Starke Frauen, trottelige Männer

Die Schweizer Operettenszene blüht – auch in Hombrechtikon, wo derzeit mit viel Hingabe und Können für die 25. Premiere geprobt wird.

Die Wildschweine sind weg! Auch darüber kann man in Carl Zellers Erfolgsstück «Der Vogelhändler» ein schwungvolles Chorstück singen. Foto: Reto Oeschger

Die Wildschweine sind weg! Auch darüber kann man in Carl Zellers Erfolgsstück «Der Vogelhändler» ein schwungvolles Chorstück singen. Foto: Reto Oeschger

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«Beim Hinauslaufen kannst du gerne stolpern, Erich», ruft die Regisseurin Bettina Dieterle auf die Bühne. Und Erich, also der Bassbariton Erich Bieri, stolpert – genau so, wie es sich für einen total verkaterten Operetten-Baron gehört.

Wir sind in Hombrechtikon, im Gemeindesaal Blatten. Wie jedes Jahr seit 1994 wird hier eine Operette geprobt, diesmal ist es «Der Vogelhändler» von Carl Zeller, ein Hit des Repertoires. Die Zuschauertribüne mit ihren 500 rot betuchten Plätzen wurde bereits aufgestellt, auf der Bühne steht ein hübscher Pavillon in Form eines Vogelkäfigs, auch die Projektionen funktionieren; nun wird noch an der Beleuchtung gefeilt. Und natürlich an der Musik und den Texten, den Massenszenen und Slapstickeinlagen. An all dem eben, was eine gelungene Operettenaufführung ausmacht.

Nicht nur «dorftheäterlen»

Selbstverständlich ist das nicht. Die goldenen Zeiten der Operette sind schon lange vorbei, und Hombrechtikon ist weder Wien noch Paris. Barone gab es hier nie. Und der Ruf der einst so beliebten Gattung ist schlecht, nicht erst seit sich die TV-Serien als zeitgemässeres Format für Liebeswirren etabliert haben. «Die Operette besiegelt die Verklärung der Dummheit durch die Musik», hat schon Walter Benjamin gesagt, und viele geben ihm recht. Auf den grossen städtischen Bühnen finden Operetten, wenn überhaupt, nur noch in ironisierter, dekonstruierter, musikalisch aktualisierter oder sonstwie verfremdeter Form statt.

Genau dies ist nun allerdings die Chance der Operettenbühnen. Es gibt sie in verschiedenen Ecken der Schweiz; nicht nur in Hombrechtikon meint man es ernst mit dieser speziellen Form des Unernsten. Auch unterhaltende Kunst sei Kunst, das betonen hier alle. Früher oder später fällt in jedem Gespräch der Satz, dass es hier um mehr gehe als ums «Dorftheäterlen».

Für die Regie und die Musik, die Kostüme und die Solopartien holt man deshalb Profis. Dazu kommt ein Laienchor, der alles mitbringt, was man sich von einem Laienchor wünschen kann: Herzblut und geübte Stimmen, szenische Courage und die Bereitschaft, vom Notendruck über das Marketing bis hin zur Betreuung des Kostümfundus auch neben der Bühne alles zu tun, was zu tun ist. So ein Chor knickt auch nicht ein, wenn Bettina Dieterle zwischendrin mal den Kopf schüttelt: «So nicht, meine Lieben», ruft sie dann in deutlichstem Baseldeutsch, «ihr müsst schneller reagieren! Und immer in der Rolle bleiben!»

Vielleicht der Auftakt zu einer neuen Karriere

Schon bei der ersten Wiederholung kann die Regisseurin dann wieder nicken: So ist es recht. Für sie ist Hombrechtikon ein Abenteuer, das sich längst angebahnt hatte. Als Schauspielerin auf der Zürcher Opernhaus­bühne hat sie einst ihre Liebe zum Musiktheater entdeckt, «da konnte ich Regiegrössen von Ruth Berghaus über Bob Wilson bis zu Jean-Pierre Ponnelle über die Schulter schauen». Später hat sie als Gründungsmitglied der Comedy-Gruppe Acapickels ihr Flair für Komik und das entsprechende Timing trainiert. Der «Vogelfänger» ist nun ihre erste Operetten-Regie – und wer weiss, vielleicht der Auftakt zu einer neuen Karriere. Oder zumindest für eine längere Zusammenarbeit: «Die Idee wäre schon, dass wir hier eine szenische Sprache entwickeln können, die wir in den nächsten Jahren verfestigen und verfeinern.»

