Schweigen ist Macht

Warum hat das Stadttheater die Leiterin der Schauspielsparte fristlos abgesetzt? Und warum steht es nicht hin für diesen Entscheid? Das System hat ein Problem.

Sie dementieren nichts, sie bestätigen nichts, und draussen wuchern Gerüchte. Im Fundus des Stadttheaters.

Sie dementieren nichts, sie bestätigen nichts, und draussen wuchern Gerüchte. Im Fundus des Stadttheaters.

(Bild: Adrian Moser)

Daniel Di Falco

Nein, «es ist nicht so, dass wir detaillierte Informationen in absehbarer Zeit versprechen können», sagt der Sprecher. «Wir versprechen aber, dass wir uns bemühen.» Das ist wenig. Zu wenig. Was sind die «grundlegenden inhaltlichen und strategischen Differenzen», die zur sofortigen Freistellung von Stephanie Gräve geführt haben sollen, der Leiterin des Schauspiels? Auch am Tag nach dem Vorfall geht die Kein-Kommentar-Politik weiter. Man stellt jemanden vor die Tür. Und mag das nicht weiter begründen.

Dass Gräve selber auf Tauchstation geht – vergleichsweise verständlich. Es ist am Theater, für seinen Entscheid hinzu­stehen. Kommt der Tag noch? Die Verantwortlichen wollen offenbar warten, bis die Bedingungen ausgehandelt sind, unter denen sich Gräves Vertrag auf­lösen lässt. Gut möglich allerdings, dass dann auch einvernehmliches Stillschweigen über die Affäre beschlossen wird.

Schöne Aussichten! Den Hinweis, dieses Theater sei der grösste Empfänger städtischer Kulturgelder, braucht es gar nicht: Es ist eine öffentliche Institution und der Öffentlichkeit mehr Öffentlichkeit schuldig als ein Schuhgeschäft. Die Begründung, man schütze mit dem Schweigen auch Gräves Persönlichkeitsrechte, überzeugt nicht: Das Schweigen ist ein Vakuum, das alle belastenden Gerüchte ansaugt. Und aufbläst.

Bleibt die Information, wer eigentlich den Stiftungsrat veranlasst hat, Gräve freizustellen, und zwar noch vor dem Ende ihrer ersten Saison: Es passierte «auf Antrag des Intendanten». Ganz egal, wer sich was zuschulden hat kommen lassen – gut aussehen lässt die Affäre den Chef auf jeden Fall nicht. Er war es, der Gräve empfahl. Und sie als goldene Wahl für diese Stadt und dieses Theater verkaufte. Er wird sich fragen müssen, was sein Urteil wert war. Solange das Haus an seiner Nichtkommunikation festhält, fallen alle offenen Fragen als mögliche Vorwürfe auch auf den Direktor zurück.

Und auf den Stiftungsrat. Er war es, der Gräve angestellt hat. Eine sofortige Freistellung, in einem Vertrag, der noch dreieinhalb Jahre gilt – das würde kein Arbeitgeber riskieren, der nicht sicher wäre, genug in der Hand zu haben, ?falls es zum Gerichtsfall kommt. Was aber sollen das für Verfehlungen sein, derentwegen die Schauspielleiterin nicht einmal ihre Saison beenden kann? So grundlegend können Differenzen über «Inhalte» oder «Strategien» nicht sein, dass sie so plötzlich auftauchen und jede weitere Zusammenarbeit verunmöglichen könnten. Es gibt keine Gewissheit, dass hier nicht ein Machtkampf eskaliert ist. Und sich am Schluss nicht einfach der Mächtigere durchgesetzt hat.

Überhaupt, die Machtfrage – sie sorgt auch dafür, dass es kein Angestellter riskiert, die wild wuchernden Mutmassungen über diese Affäre zu bestätigen. Oder zu korrigieren. Weil es kein zweites Stadttheater in dieser Stadt gibt, an dem sich ein Schauspieler mit Familie anstellen lassen könnte. Mehr als für Schuhgeschäfte gilt zwar für Kulturbetriebe, dass sich inhaltliche nur schwer von persönlichen Auseinandersetzungen trennen lassen. Es gehört aber auch zum Stadttheatersystem, zu seinen Abhängigkeits- und Machtstrukturen, dass solche Konflikte so hässlich enden.

Der Bund

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