Schaurig-schöner Fieberwahn

Rundum gelungen wäre die Inszenierung von «Peter Pan» am Berner Stadttheater. Wenn sich die Popband The bianca Story nur nicht so penetrant in den Vordergrund drängen würde.

Fast wie bei Jack Sparrow: Die Ausstattung von «Peter Pan» erinnert stark an die Filmwelt der «Pirates of the Caribbean».

Fast wie bei Jack Sparrow: Die Ausstattung von «Peter Pan» erinnert stark an die Filmwelt der «Pirates of the Caribbean». Bild: zvg/Annette Boutellier

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Jetzt fliegen sie wieder: Nicht nur Kapitän Hooks vorwitziger Papagei flattert in den Bühnenhimmel, auch Peter Pan und Wendy schwimmen furchtlos und vergnügt in den Wolken. Die Bühnentechnik im Grossen Haus, die längst nicht mehr den Sicherheitsvorschriften entsprochen hat, ist endlich saniert, und es darf wieder richtig abgehoben werden. Das tun die zwei Hauptfiguren denn auch ausgiebig in «Peter Pan», im diesjährigen Wintermärchen des Berner Stadttheaters. Bei ihrem Flug nach Neverland nehmen die beiden gleich das ganze Publikum mit, katapultiert doch eine Videoprojektion den Zuschauerraum in ein riesiges Wolkenmeer.

Der junge deutsche Regisseur Michael Lippold, der vor seiner Regietätigkeit an der Hochschule der Künste Bern Schauspiel studierte, setzt das Fieberdelirium der kranken, pubertierenden Wendy in wunderbar surreale Bilder um – das Fieberthermometer zeigt da garantiert mehr als 40 Grad an. Mit imposanten Projektionen und kühnen Schattenspielen (Fabian Chiquet) bläht er die Traumwelt so gross auf, dass Peter, Wendy und ihre Kumpel mühelos und glaubwürdig von Erwachsenen gespielt werden können, weil sie in diesem überdimensionierten und verzerrten Universum der tickenden Krokodile und anderer Monster gar klein erscheinen.

Starke Hauptdarsteller

Mit Sebastian Schneider und Deleila Piasko, beide neu im Schauspielensemble, sind zudem die Hauptrollen ideal besetzt. Im dünnen Hemdchen und mit dicken Fellhosen raufen sich die beiden ebenso kindlich wie forsch durch ein Neverland, das in seiner Ausgestaltung (Iris Kraft) stark an den Kosmos von «Pirates of the Caribbean» erinnert. Wie Jack Sparrow torkelt denn auch der böse Kapitän Hook (Jürg Wisbach) hinter Peter Pan her und lässt auch mal die roten Augen der grinsende Totenköpfe blinken.

Durch und durch märchenhaft und verspielt ist Lippolds Interpretation von J. M. Barries über hundertjährigen Geschichte vom Knaben, der panische Angst vor dem Erwachsenwerden hat. Der Regisseur verzichtet auf jegliche Aktualisierung und Psychologisierung, lässt die Story vielmehr ganz in ihrem Kokon, wo Zeit und Moral ausgesperrt sind und gleichzeitig alles Fantastische und Unerhörte so selbstverständlich ist wie der Umstand, dass die Krankenschwester, die Wendy betreut, ein sehr haariger Hund ist.

Zu viele englische Songs

Betrübt wird diese Wunderwelt nur von der Basler Pop-Combo The bianca Story, die wiederholt schon an Projekten von Konzert Theater Bern beteiligt gewesen ist. Eine ganze Reihe Songs hat sie für «Peter Pan» komponiert; ein durchaus eingängiger Soundtrack, der über weite Strecken Wendys und Peters Abenteuer ganz schön in Schwung hält. Warum aber bei einem Stück, das für Kinder ab sechs Jahren empfohlen wird, die meisten Songs auf Englisch sind und das einzige Mundartlied ebenso schwer verständlich ist wie die hochdeutschen, dafür sucht man vergeblich eine Erklärung.

Noch störender ist allerdings, dass sich die Band nicht darauf beschränkt, für die magische Story ihren stimmigen Sound-Teppich auszulegen, sie spielt sich vielmehr immer wieder ziemlich penetrant aus dem Orchestergraben heraus auf die Bühne und in den Vordergrund. So verstellt die siebenköpfige Gruppe nicht nur die Sicht auf das Geschehen, mit ihren grellen Kostümen und ihrem dominanten Auftreten – wie mans von den Konzerten gewohnt ist – passt sie so gar nicht zur charmanten Verspieltheit der sonst rundum gelungenen Inszenierung.

Vorstellungen bis 17. Februar 2016 (Der Bund)

Erstellt: 05.12.2015, 10:59 Uhr

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