Mensch oder Nutztier, das ist die Frage

Am Theaterfestival Auawirleben verkauft Daniel Hellmann Sex – und kommt aus dem selbstverliebten Plaudern nicht heraus.

Daniel Hellmann als «Traumboy».

Daniel Hellmann als «Traumboy».

(Bild: Auawirleben (zvg))

Seine Waden sind ein bisschen dünn. Aber sonst gibts gar nichts zu bemängeln am jungen Mann, der allein auf der Bühne des Schlachthauses seinen prächtigen Körper präsentiert. Auch seine fürs Publikum nicht sichtbaren Werte sollen beachtlich sein: Sein «XXL-Kolben» zum Beispiel, den einer seiner Kunden auf der Homepage des «Traumboys» preist. Daniel Hellmann verkauft Sex hauptsächlich an Männer, manchmal auch an Frauen. Und seit er das tue, sei Sex für ihn noch viel aufregender geworden, sagt der 31-Jährige.

Um das Publikum davon zu überzeugen, redet er fast nonstop. Baut so eine glänzende Fassade auf, bestückt mit funkelnden Klischees. Tolle Familie, tolle Kindheit, tolle Begegnungen, tolles Geld. Nichts Unappetitliches trübt den Alltag des jungen Mannes, der sich im Scheinwerferlicht wie ein Chippendale-Tänzer inszeniert.

Alles echt oder nicht? Das ist die Frage, die sich schnell stellt in der 80-minütigen Show. Denn irritierend gross ist Hellmanns missionarischer Eifer. So gross, dass man bald Ausschau hält nach dem schwarzen Loch, das zum doppelten Boden führt. Doch Hellmann kommt aus dem selbstverliebten Plaudern nicht heraus. Unter gehen dabei jene Momente, die verraten, dass da einer auf einer Suche ist und sich zurzeit aus vier Identitäten ein Ich bastelt. Vom Alter der Kunden bis zum Preis – kein Detail lässt er aus, dieser perfekte Vertreter der Sexindustrie, der für die künstlerisch wenig ergiebige Performance nicht einmal den Voyeurismus des Publikums verwertet. So wie ihn das Publikum befragen darf, will zwar auch er ein paar Sachen von ihm wissen.

Weit ergiebiger als diese Dialoge sind aber jene Sequenzen, in denen Zuschauer und Zuschauerinnen die Internet-Bewertungen von Hellmanns Qualitäten laut vorlesen. Hier bricht die Hochglanz-Fassade mit ebenso viel Selbstironie wie Absurdität auf. «Denkt daran, er ist ein Mensch und nicht ein Nutztier», schrieb ein Kunde. Ein Unterschied, über den man gern mehr erfahren hätte.

Der Bund

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