«Ich bin nicht auf der Seite der Wahrheit»

Interview

Für den Dramatiker und Theaterregisseur René Pollesch ist das Spiel wirklicher als die Wirklichkeit. Sowieso hält er Leute, die einem auch im Leben etwas vorspielen, für interessanter.

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Von der Schiffsschraube, die sich dem Publikum da entgegendrehte, können sie sich nicht trennen. Die behalten sie am Schauspielhaus Zürich als Souvenir einer einzigartigen Aufführung. «Herein! Herein! Ich atme euch ein!» im Schiffbau war eine heilige Pollesch-Nacht, wo ein Schiff bis an sein’ höchsten Bord geladen kam mit Lieb’ und Wort’. Das Ding war 22,8 Meter lang, 6,4 Meter breit und 5,7 Meter hoch, wassertauglich nur bedingt, debattensturmtauglich jedoch ohne Wenn und Aber.

Unterm, im und rund ums Schiff feierte die Theatercrew in «Herein!» ein irres Fest der Liebe in Zeiten der Post-Innerlichkeit, der Post-Dramatik und der Post-Ideologie. Und dieses Fest griff derart dramatisch ans Innerste des Zuschauers, dass nach der Premiere von einer langen Reihe von Gastspielen und Wiederaufnahmen geträumt wurde.

Aber da stand es eben, das Ding, von dem es im Stücktext heisst: «Was ist der eine Punkt, um den alle einen Bogen machen?» Von dem alle so tun, als ob er nicht da wäre, obwohl sie sich darunter wegducken, daran hinaufhangeln und dahinter verschwinden müssen? Dieses Dampfer gewordene Glaubensbekenntnis, diese geschreinerte Ode an die Materie und ihre Sichtbarkeit ist schlicht zu gross: nicht transportfähig, nicht lagerfähig. Darum wird es keine «Herein!»-Aufführung mehr geben. Aber weiterleben wird das Schiff trotzdem: Ein grosser Teil seines Innenlebens wird in der Eröffnungsproduktion der kommenden Spielzeit wiederverwertet.

Wie wichtig ist das Bühnenbild in Ihren Stücken?
Der Bühnenbildner Bert Neumann und ich sollten mal ein Stück in New York machen. Das klappte nicht, weil die dort kein Budget fürs Bühnenbild hatten. Dabei fiel mir überhaupt auf, dass sie im amerikanischen und auch im englischen Theater keine Bühnenbilder haben. In «A Streetcar Named Desire» taucht auch schon bei Tennessee Williams keine Strassenbahn auf, sondern nur jemand mit einem Koffer. Das ist einerseits ganz wirtschaftlich und sparsam gedacht. Es deckt sich aber auch mit einem Appell an die Vorstellungskraft, der in diesen Theatern dominiert, von William Shakespeares «Heinrich IV» bis zu Peter Brooks «Der leere Raum». Die sind da überwältigt von nichts als von ihrer Vorstellungskraft, ganz protestantisch und ökonomisch. Ihr leerer Raum kann sich freilich nichts anderes vorstellen als die Ordnung, die da drunterliegt: So leer ist er also gar nicht. Ihn mit etwas zu besetzen, das einen überwältigt – wie mit einem sehr grossen Schiff –, hat also etwas Widerständiges. Der Dampfer bestätigt nicht die herrschende Ordnung.

Aber darf man sich denn von Ihrem Denk- und Debatten-Theater überhaupt überwältigen lassen?
Ich glaube, das Schiff, das Bert Neumann da gebaut hat, ist von ihm schon als Überwältigung gedacht. So kamen wir auch auf unser Stück: Das Schiff ist einfach etwas, um das man keinen Bogen machen kann.

Was bedeutet es, dass man um das Schiff keinen Bogen machen kann?
Das ist, beispielsweise, wie bei verwedeltem Rassismus. Meine Geschichte Nummer 1 über Rassismus und Repräsentation ist die über einen weissen Dramatiker und einen weissen Regisseur, die mit einem schwarzen Schauspieler in der Hauptrolle ein antirassistisches Stück proben und dabei ihre eigene rassistische Praxis verkennen. Der schwarze Schauspieler sagte hinterher: Es war die Hölle. Wenn da die beiden Weissen sagen: «Wir sind keine Rassisten», muss ich mir das gar nicht mehr anhörn. Ich brauche ja nur hinzusehen, was sie tun – und das ist eben rassistisch. Was sie mir über sich als Mensch erzählen wollen – dass ihre besten Freunde Schwarze, Schwule und Lesben sind – ist irrelevant. Und damit sind wir wieder bei dem Schiff, an dem man nicht vorbeisehen kann.

Ist das Bühnenbild also Theater gewordene Theorie?
Ich will prinzipiell nicht «Theorie auf die Bühne bringen». Es ist eher so: Der Philosoph Robert Pfaller ist mit Slavoj Zizek und Jean-Luc Nancy einer derjenigen, die das nach aussen bringen, was wir für unser Inneres halten – den Geschmack, das Begehren. Es gibt so viele, die immer alles wieder nach innen bringen wollen, nachdem man es mit Not und Mühe endlich mal nach draussen gebracht hat, um es sich anzusehn. Eigentlich müsste Pfaller eine erhebliche Skepsis gegenüber dem Theater haben, wenn es seine Texte aufgreift. Denn Regisseure, Schauspieler und Dramaturgen sind sehr daran gewöhnt, das mit Mühe nach draussen Gebrachte wieder zu verschlucken. Da wollen wir dagegenhalten. Sibylle Berg hat auf ihrer Facebook-Seite ein Zitat von mir gepostet: «Die besten Erlebnisse hab ich mir gekauft.» Da hat jemand kommentiert: «Dann müssen wir eben über die allerbesten Erlebnisse reden.» So verfährt auch das Theater gern: Probleme so identifizieren, dass sie zurückgewiesen werden können. Berts Schiff aber kann man nicht zurückweisen.

