Mit Hakenkreuzbinde gratis ins Theater

Der TV-Satiriker Serdar Somuncu inszeniert in Konstanz ein Theaterstück und schickt die Zuschauer am Hitlergeburtstag mit NS-Symbolen in den Saal. Provokation oder Geschmacklosigkeit?

Die Theaterbesucher mussten sich beim Ticketkauf entscheiden, ob sie eine Hakenkreuzbinde oder einen sogenannten Judenstern tragen wollen.

Die Theaterbesucher mussten sich beim Ticketkauf entscheiden, ob sie eine Hakenkreuzbinde oder einen sogenannten Judenstern tragen wollen.

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Die Premiere soll am 20. April stattfinden. Schon dies wird von manchen als Provokation empfunden. Eine Inszenierung von George Taboris Groteske «Mein Kampf» über den jungen Hitler im Wiener Männerwohnheim (uraufgeführt 1987) ausgerechnet am Hitler-Geburtstag zur Premiere zu bringen – ist das noch diabolische Satire mit Marketing-Funktion oder bloss noch schwer daneben?

Aber es war nicht nur das Datum, das dem Theater Konstanz jetzt turbulente Tage beschert hat. Das Haus lädt morgen Dienstag zu einer Pressekonferenz, weil die Produktion, für die der bekannte deutsch-türkische Regisseur und TV-Satiriker Serdar Somuncu zeichnet, sich von allem Anfang an heiklen Grenzen nähert. Oder, je nach Deutung, sie überschreitet. Es beginnt tatsächlich mit dem Ticketerwerb: Die Theaterbesucher mussten sich entscheiden, ob sie eine Hakenkreuzbinde oder einen sogenannten Judenstern tragen wollen. Zur Hakenkreuzbinde, und nur zu ihr, gab es die Theaterkarte gratis; und ungefähr 50 kostenlose Tickets sind, wie die «Stuttgarter Zeitung» meldet, für die geplanten 14 Aufführungen bereits ausgegeben worden. Die Aufregung darüber ist gross. Und nachdem das Theater bereits am Freitag eine beschwichtigende Medienmitteilung verschickt hat, folgt morgen die Medienkonferenz dazu.

Man nehme die sachlich vorgetragenen Einwände sehr ernst, verfolge die Debatte genau und habe in Abstimmung mit dem Regisseur beschlossen, die «Eintrittstruktur für die Produktion zu erweitern», lässt das Theater wissen. Es werde den regulären Kartenkäufern freigestellt, ob sie den Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft trügen oder nicht. Und wer das Premierendatum als Provokation empfinde, könnte die Karte gebührenfrei umtauschen. Man sei «trotz unseres Erstaunens über die stellenweise öffentliche Vorverurteilung froh über die bundesweite Beteiligung an dieser aus unserer Sicht längst überfälligen Debatte».

Zurschaustellung von NS-Symbolen ist verboten

Die Diskussion verrate viel über «den teils fragwürdigen Umgang unserer Gesellschaft mit der Vieldeutigkeit nationalsozialistischer Symbole und Zitate wie auch über unseren Umgang mit Erinnerungskultur über Generationen hinweg.» In Deutschland ist im öffentlichen Raum die Zurschaustellung von NS-Symbolen verboten. Das Theater Konstanz verweist diesbezüglich aber einerseits auf die künstlerische Freiheit und andererseits darauf, dass die Inszenierung quasi mit dem Kartenkauf beginne und der Zuschauer dadurch bereits ins Spiel eingebunden sei.

Der 1968 in Istanbul geborene Somuncu – der 2017 an der Bundestagswahl als Kanzlerkandidat der Satire-Partei «Die Partei» antrat – erläutert sein Konzept im «Südkurier». «Angesichts der Radikalität, mit der rechte Parteien heutzutage Stimmung gegen Minderheiten machen, braucht es eine ebenso radikale Antwort der Kunst auf diese Entwicklung», erklärt er. «Wir fordern auch von unseren Zuschauern, dass sie sich positionieren. Jegliche Empörung in der Praxis schlägt fehl, wenn sie unsichtbar bleibt.» Die Inszenierung wolle ja gerade vor Verunglimpfung, Ausgrenzung und wachsendem Totalitarismus in Europa und weltweit warnen.

Unsichtbar ist die Empörung jedenfalls nicht geblieben. Und das Theater Konstanz, das gerade wilde Wirren rund um seinen streitbaren Erfolgsintendanten Christoph Nix zu verkraften hatte – dessen Vertrag wider Erwarten nicht über 2020 hinaus verlängert wurde –, sieht sich aufs Neue im Kreuzfeuer hitziger Diskussionen. Ob eine derartige Warnung vor dem allgemeinen Rechtsruck wirklich funktioniert – und die richtigen überhaupt erreicht –, wird sich weisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 14:09 Uhr

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