Tradition versus Pop-Art

Versuchsratten in einem grossen Firmenexperiment: Das Theater Biel-Solothurn zeigt Lutz Hübners Satire «Die Firma dankt» als sehenswerte Schweizer Erstaufführung.

Zunehmend verzweifelt: Adam Krusenstern (rechts, Günter Baumann) geht durch die Hölle einer neuen Firmenkultur.

Zunehmend verzweifelt: Adam Krusenstern (rechts, Günter Baumann) geht durch die Hölle einer neuen Firmenkultur. Bild: Ilja Mess

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Als Urs Widmer 1996 in seinem Theaterstück «Top Dogs» das Thema Arbeitslosigkeit in die Chefetage hievte, liess er elegant gekleidete entlassene Manager in einer Outplacement-Firma über einen Neuanfang räsonieren.

Ganz anders Lutz Hübner, dessen 2011 entstandenes Stück «Die Firma dankt» der junge Welschschweizer Jérôme Junod am Samstag in Solothurn auf eine gut durchdachte, vitale Weise zur Schweizer Erstaufführung brachte. Da geht es schreierisch-bunt zu und her, und schon das von Nathalie Lutz gestylte Outfit – Anzug und Krawatte gegen T-Shirt, Turnschuhe und Tattoo – verrät die sich anbahnende Konfrontation zwischen einer traditionellen Firmenkultur und einer ebenso jugendlich-chaotischen wie rücksichtslos-zynischen, die realen Gegebenheiten mit Pop-Art und Virtualität vermischenden Neuorientierung.

Von diesem Wandel erfasst, entlässt die fragliche Firma ihr Kader und verschont einzig Abteilungsleiter Krusenstern, den sie zusammen mit dem Personalchef, einer Personaltrainerin und einem Exponenten der neuen, poppigen Managergeneration ins Gästehaus beordert.

Kein entspanntes Wochenende

Da harrt dann Günter Baumann als Adam Krusenstern der Dinge, die da kommen werden, und bereits die ersten Kontakte des konventionell gekleideten, überaus korrekten, ernst dreinblickenden, ein wenig spiessigen Managers mit seiner quirligen, die weiblichen Reize jovial ausspielenden Betreuerin Mayumi (Atina Tabé) verraten die Gegensätze, die den Abend bestimmen werden. «Ein entspanntes Wochenende» kündet Mayumi dem Gast an, aber was er erleben wird, ist nichts weniger als ein Gang durch die Hölle – den er einzig deshalb über sich ergehen lässt, weil er «eine Familie zu ernähren hat».

Zunächst ignoriert Krusenstern das smart-trendige, mal zynisch herablassende, mal kindisch-infantile Verhalten des von Jan-Philip Walter Heinzel mit viel komödiantischem Flair verkörperten Personalchefs John und des von Tim Mackenbrock mit abgründigem Zauber gespielten jungen Wilden Sandor. Und er plant eine Sitzung traditionellen Zuschnitts. Obwohl ihn die offenbar selbst um ihr Verbleiben in der Firma besorgte Personaltrainerin Ella (Barbara Grimm) dabei unterstützt, scheitert das Vorhaben glorios. Mit Erkenntnissen wie «Das Neue ist keine Qualität an sich» oder «Jugend ist nicht abendfüllend» macht er sich nur lächerlich und muss schliesslich erkennen, dass er kurz vor seinem endgültigen Rauswurf bloss eine «Versuchsratte» in einem Experiment ist, das darauf abzielt, die bisherige Firmenphilosophie zu begraben.

Grossartiger Günter Baumann

Mit welcher Wucht an Körpersprache, stimmlicher Präsenz und dramatischer Kraft Günter Baumann allerdings diese Figur das letzte Aufflackern von Trotz und Widerstand, das allmähliche Aufkommen von Resignation und Verzweiflung und schliesslich den völligen Zusammenbruch durchleben lässt, ist schlicht grossartig und schenkt dem Theater Biel-Solothurn in der letzten Inszenierung der Saison nochmals eine vielbejubelte Sternstunde.

Dass es nach einer Schlägerei zu einer gefühlvollen Versöhnung mit dem designierten Konzernchef Sandor kommt und der die bereits ausgesprochene Kündigung deshalb wieder zurücknimmt, weil er in Krusenstern den Widerstandsgeist verkörpert sieht, den Valerie Solana Andy Warhol entgegenbrachte, ist dann allerdings weniger leicht nachzuvollziehen als der Schluss des Ganzen: Als der vom Trottel zur Unperson und dann wieder zum Warhol-Helden und künftigen Firmenhistoriker gemachte Krusenstern schlicht und einfach verkündet: «Ich gehe jetzt. Auf Wiedersehen.»

Premiere in Biel: 13. Mai. (Der Bund)

Erstellt: 08.05.2017, 07:14 Uhr

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