Trautes Heim, stirb allein

Was passiert, wenn man den eigenen Sohn und Bruder nicht mehr erkennt? «Das Missverständnis» von Albert Camus ist eine moderne Tragödie.

Keine fröhliche Familienzusammenkunft: Die müde Mutter (Heidi Maria Glössner), der verlorene Sohn (Nico Delpy) und die manische Tochter (Irina Wrona) im baufälligen Gasthaus.

Keine fröhliche Familienzusammenkunft: Die müde Mutter (Heidi Maria Glössner), der verlorene Sohn (Nico Delpy) und die manische Tochter (Irina Wrona) im baufälligen Gasthaus.

(Bild: Tanja Dorendorf)

Jan kehrt nach Hause zurück. Auf einem anderen, sonnigeren Kontinent hat er sein Glück und viel Geld gemacht und geheiratet. Nach zwanzig Jahren ohne Kontakt sucht er seine Mutter und seine Schwester Martha auf, die in einer verregneten Stadt ein baufälliges Gasthaus führen. Entgegen dem Rat seiner Ehefrau Maria spielt Jan aber nicht mit offenen Karten; nicht sofort gibt er sich als Sohn und Bruder zu erkennen.

Zuerst möchte Jan die Frauen heimlich beobachten und so herausfinden, wie er sie am besten glücklich machen kann. Das entpuppt sich als folgenschwerer Fehler, denn so harmlos sind die beiden Damen nicht. Mutter und Schwester sind damit beschäftigt, ihre reichen Gäste auszurauben und zu ermorden. Das so erbeutete Geld lässt sie von einem besseren Leben träumen, von Freiheit und einem Heim am Meer. Wohin das alles auf der Ebene der Handlung führt, soll hier nicht verraten werden. Nur ein Wort der Warnung: Eine erbauliche Weihnachtsgeschichte ist «Das Missverständnis» sicher nicht.

«Europa ist so traurig»

Die albtraumhafte Geschichte, die hier erzählt wird, kommt am Rande schon in «L’Etranger» vor, Albert Camus’ Erfolgsroman aus dem Jahr 1942. Im Gefängnis liest die Hauptfigur Meursault immer wieder einen Zeitungsausschnitt; dieser berichtet von einem Mann, den das gleiche Schicksal wie Jan ereilt. Zu einem eigenen Stück entwickelte Camus «Das Missverständnis» 1943 im besetzten Frankreich. Aus dem Text spricht ein Gefühl des Eingesperrtseins, doch von unmittelbar politischen Themen bleibt er weitgehend frei. Nur an wenigen Stellen bricht sich Verzweiflung über die katastrophale Lage des Kontinents Bahn: «Europa ist so traurig», lamentiert Maria, und Martha träumt von fernen Ländern, denn ihre «Geduld für Europa ist erschöpft».

Aber im Grossen und Ganzen ist «Das Missverständnis» Existenzialismus à la Camus in Reinform – in einer Grenz­situation müssen sich Individuen der Absurdität der Welt und der anderen stellen. Alle sind sie einsam und gequält, unfähig, sich anderen Menschen zu öffnen, und überhaupt: «Die ganze Welt ist sinnlos«, wie die Mutter in einer Schlüsselszene sagt.

Ein visuelles Fest

Claudia Meyer, Hausregisseurin am Deutschen Nationaltheater Weimar, führt in Bern Regie und bringt ihre Fassung des Dramentexts auf die Bühne. «Das Missverständnis» ist schon ihre achte Arbeit für Konzert Theater Bern: Unter anderem hat sie hier Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» (2013) sowie Lukas Bärfuss’ «Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde» (2017) inszeniert.

Den ersten Teil von «Das Missverständnis» inszeniert Meyer in einem expressiv beleuchteten Hotelzimmer, in dessen Wänden, Decke und Boden tiefe Risse klaffen – die Szenerie scheint einem Horrorfilm entlehnt. Das Bühnenbild (Konstantina Dacheva) ist eindrücklich und einprägsam, Lichtgestaltung (Rolf Lehmann) und Kostümdesign (Barbara Kurth) tragen das Ihre zur ästhetischen Überzeugungskraft des Stücks bei.

