Schöne neue Welt, oder?

Das Kollektiv Peng! Palast knöpft sich im Endzeit-Western «Die Asozialen» linksromantische Wunschträume vor. Viel mehr als eine unterhaltsame Zusammenstellung ist das nicht.

Und wieder hat es Peng gemacht: Im Schlachthaus-Theater werden reihenweise linke Utopien zur Strecke gebracht.

Und wieder hat es Peng gemacht: Im Schlachthaus-Theater werden reihenweise linke Utopien zur Strecke gebracht. Bild: Rob Lewis

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Die Reichen, die Mächtigen, die Aristokratie, die da oben: Sie sind die Wurzel allen Übels. So viel steht fest für das Anführer-Duo der linksliberalen Utopistinnen (Judith Koch und Christoph Keller). Derweil steht die Stadt kopf. Auf einem Raumschiff-artigen Gebilde ist das Miniaturmodell der Berner Altstadt hergerichtet. Es hängt von der Decke des «Saloons der Zukunft». Wer sich orientieren will, muss den Hals recken und nach oben schauen. Das Publikum sitzt kreisförmig angeordnet auf Paletten (Bühne: Martina Ehleiter) und hat Sicht auf die Manege. Was das hier soll? Ein Wilder Westen in der Altstadt von Bern.

Nichts weniger als alles will hier verhandelt werden: Kampf um Territorium, die soziale Gerechtigkeit und die Umsetzung linksromantischer Wertvorstellungen. Und dies alles in einer Zeitspanne vom heutigen Tag bis ins Jahr 2028.

Dichtestress

Uff. Kein Wunder, reicht bei dieser Dichte an Themen ein Theaterhaus allein nicht aus. So muss ein Teil des Stücks nach draussen verlegt werden. Ob die Besucherin Lust habe auf eine Stadtführung, wird sie beim Einlass gefragt. Falls ja: Kopfhörer schnappen und die Jacke mit an den Platz nehmen. Weil draussen ist es kalt. Als einen Endzeit-Western beschreibt Peng! Palast «Die Asozialen». Das Kollektiv wurde im Jahr 2008 gegründet, um, inspiriert von Hollywoodfilmen, Literatur und politischen Aktualitäten, das Theater frisch zu denken. Für dieses Stück hat Regisseur Dennis Schwabenland gemeinsam mit dem Autor Raphael Urweider (Co-Autorin: Nina Mariel Kohler) simuliert, wie das sein könnte, würden die sozialen Verhältnisse tatsächlich neu geregelt.

Man möchte die geniale Idee rühmen, den Western mit Science-Fiction zu kreuzen. Aber das Lob gebührt bereits anderen: Die US-amerikanische Fernsehserie «Westworld» diente offensichtlich als Vorlage für «Die Asozialen». Basierend auf dem Roman von Michael Crichton aus dem Jahr 1973, dreht sich alles um eine von Menschen kreierte Wildwest-Stadt, in der Roboter dafür sorgen, dass Fantasien wahr werden. Dabei entwickelt eine dieser Menschmaschinen künstliche Intelligenz und fängt an, das System zu hinterfragen.

Sie erinnert an die Rolle der zweifachen Mutter (Nina Mariel Kohler), der schönen Antigone, welche in «Die Asozialen» die Links-Utopistinnen auf den Boden der vermeintlichen Tatsachen holt: Die Wirtschaft umkrempeln wollten sie? Dabei wüssten die Banausen noch nicht einmal, wie eine Excel-Tabelle zu bedienen sei. Das Militär ein Dorn im Auge? Dann solle man doch Oberst werden. Als kindische Ideen betitelt sie den Wunsch nach einem allzweiwöchentlichen Tanz-dich-frei-Anlass, damit die Reichen endlich Platz machten.

Auf dem Stadtrundgang wird vor Augen geführt, was passieren würde, setzten sich die linksromantischen Vorstellungen durch: Die Uhren sind abgeschafft, nur noch das Zytglogge-Gewinde tickt weiter. Am Sonntag gibt es keine Kirchenmesse, sondern Mediationstreffs. Das Schulfach Sport wurde durch Körperakzeptanz ersetzt. Der Begriff «Mohrenkopf» ist abgeschafft, die Eigentümer enteignet. Fleischessen? Darf nur, wer zuvor eine Prüfung absolviert hat, welche Tierhaltung, Schlachtung und Zubereitung beinhaltet. Schöne neue Welt, oder?

Die digitale Aristokratie

Derweil im Schlachthaus der Aufstand wütet. Gekämpft wird für das «Ausloggen». Dafür, sich die Chipsysteme aus der Haut zu reissen, weil die Aristokratie gar nicht abgeschafft wurde, sondern in Form eines Computersystems weiterherrscht. Utopie und Widerstand stehen sich gegenüber – genauso wie am Anfang des Stücks. Eingeloggt sein in der klinisch sauberen Perfektion oder als Mensch leben, der auch mal stinkt? Das ist hier die Frage. Und die ist gar nicht so einfach zu beantworten. Falls dies als Erkenntnis gilt, hat Peng! Palast ganze Arbeit geleistet.

«Die Asozialen» ist ein Koloss mit einer Fülle an Themen. Doch in neunzig Minuten kann man keinem so richtig gerecht werden. Die Inszenierung ist unterhaltsam ohne Ende. Genial auch die Musik, in der Christine Hasler mit Computer und E-Gitarre den Aufbruch befeuert und die Tonspur liefert für einen amüsanten Line-Dance. «Future is a happy place», singt sie, und das klingt mehr nach Drohung als nach Offenbarung. «Die Asozialen» ist eine linke Kritik auf die eigenen Utopien, die unter anderem damit bewältigt wird, diese ins Lächerliche zu ziehen. Das wirkt wie ein Hammer auf die Hoffnung, dass eine Revolution möglich wäre.

Schlachthaus-Theater: Am Samstag, 17 und 20.30 Uhr. Die Silvestervorstellung ist ausverkauft. Weitere Vorstellungen: 4. bis 7. Januar 2018. (Der Bund)

Erstellt: 30.12.2017, 09:28 Uhr

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