Schweine im Weltall

Christoph Marthaler ist zurück! Erstmals seit seinem Abgang wieder am Schauspielhaus Zürich.

  • loading indicator
Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Endlich! Zürich hat ja einen Ruf zu verlieren – den als eins der härtesten Theaterpflaster der Welt. Jetzt, an der Uraufführung von Christoph Marthalers neuem Stück «Mir nämeds uf öis», hat das Publikum es auf sich genommen und hat das protestantisch-verkniffene Image um die protestantisch-verzückte Facette der Bekehrung ergänzt. Der Pfauen tobte, als der sanftmütige Mann, der Zürich 2002 den wohl heftigsten und wichtigsten Theaterstreit beschert hatte, sich mit seinem Dutzend Bühnenkünstlern verneigte (Siggi Schwientek fiel leider krankheitshalber aus).

Da stand der 66-jährige Regisseur also in seiner leicht zerknautschten Hose und dem extragrossen schwarzen Jackending überm roten Hemd, als sei er, hoppla, aus dem Flugzeug gefallen. Der «Sonderflug MNUÖ-SW 17» («Mir nämeds uf öis-Staatswesen 17») war nämlich nach zwei Stunden und fünfzehn Minuten zu jenem typisch Marthaler’schen, irgendwie apokalyptischen Ende gecrasht, das so ganz ohne Tränen und Tremolo funktioniert. In dieser fernen Dystopie, wo am Schluss gigantische «Koloss-Kalamare» das Sagen – oder besser: das Kollern – haben (ein Bravo an die Ausstattung!), entfährt dem letzten Homo sapiens nur ein resigniertes «Na ja» (Bernhard Landau, ein gestandener Marthaler-Statist). Vielen Zuschauern dagegen ein lautes «Hurra!».

«Durchaus speziell»

Und das nicht bloss – aber definitiv auch –, weil der ehemalige Schauspielhaus-Intendant Marthaler, der nun erstmals seit seinem Abschied wieder am Haus inszenierte, dieses Hurra sowieso für seine strube Geschichte mit Zürich verdient hat. Immerhin packte der gebürtige Erlenbacher in seine Direktionszeit 2000 bis 2004 mehr Erfolge, Anregungen und Aufregungen hinein als andere in ein ganzes Jahrzehnt. Dafür wurde er jüngst mit dem Zürcher Kunstpreis geehrt: «durchaus speziell», wie er selbst an der Preisverleihung kommentierte.

Durchaus speziell ist auch das Stück, mit dem er am Donnerstag die Versöhnung besiegelte: ein Variété mit 33 musikalischen Nummern, das hineingeworfen wird in eine, sagen wir, aeronautische Zwangslage. Schliesslich ist das Phänomen der Zwangslage an und für sich der Motor dieses seltsamen Abends. Dieser Motor stottert sich bis zum tödlichen schwarzen Loch im All bedeutungsgenerierend weiter wie der Mensch, der rund um seine Unmenschlichkeiten eine Ausrede nach der anderen ausspuckt, bis der Tod ihm den Mund verschliesst.

Marthalers alter Mitstreiter Duri Bischoff hat dem Regisseur die Flugbühne dafür gebaut. Jeder Trekkie denkt beim Anblick der riesigen verglasten Rückwand vermutlich sofort an das Raumschiff aus den Sechzigern. An den scheusslich beigen Wänden wiederum hängen hübsche technische Fantasien aus dem 19. Jahrhundert: Ballons und Boote, Fahrzeuge und Fluggeräte à la Jules Verne. Aus der Zeit gefallen hässlich ausstaffiert sind hingegen die Fluggäste mit ihren Anzügen und Deux-pièces zwischen Nachtschwarz und Schweinchenrosa. Irritiert stolpern sie nach ihrer «Fliegender Holländer»-Intro in die Lobby des Raumschiffs hinein. «Das ist der unangenehmste Start, an dem ich je teilgenommen habe. Mir ist extrem übel», meckert Jean-Pierre Cornus Laienpriester und Teilzeitcoiffeur, den man nicht im Nacken stehen haben möchte. Und auch den anderen ist furchtbar schlecht. Und das ist erst mal furchtbar witzig und selbstironisch. Noch treiben sie im Raumschiff ins Unbekannte und spekulieren auf grosse Gewinne. Schweine im Weltall eben.

