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Tote Kinder, tote Greise und die Schuldfrage

Neumarkt-Chef Peter Kastenmüller hat zum Abschied «Entschuldigung» uraufgeführt. Und sich redlich bemüht.

Wenn «Entschuldigung» auf Martin Butzkes vereinsamte, suizidale Greisin zoomt, dann stimmt alles.
Wenn «Entschuldigung» auf Martin Butzkes vereinsamte, suizidale Greisin zoomt, dann stimmt alles.
Judith Schlosser

Gezackte Spiegelscherben zeigen zwischen nackten Baumstämmchen ins Unwegsame, Ausweglose, als seien sie verdrehte Wegweiser. Bläulich reflektiert in ihnen das Licht, und rot glimmt unter Holzscheiten die Glut. Der Bühnenbildner Alexander Wolf hat für die Uraufführung von Lisa Danulats «Entschuldigung» einen faszinierenden Unort ins Theater Neumarkt hineingesplittert, wo sich buchstäblich Fuchs und Hase, pardon: Eichhörnchen, Gute Nacht sagen.

So friedlich ist das Getier aber nur deshalb rund ums Lagerfeuer versammelt, weil es schon tot ist. Ausgestopft wie die Kinderkleidung, die da in einer Ecke auf vergammelnden Autoreifen hockt wie eine erstarrte Leiche. Man schreit und tobt, so lange man lebt – erzählt das Stück der 1983 in Frankfurt am Main geborenen Dramatikerin.

Grausige Bluttat

Lisa Danulat hat sich am Staatstheater Mainz übers letzte Jahrzehnt zur anerkannten Theaterautorin geschrieben. Und die Uraufführung der Partitur «Entschuldigung», die sich, couragierterweise, der scheidende Neumarkt-Chef Peter Kastenmüller gesichert hat, gastiert demnächst an den Autorentagen in Berlin, einer Plattform für zeitgenössische Dramatik. Das Stück fusst auf der grausigen Bluttat, die Schweden 2008 erschütterte.

Eine deutsche Stalkerin – eine 32-jährige Studentin, die nicht von ihrem schwedischen Urlaubsschwarm lassen konnte, obwohl er die Beziehung längst beendet hatte – brach ins Haus ihres Angebeteten ein. Sie erschlug mit einem spitzen Hammer das einjährige wie das dreijährige Kind und verletzte deren Mutter, die Lebensgefährtin des Mannes, schwer. Bis in die letzte Instanz leugnete die psychisch angeschlagene Frau das Verbrechen, trotz erdrückender Beweislage. Lisa Danulat lässt nun fremde Stimmen den Fall schildern; Hanna Eichels verliebte Rucksackreisende dagegen behauptet immer wieder: «Das ist nicht meine Geschichte. Meine Geschichte geht anders aus.»

Aber die Wirklichkeit der Dinge kommt der Wirklichkeit der Fantasien regelmässig in die Quere. Wir verfügen bloss über fragmentarische Ansichten unseres Daseins, erhaschen kurze Blicke in den Spiegel wie damals bei der Tat die Mutter der toten Kinder, bevor sie ins Koma fiel. Und Danulat stellt in dem in Wiederholungen kreisenden Stück das Realitätsgebastel im Kopf nach: diesen Strudel aus Erinnerungen, Deutungen, Missverständnissen. Ihre Figuren sind immerzu auf der Suche nach dem «Fehler», ab dem alles schiefging: ein sinnloses Unterfangen, denn eine solche Ent-Schuldigung existiert nicht.

Schmerz der Einsamkeit

Die Story der Studentin und ihrer Vorverurteilung durch die Medien bildet dabei lediglich einen Flügel von Danulats ziemlich schematischem Triptychon über Leben, Tod und Schuld. Die zweite, zwischendurch hineingeschnittene Geschichte dreht sich um eine einsame Rentnerin, deren Sohn sich alle Jubeljahre mal meldet und deren Mann in Pseudo-Aktivitäten abtaucht.

Martin Butzke gibt die gottverlassene Greisin, die mit Nordic-Walking-Stöcken durch den abgestorbenen Wald tapert, überzeugend als eine Art grosse, stabilere Schwester der Studentin – Haar und Brille sind ähnlich, das Leid auch. Beide fühlen sich abgelehnt, verkriechen sich in Gedanken an bessere Zeiten. Doch der Schmerz übers Jetzt endet diesmal nicht in Mord, sondern im Selbstmord. Im schwedischen Fluss versank der blutige Hammer, im Rhein ertränkt sich die Alte selbst.

Dass sie zuvor als Fremdenführerin im Breisacher Münster Touristen das berühmte Triptychon Martin Schongauers erklärte, auf dem das Jüngste Gericht dargestellt ist: Das ist fast schon too much.

Vampire in Barock-Montur

Überhaupt: Der Text mit den diversen Innen- und Aussensichten der Gestalten sowie den unbeteiligten Erzählerinnen – Marie Bonnet und Sarah Sandeh fressen sich als genderfluide Vampire in angestaubter schwarzer Barock-Montur durch die Text-Fetzen – verfährt arg ostentativ. Mittels Leitmotiven und variierten Repetitionen entsteht eine Form theoretisch aufgeladener Predigt, welche nicht einmal über die 60 Minuten der Soiree trägt. Und dass ein realer Kindermord (an den wohl auch die Leiche im Eck gemahnen soll) schlicht als ein narrativer Altarflügel unter mehreren fungiert, ist zumindest problematisch.

Hätten Regisseur Kastenmüller und Theatermusiker Lars Wittershagen nicht ein derart ausgeprägtes Gespür fürs fesselnd abgründige Rauschen, fürs ungreifbar Dräuende, fürs ästhetische Generieren von Kältewellen und könnte das gute Ensemble nicht seine Stärken ausspielen in jenen Passagen, die ganz auf das Seelengewitter der Antiheldinnen zoomen, dann gäbe es für «Entschuldigung» im Grunde keine Entschuldigung.

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