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"Wir wollen den persönlichen Spielraum vergrössern"

Eva Kirchberg, Mitbegründerin der Jungen Bühne Bern, über grosse Fragen und kleine Erfolge.

"Junge Menschen können im Theater loslassen": Eva Kirchberg.
"Junge Menschen können im Theater loslassen": Eva Kirchberg.
zvg

Viele Lehrer halten Mathematik für wichtiger als Theater. Sie leiten zusammen mit Christoph Hebing seit zehn Jahren die Junge Bühne Bern. Da haben Sie doch sicher ein paar Gegenargumente.

Jede Menge! Wir arbeiten mit Texten, das ist ein tolles Sprach- und Gedächtnistraining, im Tanz geht es um Formen und Rhythmus, das hat viel mit Mathematik zu tun. Junge Menschen können im Theater loslassen, Spass haben und Dinge aussprechen, die sie sonst nicht sagen würden. Daraus kann wiederum Energie für die Schule oder den Alltag geschöpft werden.

Wollen junge Menschen überhaupt noch Theater spielen? Glaubt man den Pessimisten, hängen sie ja nur noch am Handy.

Das erleben wir ganz anders. Wir haben in den 90er-Jahren mit fünf Kindern angefangen, heute besuchen bis zu 270 junge Menschen pro Saison unsere verschiedenen Clubs – und es werden immer mehr. Klar beschäftigen sie sich oft mit dem Handy. Aber wissen wir, was sie da machen? Vielleicht schauen sie ja gerade eine mathematische Formel nach? Ich erlebe sehr viel Eigeninitiative, wenn wir die richtigen Fragen stellen.

Was sind denn die richtigen Fragen?

Das kommt auf das Thema an. Nehmen wir die Identität, da würde ich mit ganz banalen Fragen anfangen wie: Was machst du in deiner Freizeit? Was ziehst du gerne an? Damit kann man sie abholen, um danach tiefer einzutauchen und persönliche Erlebnisse zu thematisieren, zum Beispiel Mobbing, Fremdenfeindlichkeit oder Unsicherheit.

Sie haben nicht nur Theaterclubs geleitet, sondern auch Festivals, Schulprojekte und Gastspiele realisiert. Welche Schauspielerkarrieren haben bei der Jungen Bühne ihren Anfang genommen?

Unser Ziel ist nicht, Schauspieler auszubilden. Wir wollen Kindern und Jugendlichen eine Plattform bieten, den persönlichen Spielraum vergrössern. Wenn aber jemand das Durchhaltevermögen hat und die Schauspielerei zum Beruf macht, freut uns das natürlich. Da ist zum Beispiel Nicolas Streit, er hat bei uns angefangen und hat jetzt seine erste Stelle als Schauspieler in Dresden. Oder Noëmi Steffen, die mit 19 an der renommierten Schauspielschule Ernst Busch in Berlin aufgenommen wurde und heute als Regieassistentin in Wien und Basel arbeitet.

Und was sind die weniger sichtbaren Erfolge?

Ein Weile hat ein drogenabhängiger junger Mann bei uns gearbeitet, er hat das Theater in Ordnung gehalten, das Bühnenbild gemacht und auch gespielt. Wir haben ihm eine Tagesstruktur gegeben. Heute ist er clean und studiert an einer renommierten Schauspielschule. Ausserdem haben wir viele Integrationsprojekte realisiert und junge Asylsuchende über Jahre begleitet, die inzwischen eine Lehrstelle oder eine Familie haben. Man kann das grosse Problem nicht lösen, aber wir versuchen zu helfen, soweit uns das möglich ist.

Wie sehen die nächsten zehn Jahre der Jungen Bühne aus?

Wir hatten schon vor zehn Jahren die Vision von einem Kulturpass, der jungen Menschen günstige Eintritte ermöglicht. Mittlerweile haben wir 16 Institutionen dafür gewonnen und hoffen, die Idee bald realisieren zu können. Als wir die Junge Bühne gründeten, hatten wir grosse Angst, ob man davon überhaupt leben kann. Heute bekommen wir finanzielle Unterstützung von der öffentlichen Hand und privaten Stiftungen. Aber wir müssen dafür kämpfen, dass das auch in Zukunft so sein wird. Christoph und ich werden nicht jünger. Ich fände es toll, wenn die Junge Bühne irgendwann auch ohne uns weitergehen würde. Bereits jetzt engagieren sich im Team viele junge Leute. Und von den Jungen kann auch ich immer noch viel lernen

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