Sittenzerfall im Trailerpark

Grandios verstörend: Das Stück «Mendrisch» der Zirkus-Theatergruppe Cirque de Loin im Schlachthaus-Theater ist ein Variété der Lüsternheiten.

Die Szenerie erinnert an die amerikanischen Wohnwagensiedlungen, wo der «white trash», die weisse Unterschicht, haust.

Die Szenerie erinnert an die amerikanischen Wohnwagensiedlungen, wo der «white trash», die weisse Unterschicht, haust. Bild: zvg

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Zirkus ist, wenn einem die Luft wegbleibt. Wenn man hinsehen und sich gleichzeitig wegdrehen will. So gesehen ist «Mendrisch», eine Koproduktion des Schlachthaus-Theaters mit der Gruppe Cirque de Loin, eine grosse Zirkusvorstellung. Allerdings eben nicht nur aus artistischen Gründen. Hier senkt man den Kopf genauso aus Beschämung wie aus Fassungslosigkeit.

Die Szenerie ist eine Wohnwagensiedlung (Bühne: Sabrina Christ, Uli Weigel), die an die Trailerparks in den USA erinnert, wo der «white trash», die weisse Unterschicht, zuhause ist. Derb und zügellos ist das Leben ohne Aussicht. Der bärtige, langhaarige Däne (Tuk Frederiksen) erzählt grausame Witze und liebt seine schöne, tätowierte Schwester (Sofie Jasmin Sabroe). Die junge Mutter im Pelzmantel (Newa Grawit) ist nur am Stillen und Scheissen, und ihr Freund im Jogginganzug (Dominique Jann) vermöbelt regelmässig den Haus-Punk (Noah Egli), den er offenbar für einen Hund hält.

Bis der Berggeist erscheint

Die Sünde regiert in diesem Variété der Lüsternheiten, wo man im Kinderwagen kopuliert, wo Geschlechtsteile ausgepackt und Babys vernachlässigt werden. Wie ein stiller Ermahner taucht immer wieder der Mendrisch auf, dieser Berggeist aus der Innerschweizer Sagenwelt mit dem Widderschädel. Herrscht Sittenzerfall, dann hat er seinen Auftritt, so die Legende. Hier ist er ein Spielverderber, denn die Vulgaritäten im Stück sind fast so grandios inszeniert wie die Zirkusnummern (Regie: Michael Finger und Ensemble).

Grandios verstörend jedenfalls. Man gruselt sich, wenn die Mutter den Männern die Brust gibt oder die Punkrock-Band einen sehr expliziten Song über Geschwisterliebe vorträgt. Und man erschaudert bei den kühnen Akrobatikeinlagen der Dänen oder wenn sich der Artist Noah Egli fallen lässt und sich in letzter Sekunde mit den Beinen am Mast festhält. Zum brachialen Trommeln von Benedikt Utzinger wirken die Nummern wie primitive Rituale und sind doch von beeindruckender ­Präzision.

Ob artistische Höchstleistung oder obszöne Handlung, die Gruppe Cirque de Loin befriedigt jegliche Schaulust. Mal sind wir Zuschauer naive Bewunderer, dann wieder geile Gaffer. Mit einer ähnlichen Mischung aus Faszination und Ekel ist man früher Schaustellern begegnet.

Bei Cirque de Loin leben die Subjekte der Schande aber nicht mehr ausgestossen in Zirkuswagen, sondern unter uns. Wenn auch nur am Rande der Gesellschaft, denn die Würde ist ihnen trotzdem abhandengekommen. Würden wir nicht so gerne glotzen, wir drehten beschämt den Kopf weg.

Bis 7. Februar im Schlachthaus-Theater (Der Bund)

Erstellt: 30.01.2016, 09:36 Uhr

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