«Niemals zurück in dieses System»

Rabea Grand gewann als Skifahrerin eine WM-Medaille, dann wurde sie Theatermacherin. Den Profi-Sport sieht sie sehr kritisch.

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Eine Sportreporterfrage zum Einstieg: Was war das für ein Gefühl, als Sie in Are 2007 eine WM-Medaille gewannen?
An dieses Gefühl kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Das war mein erstes Leben. Das ist heute weit weg für mich. An den Leistungsdruck erinnere ich mich aber noch sehr gut. Ich hatte schon mit 20 Jahren Mühe mit dem Ski-Zirkus. Anderen mag das eine Weile gefallen, aber ich konnte nie wirklich umgehen mit dem Druck, den Hierarchien. Der professionelle Ski-Sport lässt Menschen vereinsamen und macht sie zu Einzelkämpferinnen. Er kennt keine Solidarität. Als ich kurz vor meinem Rücktritt Streit mit meinem Cheftrainer bekam, blieben die SMS meiner Betreuer und meiner Teamkolleginnen sofort aus. Es war, als wäre ich gestorben. Niemals möchte ich zurück in dieses System.

In Are findet gerade wieder eine Ski-WM statt.
Ist die nicht schon vorbei?

Warum sind Sie nicht früher ausgestiegen?
Als Ski-Profi wird einem alles vorgeschrieben. Wann du dein Frühstück isst, wann du die Piste runterfährst, wann du ins Bett gehst. Ich wusste gar nicht, wer ich ausserhalb des Skisports sein konnte. Ich war privilegiert, aber eingesperrt, sass im goldenen Käfig. Ich fuhr weiter und freute mich zugleich darauf, 30 zu werden und meine Karriere beenden zu können. Der wahnsinnige Adrenalinschub einer Abfahrt, oder ein perfekter Tag wie jener, als ich Schweizer Meisterin im Riesenslalom wurde – all das wiegt ein solches Leben für mich nicht auf.

Sie haben während Ihrer Sportkarriere studiert. Waren Sie als intellektuell Interessierte allein auf der Ski-Tour?
Die Ski-Welt ist sehr simpel. Man eckt an, sobald man etwas vertiefter denken will. Es gab wenige wie ich, die parallel zur Skikarriere intellektuelle Inputs von aussen brauchten. Bei den Frauen war da zum Beispiel noch Aita Camastral, die ebenfalls im Fernstudium studierte. Und Dominique Gisin.

Haben Sie als Ski-Profi gar nichts gelernt, von dem Sie heute profitieren?
Die Fähigkeit, auf eine Aufgabe fokussieren und dafür hart arbeiten zu können. Aber es ist halt einfach nicht gut, wenn das die einzigen Fähigkeiten sind, die man hat. Bei uns in der Gessnerallee soll es nicht darum gehen, als Einzelkämpferin Leistung zu erbringen und sich ständig selber zu vermarkten. Sondern die Sache soll im Mittelpunkt stehen, und das gemeinsame Erarbeiten von Programmen und Produktionen. Die Zeit der Einzelkämpferinnen ist vorbei.

Warum schauen Menschen in der Mehrheit lieber Skirennen als Theater?
Wir von der Gessnerallee haben ein spezielles, eher nischiges Programm: Zeitgenössisches Theater und Tanz mit experimentellen Formaten. Schon klar, dass wir damit nicht alle ansprechen. Aber ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Kunst insgesamt im Vergleich zum Sport so viel schlechter abschneidet. Sie hat ja auch ihre Riesenevents, denken wir etwa an die vielen Biennalen. Und die Quoten der Skirennen sind ja auch nicht mehr so gut wie früher. Auch der Skisport hat das Problem eines alternden Publikums. Ich habe selber schon als Sportlerin kaum Skirennen geschaut. Wenn, dann aus professionellem Interesse. Ich wollte schauen, wie diese Fahrerin jenen Hang bewältigt.

Ist Skifahren nicht auch ein Art Performance? Menschen in hautengen Kostümen, die sich sinnlos in die Tiefe stürzen …
(lacht) Nun, eine allzu sympathische Performance wäre das im Kunstbetrieb jedenfalls nicht. Aber ja, die viele Spitzensportler- und sportlerinnen sind nicht authentisch: Sie performen den neoliberalen Leistungsgedanken, es geht um die Selbstdarstellung des starken Athleten. Verletzlichkeit und Sensibilität haben keinen Platz. Sicher, so ein Skirennen hat eine eigene Dramatik. Durch die Gefahr erst entsteht eine Spannung. Und ein Unfall wirkt dann wie ein Auto-Crash. Da müssen die Leute einfach hinschauen.

Es gibt Sportler, die wegen ihres Einfallsreichtums und ihrer Eleganz in die Nähe des Künstlertums gerückt werden. Roger Federer ist so ein Beispiel. Kommen Ihnen ähnliche Beispiele im Skisport in Erinnerung?
Es gab schon Fahrstile, die als künstlerisch bezeichnet wurden. Aber körperliche Virtuosität allein ist für mich keine relevante Kunst. Eine relevante Kunst muss einen gewissen Diskurs bearbeiten, sich spezieller Themen annehmen.

Wie reagieren Ihre Theaterkollegen auf Ihre Sport-Vergangenheit?
Zu später Stunde beim Bier werde ich schon mal darauf angesprochen. Da ich dem Sportbetrieb gegenüber selber kritisch eingestellt bin, verlaufen Gespräche darüber meist nicht sehr kontrovers ... die finden das oft auch ganz lustig. Auch wenn man als Spitzensportlerin sozialisiert wurde, kann man sich daraus befreien.

Wird Ihre Ski-Vergangenheit Thema Ihrer künftigen Arbeit?
Nachhaltigkeit, Privilegien, Feminismus. Das sind einige unsere Kernthemen, wenn wir die Gessnerallee übernehmen. Der Skisport als sehr westlicher, sehr männlicher, sehr weisser Sport wäre dazu ein guter, starker Kontrast.

Gibt es Stücke oder Autorinnen oder Autoren, die Sie unbedingt in die Gessneralle holen wollen?
So konkret möchte ich noch nicht werden. Aber wir haben zum Beispiel vor, öfters Künstlerinnen einzuladen, die in Europa wohnen, aber aussereuropäischer Herkunft sind. Auch im Sinn der Nachhaltigkeit, wir werden für einzelne Gastspiele niemanden aus Übersee einfliegen. Und zeitgenössischen Tanz und Urban Dance einander näherbringen. Nicht zuletzt deshalb, weil Urban Dance ja stark migrantisch geprägt ist.

Für die schweizerisch-albanische Breakdancerin aus Schwamendingen werden Sie also ein offenes Ohr haben?
Sicher. Denn wir wollen das Theater zu einem Ort machen, den auch aktuell Theaterferne besuchen wollen.

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