Ist es «Pollesch», der jeweils da draussen auf der Bühne spricht?
Mir sind immer die Theorien begegnet, mit denen ich auf mein eigenes Leben gucken konnte. Trotzdem sind unsere Abende nie autobiografisch. Ich hab mal ein sehr gutes Kompliment bekommen von einer Schauspielerin. Sie sagte, wenn sie unsere Abende spielt, sei sie nie so mit mir und meiner Autobiografie belästigt wie etwa dann, wenn sie einen Klassiker spielt. Da sei sie jeweils mit der Autobiografie und dem Privatleben des Regisseurs unterwegs, der es inszeniert hat. Ich will niemanden belästigen mit dem, was ich für mich halte. Ich würde in meinem Leben gern dem Vorschlag folgen, den, meiner Meinung nach, Diedrich Diederichsen in «Sexbeat» macht: Der Klatsch oder die Gerüchte über mich haben wahrscheinlich mehr mit mir zu tun als das, was ich selbst für mich halte.

Warum?
Nicht deshalb, «weil da vielleicht ein Fünkchen Wahrheit dran wäre», wie es oft heisst. Ich bin nicht auf der Seite der Wahrheit; und so dürfte man das Konzept auch nicht verteidigen. Ich würde sagen: Gerade weil die Gerüchte nicht zutreffen, haben sie mehr mit mir zu tun als meine Wahrheit über mich. Es ist ja auch ein Irrtum, dass bei unseren Projekten die Schauspieler sie selbst sind. Das Tolle am Spielen ist ja, dass es dauernd sagt: Das bin nicht ich. Ich bin schon auch ein paar Spielern im Leben begegnet, also Leuten, die einem in der Wirklichkeit was vorspielen. Das wirft einen natürlich aus der Bahn, macht Angst. Aber es ist auch im Leben attraktiver, als immer nur Leuten zu begegnen, die einem erzählen, wie sie so sind. Mich langweilt das sofort. Mich würde nur bei der Stange halten, wenn das dann alles nicht stimmt.

Ist das Anrennen gegen «die Wahrheit» philosophisch nicht ein alter Hut? Und wollen Theaterleute heute noch Realität repräsentieren?
Ein Beispiel: Wenn Zizek sagt, der radikale Gedanke bei Freud ist, dass der innere Reichtum ein Schwindel ist, dann versucht er damit, Freud wieder zurück auf die Füsse zu stellen. Popularisiert werden konnte Freud aber nur, weil man ihn auf den Kopf gestellt hat; das ist eine Verkehrung wie bei Brecht. Brechts grösste Erfindung ist, dass der Schauspieler die grösste Wirkung bei sich selber erzielt. Aber sagen Sie das mal! Das sorgt für Irritationen, und im Interview kriegt man zurück: «Aber Herr Pollesch, man macht doch Theater nicht für sich selbst.» Aber darum gehts gar nicht. Lehrstücke spielt man ja gegen sich selbst. Also ich würde sagen: Repräsentation ist immer noch ein Thema – sonst wäre etwa bei Brecht nicht bis heute das Lehrstück missverstanden worden. Man hat das Schaustück, die Geschichten zum Anschauen, privilegiert rezipiert.

Also wollen sich Theatermacher immer noch über Geschichten an eine Wirklichkeit heranerzählen? Wieso ist das schlimm?
Man muss etwa als Schauspieler einen Text ablatschen, damit die Narration klappt. Schauspieler werden besetzt oder nicht besetzt, damit die Narration klappt. Mir kann niemand mehr erzählen, dass er «diese Geschichte unbedingt erzählen» wollte. Es sei ganz ganz wichtig gewesen, das zu tun. Denn wenn man der Geschichte folgt, sieht man nur, dass dauernd Entscheidungen getroffen wurden, damit sie funktioniert. Ich weiss dann wirklich nicht mehr, worum es da gehen soll. Eine Vorlage stimmig zu machen oder «nachzumachen» interessiert mich zumindest nicht. Es kann ja auch nicht einfach jemand anders unsere Stücke nachspielen. Das wäre nur ein weiteres Stück Interpretationstheater.

Gibts doch eine Art von Echtheit?
Wenn jemand unsere Sachen «nachspielen» würde, müsste er sich dafür was ausdenken, nachdem er sich die Themen angeeignet hätte. Die Schauspieler auch. Es ist ja nicht automatisch ihr Thema. Und sie dürften auch nicht als Stellvertreter von uns unterwegs sein. Gob Squad haben sich mal mit einem Text von mir beschäftigt: Das war ein grossartiger Theaterabend, aber der Hauptteil des Abends war dann doch ein Text von ihnen. Überhaupt ist der Mehrwert beim Theater gegenüber einem Sachbuch der Schauspieler: Wer ein Sachbuch schreibt, kommt nicht unbedingt in Kontakt mit ihnen – und verpasst bei seinem Thema vielleicht auch die Frage der darin handelnden Subjekte. Man geht wegen der Schauspieler ins Theater und auch zu den Proben.

Das Interview wurde per Mail geführt.

DerBund.ch/Newsnet

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