Mit Hochdruck angefreundet

Im neuen Kinderstück der Theatergruppe Kolypan zieht ein Hort ins Altersheim: «Vo wo bisch?» hält auch manche Spässe für Erwachsene bereit. Fast zu viele.

Karla, Winnetou und Old «Schlatter Hans»: Fabienne Hadorn, Gustavo Nanez und Herwig Ursin (v.l.n.r.) schlüpfen jeweils in mehrere Rollen.

Karla, Winnetou und Old «Schlatter Hans»: Fabienne Hadorn, Gustavo Nanez und Herwig Ursin (v.l.n.r.) schlüpfen jeweils in mehrere Rollen. Bild: Xenia Zezzi

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Am Schluss ist irgendwie alles wieder gut im Altersheim Silbersee. Die ausgebüxte Frau Vontobel ist mit der Einsicht zurückgekehrt, dass es im schickeren Seniorenheim Sonnenberg «saulangweilig» sei. Der Neuankömmling Hans, der eigentlich nur Winnetou-Romane liest, hat sich doch noch eingelebt. Und die Kinder entdecken ihre Gemeinsamkeiten: Lügen erzählen, weil man sich schämt? Kennt doch jeder.

Kinder im Pflegeheim? Das hat sich die Zürcher Gruppe Kolypan so ausgedacht: In ihrem neuen Stück «Vo wo bisch?» (Regie: Meret Matter) wird ein ganzer Kinderhort im Haus am Silbersee einquartiert. Und dort ist niemand richtig glücklich. Denn während sich Frau Vontobel über die vielen «Schoggi­chöpf» unter den Kindern aufregt, wird das Mädchen Karla von zwei Buben wegen ihres albanischen Vaters gehänselt.

Viel Unfriede also im schmucklosen Saal des Quartierzentrums Tscharnergut, wo das Schlachthaus-Theater das Stück im Rahmen seines Familienprogramms zeigt. Der Spielort passt zum Bühnengeschehen; stellt man sich doch gerne vor, wie hier im «Tscharni» noch die Lebenswelten kollidieren: von Migrantenfamilien und Rentnern zum Beispiel. Akustisch allerdings ist der Raum nicht die beste Wahl, viele Sätze oder Liedzeilen sind nur schwer verständlich.

Was theoretisch egal wäre, denn die wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte sollten die Kinder ja auch so mitbekommen. Wobei man selbst als erwachsene Person seine Mühe hat, die Story nachzuerzählen. Nicht, weil sie besonders kompliziert wäre, sondern eher, weil die Läuterung der Figuren gar unvermittelt geschieht. Und warum sind wir eigentlich immer wieder im Wilden Westen?

Friedenspfeife mit Winnetou

Die Szenenwechsel – markiert durch verändertes Licht oder Bühnenelemente wie Stellwände – sind Traumsequenzen von Hans (Herwig Ursin), der sich in Anlehnung an den Westernhelden Old Shatterhand «Schlatter Hans» nennt. In seiner Fantasie also raucht Hans die Friedenspfeife mit Winnetou (Gustavo Nanez), steht aber zugleich unter der Knute seines profitgierigen Chefs, der auf dem entdeckten Land eine Eisenbahnlinie bauen will – en miniature in unserem Fall (Bühne: Gustavo Nanez).

Man muss nicht unbedingt Karl May gelesen haben, um zu verstehen, dass es sowohl im Wilden Westen als auch am Silbersee um unseren schmählichen Umgang mit dem Fremden geht. Die Kinder fühlen sich derweil eher von der zähen Karla (Fabienne Hadorn) angesprochen, die ihren Frust in einen Song packt, als sich ihre beste Freundin einfach so von ihr abwendet. Überhaupt ist sie eine erfreulich resiliente Mädchenfigur, die Mikadostäbe fallen lässt wie ein Rapper sein Mikrofon. Ob die Kleinen das Zitat auch sehen?

Erwachsene jedenfalls kommen nicht zu kurz: Man lacht über den Bündner Gschpürschmi-Hortleiter Pascal (nochmals Herwig Ursin), der mit Dreadlocks und Batikshirt das Altersheim zum Generationenhaus erklärt und ein Einhorn-Sitzkissen anbietet – «zum Obenabeko» (Ausstattung: Sara Giancane). Seine Globi-Leseecke hingegen findet Karlas Mutter (nochmals Fabienne Hadorn) «würkli schwierig». Den Kinderzimmer-Rassismus des blauen Vogels kapieren natürlich wieder nur die Grossen.

Am Schluss sind alle Freunde

Egal, es ist zumindest immer was los bei Kolypan. So mitreissend der schauspielerische Hochdruck der Gruppe, so atemlos aber kommt das Stück als Ganzes daher. Liedchen werden meistens nur angesungen, eine Trommel oder ein Blues höchstens ausprobiert. Und am Schluss sind alle Freunde. Wie es so weit kam? Hat man vergessen. Stört das die Kinder? Nicht im Geringsten.

Weitere Vorstellungen bis 10. Dezember. Alle Termine: www.schlachthaus.ch (Der Bund)

Erstellt: 04.12.2018, 06:45 Uhr

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