale, tödliche.

Auch die Sängerinnen und Sänger lösen sich zunehmend auf in diesem Bild, sind mal Täter, mal Opfer – und singen hinreissend. Nicht nur der Star der Aufführung, die Sopranistin Sonya Yoncheva, die als Poppea ein vokal überaus grosszügiges Salzburger Bühnendebüt gibt. Da ist auch Kate Lindsey in der Kastraten-Partie des (meist von Countertenören dargestellten) Nerone, die in ihren goldenen Schlaghosen charmiert und keift, verführt und quält, als sei sie tatsächlich irr. Oder da ist Stéphanie d'Oustrac, die wie schon in der Zürcher «Poppea» auch hier eine wirklich kaiserliche Octavia gibt. Und schliesslich muss man den Countertenor Dominique Visse erwähnen, der mit der Amme Arnalta eine seiner Paraderollen gibt: hoch komisch, zutiefst menschlich und stimmlich genau so hemmungslos und zärtlich, wie diese Figur zu sein hat.

Wenn zuletzt alle in einer perfekten Zeitlupenshow auf das fast nur geträumte Liebesduett von Nero und Poppea reagieren, hätte man die Zeit gerne ganz angehalten. Aber dann ist das Stück vorbei, und man stellt fest, dass sich die halben Pausensätze zu überaus dezidierten Meinungen vervollständigt haben: Die einen jubeln, die anderen buhen. Schade eigentlich. Das Schönste an dieser Aufführung war ja tatsächlich, dass sie so irgendwie . . .

Streaming auf www.medici.tv und www.myfidelio.at: 20.8., 18.30 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2018, 20:50 Uhr

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