Ein Schiff besetzt den Schiffbau

«Herein! Herein! Ich atme euch ein!»: René Pollesch veranstaltet in Zürich süffig-besessenes Diskurstheater.

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Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Das ist wie Weihnachten: Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein’ höchsten Bord – mit Liebe und mit Wort’. Das Schiff ist sehr hoch, die Liebe sehr tief, das Wort sehr mächtig. Und die Soiree sehr toll.

Die Uraufführung von «Herein! Herein! Ich atme euch ein!» am Samstag in der Schiffbau-Halle war wirklich so etwas wie eine heilige Pollesch-Nacht – und wir auf der Publikumstribüne kamen zur Adoration. Endlich! Mit seiner ersten Arbeit im Jahr 2014 hat René Pollesch, der Superstar des postdramatischen Suchbewegungstheaters, die Enttäuschung vom Jahr 2012 – als er im Schiffbau das verzettelte «Macht es für euch!» zeigte – vergessen lassen; und er hat die Erinnerung an die Verrisse von 2013 hinweggefegt.

«Herein! Herein! Ich atme euch ein!» ist ein grosses Fest der Liebe, und sei es der verlorenen, der verkühlten, nie verstandenen, immer verkehrten. Und wir sitzen gebannt und gefangen – schon allein deshalb, weil die Halle nach unserem Einzug gewässert wurde und das Titanic-mässige Teil mit der Schiffsschraube voraus auf uns zuschwebt.

Žižek-Zitate als Munition

Dass die «Liebe kälter ist als das Kapital», hat René Pollesch schon 2007 erzählt – und wärmer ist sie seither nicht geworden. Der 1962 geborene Hans Thies-Lehmann-Schüler, der das alte abgezirkelte Dialogtheater von Anfang an ad acta gelegt und ein stattdessen sokratisches, süffig-besessenes Diskurstheater entwickelt hat, durchlöchert jede Hoffnung aufs Grosse, Intensive und «irgendwie Innerliche» genauso wie die glänzenden Fassaden des Kapitalistischen, Kleinmütigen, in dem wir leben. Er ist eine Art James Bond der Theaterwelt, der Robert-Pfaller-Pointen und Slavoj-Žižek-Thesen als Munition verwendet; und das eigentliche Verbrechen ist, dass uns das höllisch Spass macht.

Da fährt etwa zum dramatischen Gebrodel von «African Rundown» aus dem Bond-Film «Casino Royale» das helle Holzschiff auf uns zu, das Bühnenbildner Bert Neumann in den Schiffbau hineingehängt hat: ein riesiges, ein überwältigendes Ding, in dem die Schauspielerschar auch schon mal komplett verschwindet. «Ich werde nun alles tun, um zu reden und zu reden, nur damit Sie die eine Frage nicht stellen können», erklärt allerdings zu Beginn Nils Kahnwald: «‹Sagen Sie mal, das Schiff hinter Ihnen, was hat es damit auf sich?›»

Schicke Schwarmbewegungen

Und damit beginnt die postideologische Geschichte des vierköpfigen Ensembles: Es wird damit konfrontiert, dass ein Schiff die Bühne besetzt und kein Argument dieser Welt dieses Monstrum aus dem Weg schiebt. «Und als ob das nicht schon reichte, war eben auch noch ein Chor auf der Bühne, und mit dem liess sich so leicht keine Zweierbeziehung durchspielen», stellt Jirka Zett fest, während eine 23 Mann starke, wunderschöne Turnergruppe in farbenfrohem Outfit – das Kostümbildnerin Sabin Fleck wohl ebenso mit Blick auf «Raumschiff Enterprise» geschaffen hat wie die unifarbenen Anzüge von Zett und Kahnwald – um ihn herum schicke Schwarmbewegungen vollführt. Oder ihm ins Wort fällt, ihn wiederholt, ihn und die andern drei Darsteller darstellt, ausstellt, abstellt: «Was ist der eine Punkt, um den alle einen Bogen machen?» Alle turnen, schwätzen und denken sich um das Schiff herum, als ob es nicht da wäre.

