Nur fühlen tut man es nicht

Das Theater an der Effingerstrasse bringt mit «Via Mala» von John Knittel ein gewaltiges Familiendrama auf die Bühne. Der moralische Konflikt der Vorlage wird aber nur oberflächlich abgehandelt.

Allen ist ausnehmend unwohl: Szene aus «Via Mala».

Allen ist ausnehmend unwohl: Szene aus «Via Mala». Bild: Severin Nowacki

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In jungen Jahren lebte Schriftsteller John Knittel (1891–1970) einige Zeit in London und am Genfersee und unternahm Reisen nach Ägypten, Algerien und Tunesien, bevor er sich 1939 in Graubünden niederliess. Hier spielt denn auch Knittels Roman «Via Mala», sein wohl berühmtestes Werk, welches sich mehr als drei Millionen Mal verkaufte, mehrfach verfilmt (zuletzt 1985 mit Mario Adorf in der Hauptrolle) und fürs Theater adaptiert wurde. Vor drei Jahren zeigte das Freilichtmuseum Ballenberg eine Mundart-Fassung von «Via Mala», am Samstag lud das Theater an der Effingerstrasse nun zur Premiere des Stückes in Hochdeutsch.

Der Titel verweist einerseits auf den geografischen Ort des Geschehens – das fiktive Städtchen Andruss siedelt Knittel in der Nähe der bündnerischen Via-Mala-Schlucht an; andererseits nimmt der Titel auch den Inhalt vorneweg, begeben sich hier doch mehrere Menschen auf den falschen oder eben «schlechten Weg». «Via Mala» behandelt ein Familiendrama der schlimmsten Sorte. Im Zentrum steht die Familie Lauretz, welche jahrelang unter ihrem Vater Jonas zu leiden hat, einem gewalttätigen Tyrannen, der jedem Rock im Dorf nachjagt, selbst demjenigen seiner Tochter, der seine Frau und seinen Sohn schlägt und malträtiert und dessen einzige Liebe die Schnapsflasche ist. Diese Informationen werden allerdings im Theater an der Effingerstrasse nicht direkt gespielt, sondern nach und nach in Dialogen aus zweiter Hand gereicht, das Stück setzt nämlich dort ein, als das unliebsame Familienoberhaupt bereits im Jenseits weilt.

Die Wahrheit tritt zutage

Die Stube der Familie Lauretz wird einzig mit vier Stühlen, einem Holzboden und einem Segantini-Gemälde angedeutet, welches eine verschneite Winterlandschaft im Engadin zeigt (Bühne: Peter Aeschbacher). Hanna und Sylvia Lauretz (Nicola Trub und Sascia Ronzoni) schimpfen mit ihrem Bruder Niklaus (Fabian Guggisberg), weil dieser die Mutter eingeschlossen hat. Sie würde doch sonst nur in die Kirche rennen, alles beichten und damit der Familie Probleme verursachen, verteidigt Niklaus seine Aktion. Kurz darauf klopft Andreas von Richenau (Fabian Schiffkorn) an die Tür der Lauretz-Hütte und sagt, er und die jüngere Tochter wären eigentlich ein Liebespaar, doch Sylvia zögert, dem Werben des Junkers nachzugeben. Ein dunkles Geheimnis laste über ihrer Familie, deutet sie an, und als von Richenau dem Rest der Anwesenden offenbart, dass er Untersuchungsrichter sei, ist allen offensichtlich ausnehmend unwohl.

In der nächsten Szene unterhält sich das junge Ehepaar von Richenau – Sylvia ist dem Werben des Junkers offenbar trotzdem erlegen – über seinen baldigen Urlaub. Da kommt Gerichtspräsident Dr. Gutknecht (Horst Krebs) auf Besuch und halst Richenau einen Aktenberg zur Überprüfung auf. Darunter befindet sich auch das Dossier zum Verschwinden von Jonas Lauretz. Obwohl seine Frau ihn flehentlich bittet, die Untersuchungen ruhen zu lassen, geht der pflichtbewusste von Richenau der Sache auf den Grund und findet die schreckliche Wahrheit heraus: Die ganze Familie hat sich zusammengetan und den gewalttätigen Vater umgebracht. Was nun? Die Sache weiterziehen und die Familie seiner Frau ins Gefängnis bringen, oder die Angelegenheit doch vertuschen?

Seltsam blutleeres Drama

Die literarische Vorlage würde genügend Spannungsfelder bieten, um «Via Mala» auf der Bühne zum packenden Gewissensdrama zu formen. Das will in der Inszenierung von Alexander Kratzer nicht recht gelingen. Zwar wird durch das Einstreuen von Hinweisen auf die Schuldigkeit der Familie im ersten Teil durchaus Spannung erzeugt. Der moralische Konflikt aber, ob denn jetzt Paragrafen oder Menschlichkeit zum Zuge kommen sollen, ob Berufsehre wichtiger ist als Gesinnung – dieser Konflikt wird nur oberflächlich abgehandelt. Und ausserdem nimmt man weder Andreas von Richenau seinen Gewissenskonflikt noch Sylvia Lauretz ihr Hinund Hergerissensein noch Niklaus Lauretz seinen Zorn richtig ab. Die ganze Aufführung bleibt seltsam blutleer. Man sieht zwar, dass hier Drama, Dilemma, Hass und Liebe gespielt wird, aber fühlen tut man es nicht.

Weitere Vorstellungen bis 20. Oktober. (Der Bund)

Erstellt: 25.09.2017, 08:44 Uhr

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