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Russisches Ballett

Der Ballettchef des renommierten Bolschoi-Theaters, Sergei Filin, wurde bei einem Säureanschlag schwer verletzt. Was steckt dahinter – eine ausser Kontrolle geratene Konkurrenz oder politische Motive?

Wegen «vorbildlichem Verhalten» aus dem Arbeitslager entlassen: Pawel Dmitritschenko vor einer Gerichtsverhandlung im Dezember 2013.
Wegen «vorbildlichem Verhalten» aus dem Arbeitslager entlassen: Pawel Dmitritschenko vor einer Gerichtsverhandlung im Dezember 2013.
Keystone
Bolschoi-Tänzer Pavel Dmitrischenko, bei einer Gerichtsverhandlung in Moskau, 14. Juni 2013.
Bolschoi-Tänzer Pavel Dmitrischenko, bei einer Gerichtsverhandlung in Moskau, 14. Juni 2013.
Keystone
Mit Tänzerinnen des Bolschoi-Theaters. (20. September 2011)
Mit Tänzerinnen des Bolschoi-Theaters. (20. September 2011)
Mikhail Metzel, Keystone
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Das Ballett des Moskauer Bolschoi-Theaters gilt als eines der wichtigsten weltweit – entsprechend umkämpft sind hier Positionen und Rollen. Letzte Woche eskalierte der Konkurrenzkampf: Der künstlerische Leiter des Balletts, Sergei Filin, erlitt bei einem Säureanschlag schwere Verätzungen und verliert möglicherweise sein Augenlicht.

Der Anschlag wirft Fragen auf: Was steckt dahinter? Ist es eine ausser Kontrolle geratene Rivalität, wie die meisten vermuten – oder steckt auch etwas Politisches dahinter?

Harte Konkurrenzkämpfe

Sergei Filin, geboren 1970 in Moskau, war seit 1988 als Tänzer am Bolschoi-Theater. Nach einer Verletzung wechselte er 2004 hinter die Bühne und wurde 2011 künstlerischer Leiter des Balletts. Zu seinen Aufgaben gehört die Verteilung der Rollen für alle Aufführungen. Hier kann er unter 230 Tänzerinnen und Tänzern auswählen – da gibt es immer wieder viele enttäuschte Gesichter.

Nicht erst seit dem Film «Black Swan» gelten Rivalitäten im Ballett als sehr hart – besonders in Russland: Filins Vorgänger Gennadi Janin wurde zum Rücktritt gezwungen, nachdem erotische Fotos von ihm im Internet aufgetaucht waren – vermutlich steckte ein Rivale dahinter. Auch Janins Vorgänger, Alexei Ratmanski, ging 2008 nach Amerika, weil er in Moskau um sein Leben fürchtete. 1995 wurde Oleg Winogradow, Chef des Petersburger Kirow-Balletts, brutal verprügelt, angeblich von der russischen Mafia. Der Fall wurde nie aufgeklärt.

Das hat Tradition, wie der russische Ballettexperte Wadim Gajewski laut «Tagesspiegel» sagte: «Was passiert ist, schockiert jeden, aber viele Leute überrascht es nicht.» Schon zu Sowjetzeiten hätten sich die Bolschoi-Tänzer mit allen Mitteln bekämpft. Besonders beliebt damals: Glasscherben in Spitzenschuhen, um die Füsse zu ruinieren.

Aufgestochene Reifen und Drohanrufe

Auch Filin hatte das schnell kennen gelernt. Die Bedrohungen häuften sich seit mehreren Wochen: Seine Autoreifen waren aufgestochen worden, seine E-Mail- und Facebook-Konten gehackt, er erhielt ständig Drohanrufe. Katja Nowikowa, Sprecherin des Theaters, bestätigte, dass Filin wie auch seine Vorgänger ständig bedroht wurden. Er hatte einen Personenschutz jedoch abgelehnt.

Anatoli Iksanow, Intendant des Theaters, ist sich sicher, dass der Angriff etwas mit der Arbeit von Filin zu tun hat. Filin sei sehr konsequent gewesen und habe keine Kompromisse gemacht, sagte er einem russischen Sender: «Wenn er glaubte, ein Tänzer sei noch nicht reif oder für eine bestimmte Rolle ungeeignet, lehnte er ihn ab.» Viele Mitglieder der Compagnie hatten sich bereits über ihn beschwert, weil sie sich ungerecht behandelt fühlten.

Auch die Politik ist immer präsent im Bolschoi-Theater, und wie in der russischen Politik gab es immer wieder Streit zwischen Konservativen und Neuerern, die teils heftig über Aufführungen diskutierten. Filin gehörte zum progressiven Lager und versuchte, das Repertoire des Bolschoi-Balletts zu modernisieren, wofür er gefeiert und kritisiert wurde. Auch sein grosser Star, der Tänzer Nikolai Ziskaridze, will offenbar eher zurück zum athletischen sowjetischen Stil mit seiner Schwarzweissmoral und kann sich dabei auf eine grosse Anhängerschaft stützen.

Konkreter Verdacht

Filin beschrieb den Tathergang in einem Fernsehinterview. «Ich dachte, er wollte mich erschiessen», war seine erste Reaktion, als vor seinem Haus ein vermummter Mann auf ihn zutrat. Als Filin fliehen wollte, versperrte ihm der Mann den Weg und schüttete ihm Säure ins Gesicht. Die Polizei befragt momentan Mitarbeiter des Bolschoi-Theaters und hat laut der Zeitung «Izwestija» auch einen konkreten Verdacht, der offenbar auf Aussagen von Freunden von Filin und von seiner Mutter Natalia Filina basiert. Die Angelegenheit könnte sich also schnell aufklären.

Sie beschäftigt auch die höchsten Stellen: Im Auftrag von Kulturminister Wladimir Medinski hat der Generalstaatsanwalt die Ermittlungen übernommen. Er sieht den Ruf von Russland gefährdet. Das 1776 gegründete Bolschoi-Theater war erst Ende 2011 nach sechs Jahren Umbau wiedereröffnet worden, der angeblich eine Milliarde Euro gekostet hat.

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