Mit anderen Worten: Nichts Fassbares ist innen, alles ist aussen, nur will von diesem Fakt, also von diesem Elefanten im Raum, niemand sprechen. «Niemand von uns kann sich im Ernst vorstellen, dass das, was wir für unseren inneren Reichtum halten, absolut leer ist», wird Zett viele Diskussionen später, viele Gangway-Gänge, viele Schiffsschraubendrehungen und Körperwendungen später sagen. Denn wenn man in sich hineinhorche, merke man, dass da wenig sei, ausser dem, was man halt so mache. Höchstens noch ein paar The-Who-Songs oder so.

So wird die glühendste Liebesgeschichte, Emily Brontës «Wuthering Heights» zu Kate Bushs «Heights»-Song, mittels des «Grossen Buchs des Internationalen Flaggenalphabets» der Marine in ein grandioses rot-gelbes Flaggenspektakel übersetzt. Böser und berührender gehts nicht.

Oder doch? «Die Liebe ist vorbei, seit du dich vor mir zu einem Mitmenschen degradiert hast», der Terror des Spiels, die faszinierende Fremdheit des Aliens sei weg, resümiert Zett, frei nach Zizek, der das Geschwafel über die Menschlichkeit für das Gefährlichste hält – das zu «falschem Aktivismus» verleite, wie das Programmheft ausführt. Überhaupt: Dass man, mit dem Ensemble, durch ein Labyrinth von Links und Verweisen stolpert, dass man durch einen wilden Wust von Theorietrümmern klettert und trotzdem, und zunehmend, leidenschaftlich mit von der (Schiffs-)Partie ist, dass man sich getroffen und betroffen fühlt – das macht das Debatten-Drama zum Pollesch-Prachtstück.

Verliebt in den «Tatort»

Trocken wie ein geschüttelter Martini schmeckt etwa Polleschs Running Gag von der Liebe: «Sie hat sich in mich verliebt. Aber natürlich nur so, wie sie den ‹Tatort› liebt, verstehst du?», fragt Kahnwald. Und ja, Marie Rosa Tietjen versteht, schliesslich lautet die Grundformel heute ja «Ich gefalle mir, wenn du mir gefällst». Und «mir» ist meine Facebook-Gruppe, die über den «Tatort» diskutiert. «So funktioniert das nun mal mit dem Begehren»: nicht ohne ein «Aussen». Der Stoff, aus dem die Liebe ist, wird durch den Blick der andern bemessen, und das Begehren ist das Flickwerk einer Gruppe.

Das Schiff schwimmt also immer mit, im Subtext und unübersehbar auf der Bühne, mal ohne den Soundtrack von «Pirates of the Caribbean», mal mit. Darum tragen die beiden Damen ihre Hippie-Blumenkleider auch in der ironischen Glitzervariante: lieber aussen hui statt innen pfui. 2013 gabs in Berlin bei Pollesch einen grossen Holzpanzer («Der General») und in Wien einen grossen Holz-Düsenjäger («Cavalcade or Being a Holy Motor»), aber der Holzdampfer im Schiffbau, der hier im Titel keine Andeutung erhielt, der ist der grösste Held.

Wozu all der Psychotext?

Und um diesen herum macht der Theatermann seine krasseste Kehre. «Wer den lieben will, der man wirklich ist, der hört sich auch die Geschichte eines Nazis an und will verkennen, was der so gemacht hat», zeichnet Zett die Gefahren der «Menschlichkeit». «Wer also immer den Menschen lieben will, der man ist, und nicht den Namen, den man hat, oder das Geld, der setzt sich auch vor einen Nazi und hört dem zu, was der sonst so gerne macht.»

Wer braucht schon den stinknormalen, sich selbst ständig erklärenden Mitmenschen? Wozu all der Psychotext?, fragt Inga Busch. «Wir sehen nun mal, wer wer wirklich ist, wenn wir uns ansehen, was er so macht.» Zum Beispiel irre Theaterabende, bittere, bravouröse Befreiungsschläge ins Offene für verkopfte, verkorkste Kulturmenschen; für uns alle.

DerBund.ch/Newsnet

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