«Theater kann leicht überfordernd sein»

Die Bernerin Alessandra von Aesch ist für das Vermittlungsprogramm von Schlachthaus-Theater und Dampfzentrale zuständig.

Hält wenig von elitären Strukturen: Alessandra von Aesch.

Hält wenig von elitären Strukturen: Alessandra von Aesch. Bild: Franziska Rothenbühler

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Frau von Aesch, wie vermittelt man Kultur?
Grundsätzlich würde ich sagen: auf Augenhöhe. Deshalb brauche ich auch lieber den Begriff Kontextprogramm. Vermittlung klingt ein wenig nach: Ich erkläre dem Publikum, was es sehen wird. Aber genau diese elitäre Struktur soll ja nicht reproduziert werden.

Man will doch in der Vermittlung auch etwas erklärt bekommen.
Finde ich nicht. Im Kontextprogramm soll das Publikum keine allgemein gültige Erklärung erhalten. Es geht vielmehr darum, die individuelle Wahrnehmung des Zuschauers oder der Zuschauerin zu stärken.

Wie entsteht also ein Kontextprogramm?
Ich arbeite eng mit Anneli Binder von der Dampfzentrale und Maike Lex vom Schlachthaus-Theater zusammen. Anhand des Programms überlegen wir uns: Wo braucht es Vermittlung? Wo würde es sich eignen? Dann gehe ich auf die Künstlergruppen zu, um herauszufinden, ob sie die Vermittlung mitgestalten wollen oder ob ich freie Hand habe.

Mit welchem Ergebnis?
Wir unterscheiden drei Ebenen. Erstens das Zuhören: Darunter fallen Einführungen oder Vorträge. Weil das eher einseitige Formate sind, versuchen wir meistens, sie mit anderen zu verbinden, zum Beispiel mit einem Publikumsgespräch. Zweitens gibt es den Austausch. Wir haben im Schlachthaus-Theater etwa das Kellerpalaver ins Leben gerufen, eine Art Safe Space, wo das Publikum unter sich diskutieren kann. Und drittens das Machen: Da geht es darum, die Besucher bei Workshops ihre eigene Kreativität entdecken zu lassen und ihnen dadurch den Zugang zur Kultur zu erleichtern.

Warum sind solche Veranstaltungen überhaupt nötig?
Viele Leute kommen um fünf vor acht ins Theater. Sie haben einen extremen Stress, setzen sich in den Saal und überlegen sich noch: Habe ich jetzt den Kühlschrank zugemacht? Habe ich die Haustüre abgeschlossen, und was mache ich morgen? Und dann ist das halbe Stück schon durch.

Eine Zeiterscheinung?
Ja. Durch die heutige Schnelllebigkeit wird ein Theaterbesuch oft in ein vollgestopftes Tagesprogramm reingequetscht – gerade auch bei einem jungen Publikum. So bleibt den Leuten selten Zeit, sich vorzubereiten. Das Kontextprogramm möchte Hand bieten, dass man vielleicht eine halbe Stunde vorher da ist, langsam ankommt und dabei beginnt, sich mit dem Thema des Abends auseinanderzusetzen.

Wie soll man denn dafür Zeit haben?
Wir mussten schon manche Diskussionsrunde verlegen, weil zu viele Leute gekommen sind. Das Bedürfnis, sich mehr Zeit zu nehmen und in Inhalte tiefer einzutauchen, ist schon da. Und indem man ein Angebot macht, schafft man auch diese Inseln. Aber es ist eben ein Angebot. Wenn man nicht will, muss man es nicht nutzen.

Angebote, sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen, machen auch Theaterprojekte. Reichen die nicht mehr aus?
Die Kultur spiegelt ja häufig die Gesellschaft, die schnelllebiger, vernetzter und komplexer geworden ist. So gesehen bietet das Theater sogar sehr viel, was aber fürs Publikum leicht überfordernd sein kann. Die Vermittlung soll eine Hilfe sein, Fragen zu stellen an ein Stück.

Hat sich die Bühnenkunst vom Zuschauer entfremdet?
Im Gegenteil: Früher war das Theater nur bestimmten Schichten zugänglich – heute ist das Publikum viel heterogener. Dadurch gibt es auch immer mehr verschiedene Ansichten zu einem Stück. Das Kontextprogramm ist letztlich eine Reaktion auf den Wissensdurst dieses breiteren Publikums.

Aber ans Festival Tanz in Bern beispielsweise kommen doch vor allem Leute aus der Szene.
Nicht nur. Dieses Jahr hatten wir etwa die Autorin Sandra Konrad zu Gast, die vor einem Stück einen Vortrag gehalten hat – beim Publikumsgespräch war dann ein Mann dabei, der nur wegen ihr gekommen ist, aber sich auch noch das Stück angesehen hat. Für ein Publikum, das sich für ein bestimmtes Thema interessiert, kann sich also etwas Neues auftun.

Welches sind die beliebtesten Formate?
Bisher wurden Publikumsgespräche oder Einführungen rege besucht. Formate nahe an der Praxis oder solche mit einem interaktiven Element sind aber meistens für ein breiteres Publikum noch zugänglicher.

Die Diskussionsreihe «Frauen im Theater» ist eines der Projekte, die Sie mitgestaltet haben. Spricht man mit Gender-Themen nicht ohnehin das klassische Theaterpublikum an?
Von diesem sind wir bei der Planung auch ausgegangen. Man muss ja nicht immer sagen: Das Publikum soll noch heterogener werden, manche Formate sind auch speziell für eine Zielgruppe gedacht. Gleichzeitig legen wir aber viel Wert auf eine breite Streuung.

Inwiefern ist Vermittlung auch Kommunikation?
Die beiden Bereiche werden oft vermischt. Wenn man etwas in den sozialen Medien macht, wird das manchmal auch schon für Vermittlung gehalten. Aber ein Hashtag ist noch lange keine Vermittlung, wie eine Kollegin einmal gesagt hat. Auszuhandeln, was es stattdessen sein soll, gehört zu meiner Arbeit dazu und ist immer wieder eine interessante Diskussion.

(Der Bund)

Erstellt: 06.12.2018, 08:09 Uhr

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