Nun trampeln sie wieder

Anpassung oder Widerstand? Das ist die Frage, die Eugène Ionescos «Nashörner» so zeitlos macht. Auf dem Gurten zeigt Livia Anne Richard eine griffige berndeutsche Fassung des Theaterklassikers.

Endlich zusammen, doch ein Happy End ist für die beiden nciht vorgesehen: Behringer (Fredi Stauffer) und Daisy (Corinne Thalmann).

Endlich zusammen, doch ein Happy End ist für die beiden nciht vorgesehen: Behringer (Fredi Stauffer) und Daisy (Corinne Thalmann).

(Bild: Hannes Zaugg-Graf)

Plötzlich ist es da, das Nashorn. Ist weder Witz noch Fata Morgana, das belegt Frau Ochs’ Katze, die totgetrampelt worden ist. Aber wahrhaben will man die Existenz des Dickhäuters trotzdem nicht. Zu abstrus ist die Vorstellung, dass ein wilderndes Nashorn den beschaulichen Alltag des Städtchens stören könnte. Einen Alltag, wo der Gemüsehändler und die Beizerin die Kunden noch mit Namen kennen, wo aber Einsamkeit trotz Nähe das Herz manchmal schwer macht. Das von Behringer zum Beispiel, der sich selber nur mit Alkohol erträgt.

Nun trampeln sie wieder, Eugène Ionescos «Nashörner». Für einmal in der prächtigen Abendstimmung auf dem Gurten. Der Theaterklassiker des französisch-rumänischen Autors von 1957 ist in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum von den grossen Bühnen verschwunden, von seiner subversiven Kraft hat er aber nichts verloren. Mit einer verblüffend simplen Versuchsanlage spielt Ionesco mit ein paar harmlosen Kleinbürgern durch, was passiert, wenn das Unvorstellbare Realität wird und ein Leben als Nashorn für alle plötzlich attraktiver ist als ein Menschendasein.

Verhaltene Melancholie...

Bis auf Behringer. Einer der liebenswürdigsten traurigen Helden der Theatergeschichte ist dieser kleine schlampige Büroangestellte, der in allen Konflikten den Fehler bei sich selber sucht und sich nicht getraut, der verehrten Daisy seine Liebe zu offenbaren. Der aber sogar dann noch dem Drang widersteht, sich wie alle anderen in ein Nashorn zu verwandeln, als Daisy sich von der Herde betören lässt – weil ja schliesslich jeder das Recht habe, sich weiterzuentwickeln.

Kein Happy End hat Ionesco für die beiden vorgesehen – nur kurz dauert das Liebesglück, das er den beiden gewährt. «25 Jahre Ehe haben wir jetzt gerade durchlaufen», konstatiert Behringer nach den ersten hässlichen Auseinandersetzungen wegen der Nashörner, und die Ernüchterung ist riesig. Fredi Stettler stattet Behringer genau mit jener verhaltenen Melancholie aus, die über weite Strecken Hank Shizzoes Live-Soundtrack prägt. Shizzoe an den Gitarren, sekundiert vom Perkussionisten Simon Baumann, hat eine grosse Ahnung, wie so eine Kleinstadt summt, nämlich musettehaft beschwingt. Er weiss aber auch, wie wachsende Bedrohung und entfesselte Nashörner tönen, und baut eine Soundkulisse auf, die dem Publikum das Gefühl verpasst, dass sie überall lauern, die grauen Viecher.

...und eine blutige Plüschkatze

Doch so ganz will Regisseurin Livia Anne Richard dieser verhaltenen Stimmung nicht vertrauen, die der griffigen berndeutschen Fassung, die sie aus Ionescos Vorlage herausgearbeitet hat, so gut bekommt. Die Sprache ist schlicht wie das Bühnenbild (Fredi Stettler) mit den paar weissen, verstellbaren Quadern, und wenn sich zwischen Behringer und seinem Freund Hans die Missverständnisse türmen, dann wird eindrücklich demonstriert, dass Kammerspiel auch auf einer Freilichtbühne funktionieren kann.

Aber heftig aufgedreht wird dort eben auch. Vor allem bei den Nebenfiguren und da bis zur Karikatur, wenn zum Beispiel Frau Ochs mit einer rot eingefärbten Plüschkatze auftaucht und in heulseliges Lamento ausbricht. Oder die neunmalkluge, rechthaberische Bürokollegin von Behringer und Daisy in spitzigsten Tönen doziert und damit sogar noch mehr nervt als der allzu affektierte Logiker.

Zu gross ist der Kontrast zwischen diesen flachen Lachszenen und den starken Momenten der Inszenierung, in denen die drei Hauptfiguren, Behringer, Hans (Markus Maria Enggist) und Daisy (Corinne Thalmann, so beiläufig und unaufgeregt zeigen, dass die nicht sehr angenehmen Fragen zu Anpassung oder Widerstand immer aktuell bleiben.

Bis 19. August. Espace-Card-Ermässigung.

Der Bund

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