Meuchelmord am Meisterwerk

Zum Saisonbeginn im Kubus scheitert Konzert Theater Bern krachend an Ralph Benatzkys Operette «Im weissen Rössl». Und verliert damit gegen Bümpliz.

Auch Uwe Schönbeck kann es nicht richten: Willkommen im Musikantenstadl.

Auch Uwe Schönbeck kann es nicht richten: Willkommen im Musikantenstadl. Bild: zvg/Annette Boutellier

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Nein, es war nicht alles schlecht. Im Duett Sigismund/Klärchen kommt es ansatzweise zu einer gelungenen Tanzeinlage. Einige Pointen sitzen durchaus. Und das makellose Alphornsolo – auch wenn es im Werk nichts verloren hat – ist ein musikalisches Highlight. «Das ist der Zauber der Saison», singen die Kurgäste in St. Wolfgang im Salzkammergut zu Beginn, doch sie können damit unmöglich diese Produktion gemeint haben. Denn die ist gewiss kein Höhepunkt der neuen Saison.

Wie gerne hätte man eingestimmt ins «Zuschauen mag i ned» des Zahlkellners Leopold (und zuhören gerade auch nicht). Drei Stunden Klamauk in Musikantenstadl-Ästhetik sind hart, auch wenn einem Andy Borg erspart bleibt. Dafür nicht Alexander Tschäppät. Doch er durfte gar nicht den Kaiser spielen, sondern nur dessen Ersatz.

Zwei Strophen für Tschäppät

Selbst mit dem Premierengast wusste die Regie also so wenig anzufangen wie mit dem ganzen übrigen Stück. Sie drapiert grellbunte Kostüme einschliesslich Louis-Toujours-Trachten (Susana Mendoza), kitschige Requisiten und kindische Einfälle in ein Bühnenbild (Ralph Zeger) zwischen Kuckucksuhr und Kletterwand. Schweizer Fähnchen im Salzkammergut wären so entbehrlich wie der Berner Marsch.

Einige Takte beim Auftritt des Stadtpräsidenten mögen ja noch angehen, aber nicht zwei volle Strophen. Dafür werden schönste Passagen der wunderbaren Originalpartitur geopfert, und was nicht gestrichen ist, klingt vor allem: laut. Aber immerhin übertönt das den Lärm von der Strasse. Das Orchester dröhnt und kracht, und was bei Dirigent Hans Christoph Bünger swingen soll, klingt arg breiig. Gesungen wird auf eher mässigem Niveau, und die elektronische Verstärkung stellt alle Defizite schonungslos bloss.

Die hehre Absicht der Regisseurin Sabine Hartmannshenn, Sänger und Schauspieler symbiotisch zu vereinen, scheitert kläglich. So kläglich, dass selbst Uwe Schönbeck als Berliner Fabrikant Giesecke den Abend nicht retten kann. Zwar gehören seine Auftritte zu den Lichtblicken, aber auch er erreicht nicht immer sein gewohntes Niveau.

Die übrigen Charaktere wirken beliebig bis austauschbar, und es wird keine Geschichte erzählt. Aufgesetzte Gags sollen es richten, doch sie bleiben schal. Gesamthaft eher zu den Aktivposten zählen Bettina Jensen als Wirtin Josepha, Mariananda Schempp als Klärchen und, mit Abstrichen, Jonathan Loosli als Sigismund. Eher enttäuschend dagegen Raphael Wittmer als Rechtsanwalt Dr. Siedler. Von eigentlichen Fehlbesetzungen muss man bei Vater Hinzelmann und Ottilie Giesecke sprechen, während sich Arne Lenk als Zahlkellner Leopold redlich über die Runden müht.

Eins zu null für Bümpliz

Für ein Haus wie das Berner Stadttheater ist das zu wenig. Die Komödie, da hat Regisseurin Hartmannshenn im Programmheft schon recht, ist eine schwierige Kunst. Wer sie nicht beherrscht, sollte die Finger davon lassen. Es käme dann auch nicht zu Peinlichkeiten wie den inzestuösen Andeutungen bei den Hinzelmanns oder der Massenorgie beim Stromausfall.

Das «Weisse Rössl» hätte Besseres verdient, gerade nahe des Thunersees, wo Komponist Ralph Benatzky und Texter Hans Müller-Einigen jahrelang gelebt haben. Nun aber ist dieser Prototyp der Berliner Operette, dieses melodische Feuerwerk im Kubus regelrecht vergewaltigt worden. Pech für Konzert Theater Bern, dass man eben erst erleben konnte, wie diese Operette richtig geht; im Sternensaal Bümpliz, in der Produktion von Simon Burkhalter und Michael Kreis («Kleiner Bund» vom 29. August).

Starrsinnig ins Aus

Das Pech ist aber selbst verschuldet: Man hätte im hohen (und hoch subventionierten) Haus die Wahl gehabt, auf eine anderes Stück zu wechseln. Aber nein, man wollte sich von einer Sommeroperette nicht beirren lassen; Uwe Schönbeck konnte man sich ja brüderlich teilen und dort wie hier auftreten lassen. Nun muss das Stadttheater halt mit der Tatsache leben, dass es qualitativ in jeder Beziehung hinter der Vorstadtproduktion zurückgeblieben ist (vom gleichen Werk kann man ja kaum sprechen).

Das ist etwa so, wie wenn YB im Cup vom FC Bümpliz eliminiert würde. Und wer das «Rössl» im Sternensaal verpasst hat, kann leise hoffen: Für das Gastspiel der Sommeroperette am 25. September im Podium Düdingen sind noch einige Karten zu haben.

Bis 9. Oktober im Kubus. (Der Bund)

Erstellt: 16.09.2016, 19:44 Uhr

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