Viele Szenen sind ein visuelles Fest, so zum Beispiel die ganze Sequenz nach der Pause, die an einem Fluss spielt. Dort, wo die Bühne vorher eng und klaustrophobisch war, ist sie nun weit und leer. Nebel wabert über den Boden, wildromantisch-verrückte Klaviermusik erklingt. Und hier liefern sich zwei Frauen, die unschuldige Maria – in einem rötlichen Kleid mit blauem Schal, den sie sich um Kopf und Schultern legt, was an ihre berühmte Namensvetterin erinnert – und das Teufelsweib Martha, ein letztes Gefecht mit Worten und Taten. Hotelzimmer und Flusslandschaft sind beide lesbar als prekäre Innenwelten; das Zimmer zersplittert, die Naturlandschaft lässt die Figuren einsam und verloren zurück.

Überkandidelte Darbietung

Doch die visuelle Überzeugungskraft vermag nicht, das ganze Stück zu tragen. Gerade in der ersten Hälfte sind manche Passagen ermüdend lang, obwohl tief in die Trickkiste des modernen Theaters gegriffen wird: Da gibt es zum Beispiel Videoprojektionen der Schauspieler, die Teil des Bühnenbildes sind, oder es werden Voice-overs mit inneren Monologen der Figuren eingespielt. Und dann sind da noch zwei ziemlich unvermittelte gesangliche Einlagen, in denen Gedichte aus Charles Baudelaires «Die Blumen des Bösen» zum Besten gegeben werden.

Ob solche Effekte ein Eintauchen in die Welt des Stücks befördern oder bewusst verhindern sollen, wird nicht ganz klar. Jedenfalls bleibt man gespalten zurück: Man hat viel gesehen, optisch war alles beeindruckend, doch so ganz ernst konnte man dieses Spektakel nicht nehmen. Zu überkandidelt war die Darbietung, zu verliebt in ihr eigenes Pathos.

Die Exaltiertheit der Inszenierung bringt es auch mit sich, dass die Figuren sehr überzeichnet sind. Abrupt wird hier gelacht und geweint, die Gesten sind teilweise fast übertrieben gefühlvoll, viele Affekte wirken künstlich. Das macht es schwierig, die Motivationen der Handelnden nachzuvollziehen. In der Berner Version ist «Das Missverständnis» jedenfalls kein psychologisches Stück, sondern eine Art griechisches Drama, in dem die Katastrophe immer schon programmiert scheint.

Schauspielerische Glanzleistungen

Das Ensemble vermag dennoch zu glänzen. Heidi Maria Glössner überzeugt in der Rolle der müden, unsicheren Mutter, die sich nur zögernd gegen ihre Tochter stellt. Irina Wrona gibt eine manische Martha, die fast ohne Übergang zwischen kalter Trostlosigkeit und höchster Verzweiflung schwankt. Nico Delpy ist als Jan zuerst freudig-verschmitzt und etwas naiv, dann zunehmend melancholisch und von Ängsten getrieben. Und Marie Popall, seit dieser Spielzeit festes Ensemblemitglied bei Konzert Theater Bern, spielt eine Maria, die zuletzt an der Absurdität der Welt zu zerbrechen droht.

Und dann ist da noch der stumme Knecht, gespielt von Michael Wilhelmi. Die Figur ist zugleich Helfer und Mitwisser, schweigender Kritiker und versteckter Beobachter. Doch vor allem ist Wilhelmi auch für die musikalische Untermalung des Stücks zuständig. Die Klaviermusik, von dissonant und düster bis schwärmerisch, von klassisch bis jazzig, erklingt immer dann, wenn die Beobachterrolle auf der Bühne fehlt. Ganz am Ende darf der Knecht doch noch ein Wort sagen und sich dem Wahnsinn widersetzen, dem er die letzten Stunden beigewohnt hat. Gut so.

www.konzerttheaterbern.ch

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