Schwarze Magie im Grossen Haus

Die Theatergruppe Vorort bringt zusammen mit den Fernwehfolkern Kummerbuben einen Klassiker der Kinderbuchliteratur auf die Bühne des Stadttheaters: «Krabat».

Märchenhaft finster, aber am Schluss siegt dann doch die Kraft der Liebe: Dominique Jann als Müllermeister.

Märchenhaft finster, aber am Schluss siegt dann doch die Kraft der Liebe: Dominique Jann als Müllermeister. Bild: Philipp Zinniker

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Die Frage, ob «Krabat» als Stoff für ein Weihnachtsmärchen überhaupt geeignet sei, dürfte sich im Vorfeld der gestrigen Premiere so manch besorgter Elternteil gestellt haben. Die Geschichte rund um den Waisenknaben Krabat gehört zu den bekanntesten Werken des deutschen Kinderbuchautors Otfried Preussler und verhandelt Themen wie schwarze Magie und Tod.

Die Aufführung im Grossen Haus des Berner Stadttheaters beginnt damit, dass sich die beiden Freunde Krabat (Luka Dimic) und Lobosch (Sebastian Schulze) gerade auf Betteltour befinden. Da wird Krabat von einer unsichtbaren Stimme zur Mühle im Koselbruch gelockt. Dort trifft er auf einen hinkenden und einäugigen Meister (herrlich verschlagen: Dominique Jann), der ihm einen Pakt vorschlägt. So wird Krabat fortan nicht nur in die Kunst des Müllerns, sondern auch in jene der schwarzen Magie eingeweiht.

Im Unterricht verwandeln sich die insgesamt zwölf Müllersburschen in Raben und werden dabei vom Meister aus dem Zauberbuch, dem Koraktor, unterrichtet. Allerdings hängt ein dunkles Geheimnis über dem vermeintlichen Zauberglück: Jedes Jahr an Neujahr muss einer der Burschen geopfert werden. Es gibt nur eine Möglichkeit, dem tödlichen Kreislauf zu entkommen: Ein Mädchen muss ihren Liebsten beim Meister freibitten und eine Prüfung bestehen.

Der heimliche Star

Die freie Theatergruppe Vorort ist bekannt dafür, dass in ihren Stücken die Lokalität stark einbezogen wird und quasi als weiterer Akteur fungiert. Das ist auch hier nicht anders. Bereits vor Beginn des Stücks rumpelt die Kummerbuben-Mannschaft, die für die musikalische Untermalung zuständig ist, durchs Foyer und sorgt mit ihrer Variété-Aufmachung bei den kleinen Theaterbesuchern für grosse Augen. Drinnen im Saal ist der heimliche Star dann die Örtlichkeit – beziehungsweise das, was Bühnenbildnerin Konstantina Dacheva mit ihr anstellt. Es sind wunderbar ästhetische Bilder, die hier kreiert werden. Da werden überdimensionale Rabenflügel von der Decke heruntergelassen, die zum Emblem der vorgeführten Zaubermacht werden.

Grosse flächige Baumgerippe, die ebenfalls von der Decke schweben, verleihen in ihrer Kargheit dem nächtlichen Wald die nötige Unheimlichkeit. Und die einstöckige gezimmerte Mühle inklusive Mühlrad lässt sich je nach Bedarf ganz oder halb öffnen, wodurch in kurzer Zeit mehrere Spielebenen zur Verfügung stehen.

Das Treiben der zwölf Burschen in der Mühle und um sie herum ist eine Mischung aus lustigem Gewusel, kernigem Bubengepöbel und synchronen Abläufen (Choreografie: Anna Blöchlinger). Generell haben die beiden Regisseure Jonathan Loosli und Mathis Künzler ihre erste Stadttheater-Aufführung perfekt rhythmisiert. Unerwartete Auftritte aus Falltüren, auf einem Laufsteg im Publikumsraum und auf dem zweiten Rang sorgen für Kurzweil.

Die Livemusiklieferanten, die Kummerbuben, sind als Müllersburschen ins Geschehen eingebunden; Sänger Simon Jäggi agiert als Gevatter, wobei er ihn als vergnügliche Mischung aus neurotischem Dracula und Captain Jack Sparrow gibt. Für Unterhaltung sorgen auch Slapstickeinlagen der Burschen wie etwa des vermeintlich tumben Juro (David Berger) oder des hinterhältigen Lyschko (Florentine Kraft). Und während die Welt der Müllersburschen eine farblose, von Mehlstaub überzogene ist, bringt der Umzug der Ostersängerinnen in Blümchenstoffen (Kostüme: Justina Klimczyk) Farbe in die Angelegenheit. Das tut auch eine Rollschuhdisco: Der Pop-Hit «Gangnam Style», der in der Version der Kummerbuben zu «Aute, gang mau hei» wird, sorgt ordentlich für Stimmung, sodass sich auch im Publikum vereinzelte Tanzeinlagen beobachten lassen.

«Huere gruusig!»

Die Sorge, dass das diesjährige Weihnachtsmärchen im Stadttheater zu gruselig oder abgründig sei für junge Gäste, ist unnötig. Klar doch, da werden Gräber geschaufelt. Und klar doch, da stirbt Krabats Freund Tonda (Lukas Lippeck). Daneben werden aber eben auch das Leben und die Kraft der Freundschaft gefeiert. Und wie es sich gehört, siegt zum Schluss die Liebe, die das glückliche Paar mit einem innigen Kuss besiegelt. «Och, jöööö!» findet die eine Hälfte des Publikums. Die andere: «Bääääh, huere gruusig!»

Weitere Vorstellungen bis 22. Januar 2018 (Der Bund)

Erstellt: 07.12.2017, 06:46 Uhr

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