Eine staubfreie Sprache soll es sein, aber eine, mit der sich die Geschichten so erzählen lassen, wie sie gedacht waren. Das ist gerade in diesem Fall gar nicht so einfach, denn es gibt kein Original des «Vogelhändlers». Die Musik ist zwar gegeben, aber die ursprünglichen Dialoge sind nirgends aufzutreiben – also hat Bettina Dieterle auf der Basis von verschiedenen Aufführungen ihre eigene Version erstellt. Da redet dann der eingangs erwähnte Baron über die «Eingeborenen» (Protest des Chors), «äh, die Dorfbewohner» (Protest des Chors) «... und Dorfbewohnerinnen»: Die Lacher sind programmiert.

Schwierige Verwurzelung

Die Chorsänger selbst sind üb­rigens keine «Eingeborenen»: Niemand wohnt in Hombrechtikon, das Einzugsgebiet erstreckt sich von Zürich bis nach Richterswil. Und weil auch die Profis von aussen kommen, tut sich die Operettenbühne nach wie vor schwer mit der Verwurzelung in der Gemeinde. Aber man bemüht sich: Die Bäume auf der Bühne kommen aus der lokalen Pflanzenschau, man ist in den Gewerbeverband eingetreten und inseriert in der «Ährenpost». Zudem hat der Operettenchor dieses Jahr erstmals mitgemacht beim Anlass «Hombi singt», zusammen mit den übrigen acht Hombrechtiker Chören.

Geleitet wird der Chor von Caspar Dechmann, seit elf Jahren schon. Der Zürcher hat seine Karriere als Pianist begonnen, später als Begleiter in Gesangskursen und Opernhäusern viel über Stimmen gelernt und an grösseren und kleineren Bühnen alles Mögliche dirigiert. Dass die Operette zu seinen Spezialitäten gehören würde, war früh klar. Er mag dieses Genre, «die ‹Fledermaus› habe ich schon als Kind geliebt». Denn die Stücke seien nie nur senti­mental, «sie sind auch frech und gesellschaftskritisch». Ausserdem emanzipiert: «In den Opern sind die Frauen ja meist Opfer, hier sind sie die starken Figuren. Die Männer dagegen sind Trottel.»

«Wer Erfahrung hat, kann sich einige Freiheiten erlauben.»Erich Bieri

Erich Bieri ist das gern. Er singt, wo immer Operetten geboten werden: in Bremgarten, bei der Opera Box des Zürcher Kammerorchesters und seit Jahren auch in Hombrechtikon. Ein Profi also, nicht nur, wenn es ums Stolpern geht. Bieri beherrscht den Mix aus Schmelz und Ironie, den es braucht in diesen Stücken. Sein Baron mag eine absurde Figur in einer absurden Handlung sein, aber er ist lebendig, vokal wie szenisch. Erfahrung sei wichtig, sagt Bieri dazu nur: «Wer sie hat, kann sich einige Freiheiten erlauben.»

Für die Veranstalter ist es schwieriger mit den Freiheiten. Dirigent Dechmann jedenfalls seufzt, wenn man ihn darauf anspricht: «Es gäbe so tolle vergessene Stücke – aber das Publikum will immer dieselben Titel hören.» Bei Raritäten bleiben die Säle halb leer, selbst die weniger bekannten Stücke eines Hitfab­rikanten wie Johann Strauss ziehen kaum.

«Grüss euch Gott»

Aber das ist an der Mailänder Scala auch nicht anders als in Hombrechtikon. Und überhaupt, die Probe geht weiter, da ist keine Zeit für Kulturpessimismus. Es gilt die musikalischen Pointen zu polieren und die Melodien zu geniessen. Ganz hinten im Saal taucht jetzt der Vogelhändler Adam auf, im bürgerlichen Leben heisst er Daniel Zihlmann und kommt aus Horw bei Luzern, aber hier hat er einen perfekten Tiroler Akzent: «Grüss euch Gott, alle miteinander», singt er, der Chor singt mit, man möchte am liebsten mitwippen. Und ja: Hier darf man.

Premiere: Hombrechtikon, Gemeindesaal Blatten, 8. September, 19 Uhr. Weitere Aufführungen bis zum 13. Oktober. www.operette-hombrechtikon.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 18:07 Uhr

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14 Operettenbühnen gibt es in der Schweiz, in Liechtenstein und Vorarlberg; sie haben sich organisiert in der Musiktheatervereinigung, besuchen sich gegenseitig und sorgen dafür, dass diese oft belächelte Gattung weiter gepflegt wird. Der Anspruch ist hoch, das Publikum treu; es gibt Operettenfans, die von einer Produktion zur nächsten tingeln. Und nicht selten treffen sie an verschiedenen Orten auf dieselben Sänger: Der Kern der Szene ist klein, aber stabil. Gespielt wird in Gemeindesälen oder Gasthäusern, einzig in Arth gibt es ein eigenes, prächtig am See gelegenes Theater. Und auch wenn vor allem die Evergreens programmiert werden: Hin und wieder wagt sich eine Bühne auch an eine Rarität. (suk)


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