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Sie wollen doch nur spielen

Das Leben als Glücksrad: Das Theater Marie lädt an Bord eines Schiffs zu einem Spieleabend voll starker Theatermomente.

Atemlos: Der Spieleabend des Theater Marie auf dem Bielersee.
Atemlos: Der Spieleabend des Theater Marie auf dem Bielersee.
zvg

Das Publikum des Schlachthaus-Theaters sitzt für einmal nicht im Theatersaal, sondern an Bord eines Schiffs. Und zwar nicht an Bord irgendeines imaginären Theaterschiffs mit Schauspielermatrosen und doppeltem Boden, sondern in einem richtigen Schiff mit Kapitän und Dieselmotor. Und schon sind wir mitten drin in «Zonk», diesem eigenartigen wie einzigartigen Unterhaltungsabend des Tourneetheaters Marie. Hier wird geraten, gewettet und gezockt, bis die Köpfe rauchen. Bereits im Reisebus, der die Zuschauer von der Berner Rathausgasse zum Schiffssteg in Twann karrt, kann man sich mit einem kleinen Geografiespiel für den Spielmarathon aufwärmen.

Auf dem Bielersee locken dann jede Menge tolle Preise, vom Fischköder über Honig bis zu High Heels aus Schokolade. Präsentiert werden sie von Sandra Utzinger und Ladislaus Löliger in lokalradioartigen Werbespotts. Unterstützt von Regisseur Olivier Keller und Dramaturg Patric Bachmann, führen die beiden Schauspieler durch den Abend und schaffen dabei eine dermassen authentische Spielatmosphäre, dass man sich auf dem Vereinslotto des lokalen Fischzuchtvereins wähnt.

«Das ist mir noch nie passiert»

Manch ein Zuschauer vergisst im Spieleifer denn auch tatsächlich, dass er eigentlich im Theater sitzt. «Hallo, hört mal kurz zu!», ruft Utzinger und schwenkt ihre Hände über dem Kopf, während an den Spieltischen aufgeregt die letzte Lotto-Runde diskutiert wird. Und fügt lachend hinzu: «So geil, das ist mir im Theater auch noch nie passiert, dass ich das Publikum anschreien muss, es solle bitte zuhören!»

Es ist durchaus Absicht, dass das Theaterspiel vom hektischen Glücksspielbetrieb in den Hintergrund gedrängt wird. So wurden etwa die Theatermittel – im Gegensatz zu den prominent inszenierten Spielutensilien wie Lottotrommel und selbst gebastelte Spielkarten – auf ein Minimum reduziert (Szenografie: Erik Noorlander). Aber gerade aus dieser Reduktion heraus entstehen im Verlaufe des Abends immer wieder wahnsinnig kraftvolle Theatermomente. So kann das Publikum zwischen zwei Runden Lotto (und obwohl es draussen schon lange dunkel ist) einen wunderschönen Sonnenuntergang über dem Chasseral bewundern; oder treibt, nachdem es sich beim Activity-Spiel echauffiert hat, mit dem Grosswildjäger Jussuf auf einem Flüchtlingsboot mit defektem Motor im Mittelmeer umher.

Diese theatralen Zwischenspiele sind wie Sauerstoffinseln in einem ansonsten atemlosen Spielabend. Die poetische Ruhe und Schlichtheit dieser Interventionen entlarven die Substanzlosigkeit des überdrehten Spielbetriebs. Und so drängen sich unweigerlich Fragen auf: Warum wetteifern wir um Preise, die wir eigentlich gar nicht brauchen, statt die wunderschöne Abendschifffahrt zu geniessen? Ist es legitim, sich zu amüsieren, während Millionen von Menschen auf der Flucht sind? Löliger und Utzinger locken das Publikum mit einer geräucherten Hauswurst vom Metzger Schütz rechtzeitig aus solchen Gedankengängen zurück ins Spielgeschehen. Doch irgendwie tönt das Rauschen der Lottotrommel nun nicht mehr so verheissungsvoll wie zu Beginn der Reise.

Weitere Vorstellungen bis 4. Februar. www.schlachthaus.ch

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