Fifa- äh Fafi-Edelkrimineller

Ueli Jäggis grossartig sich selbst in die Tasche lügender nestlétauglicher Geschäftsmann etwa beichtet beim Laienpriester, wie er südamerikanisches Grundwasser in Tresorgold verwandelte – zum Schaden der dortigen Bevölkerung. Der Gottesmann schlägt ihm darauf eine Wertvermehrung via Weiheritual vor. Nikola Weisse (Chapeau!) gibt eine unschuldige Paradise-Papers-Gewinnlerin, und Gottfried Breitfuss’ Baulöwe zitiert als Gewissensberuhigung den Spruch: «Ein Heiligenschein passt nicht zum Bau.»

Raphael Clamers sportlicher Start-up-Optimist freut sich seinerseits über den Knall des Aufpralls, wenn man von einer hohen Hoffnung ganz tief fällt. Und Nicolas Rosats hochkomischer Fifa- äh Fafi-Edelkrimineller kommt mit dem moralischen Niedergang ganz gut zurecht: «Unser Leben nützt anderen Menschen immer – entweder als Vorbild oder als Warnung.» Wenn da Elisa Plüss deklamiert: «Nehmen ist dasselbe wie geben, nur ohne geben», spricht sie allen Anwesenden aus dem schmutzigen kleinen Herzen.

Allmählich allerdings begreifen die Passagiere, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie die Verantwortung für ihre «selbstverschuldete Zwangslage endgültig übernehmen» müssen. Koordiniert von Susanne-Marie Wrages Stewardess, die wunderbar eisköniginnenkalt ihre private Agenda verfolgt – vergeblich, versteht sich –, fliegen sie in den Untergang. Freilich nicht ohne ihn in bester Marthaler-Manier ausgebremst zu haben. Mit Vertuschungen und Verbiegungen: Man beugt, zuckt, windet sich. Singt und quäkt. Am liebsten mit Schlafbrille: Nichts sehen ist angesagt.

Kratzbürstige Verspieltheit

Zwei Klaviere fahren dabei vor der Bühnenrampe hoch und runter (Spässle am Rande, sozusagen): Bendix Dethleffsen und Stefan Wirth instrumentieren die musikalischen Seelenentblössungen – von Elton Johns «Sorry Seems to Be the Hardest Word» über Mendelssohns «Hebe deine Augen auf» und Wagners «War es so schmählich» bis zu Udo Jürgens’ «Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient», Michael Jacksons «Man in the Mirror» und – wir sind ja in Zürich – dem Sechseläutenmarsch. Dazu wird Denglisch gejandelt und dadaisiert, dass es schier zu viel der Lust ist, und ebenso wird philosophisch spintisiert, variiert und repetiert.

Ohne die hinreissende norwegische Mezzosopranistin und Jazzsängerin Tora Augestad als «menschliches Hologramm», die hier die Löwin aus sich rausholt und da das kleine Mädchen, wäre «Mir nämeds uf öis» tatsächlich nicht so gut zu nehmen. Über zwei Stunden Lieblingspotpourri des Regisseurs samt den bekannten Lieblingspantomimespässen können recht lang werden, wenn statt innerer Notwendigkeit vor allem äussere Zwangslage herrscht. Aber Christoph Marthaler darf sich seine kratzbürstig altmodischen Verspieltheiten wider jede Spannungsdramaturgie und Spielökonomie erlauben. Denn sie sind geschaffen fürs starke Ensemble, das manchmal fast durchsichtige Glanzpunkte setzte; und sie bieten eine Plattform für die gesanglichen Verführungen von Tora Augestad. Daher wurde die Soiree von einem Szenenapplaus nach dem anderen akzentuiert. Allerdings auch deshalb, weil Verzückung nun mal so geht.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt