«Manchmal bin ich ein Saugof, gefangen in ewiger Pubertät»

Der Berner Schauspieler Thomas «Hoschi» Hostettler spielt einen bipolar gestörten Vater, den seine Tochter auch schon mal an das Wechseln der Unterwäsche erinnern muss.

Der Berner Schauspieler Thomas «Hoschi» Hostettler (links) und die neunjährige Luna Paiano (rechts) spielen im «Mi lieb gstöört Vättu».

Der Berner Schauspieler Thomas «Hoschi» Hostettler (links) und die neunjährige Luna Paiano (rechts) spielen im «Mi lieb gstöört Vättu». Bild: zvg

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Ursprünglich wollte die inzwischen verstorbene Regisseurin Trix Bühler «Mi lieb gstöört Vättu» von Paula Fünfeck auf die Bühne bringen. Sie rechnete bereits mit Beschwerdebriefen, weil das Kinderstück von einem Vater mit bipolarer Störung handelt.
Ich habe schon öfters Kinder- oder Jugendtheater gemacht. Die ganzen Kantonsvorsitzenden und Schulleitungen, die das im Vorfeld beurteilen, haben oft zu viele Bedenken. Anstatt ein Stück anzuschauen und dann darüber zu reden, wird es noch vor der Aufführung zerdiskutiert. Im Theater wird den Kindern generell wenig zugemutet. Bei der Auswahl von Filmen sind die Lehrer weit mutiger.

Sie haben selber Kinder?
Ja. Eines ist 14, eines 4 Jahre und das Jüngste ist 16 Monate alt.

Aber keines im Alter Ihrer aktuellen Spielpartnerin Luna Paiano.
Sie kann mir trotzdem nichts vormachen. Ich lese sie wie ein offenes Buch, Seite für Seite. Ich kenne es einfach: das wunderbar Liebenswerte, aber auch das Nervige an Kindern. Luna ist sehr clever, sie hat schnell begriffen, dass ich als Vater nicht nur Vorreiter bin. Manchmal muss sie übernehmen und die treibende Kraft auf der Bühne sein. Dabei hilft übrigens die gute Übertragung ins Berndeutsche von Raphael Urweider.

Viele Schauspieler fürchten sich vor Kindern auf der Bühne, die wegen ihrer Unberechenbarkeit sämtliche Aufmerksamkeit stehlen.
Von der Echtheit und Direktheit, welche sie in den besten Momenten haben, kann ich mir immer wieder eine Scheibe abschneiden. Im Zusammenspiel verführen wir einander und fordern uns heraus. Mittlerweile sind wir so ein verschworenes Team, dass es eher für den Regisseur schwierig wurde, einzugreifen.

Hätte es auch sein können, dass Sie keinen Draht zueinander finden?
Davor hatte ich keine Angst. Ich kann gut mit Kindern und begegne ihnen auf gleicher Augenhöhe.

Weil Sie selbst eines geblieben sind?
Natürlich, manchmal bin ich ein Saugof, gefangen in einer endlosen Pubertät.

Muss gegenüber Kindern die Illusion des ständig kontrollierten Erwachsenen aufrecht erhalten werden?
Nicht unbedingt, jeder Vater kommt sich manchmal als pädagogischer Tollpatsch vor. Erziehung ist immer ein Versuch. Die Kinder, die das Stück sehen, sollen auch merken, dass mit diesem Vater etwas nicht stimmt, dass er sich überfordert und verzweifelt fühlt. Wir haben die dunkle Seite im Stück ausgelotet und fanden es besser, die Leichtigkeit zu behalten, aber ab und an eine graue Wolke aufziehen zu lassen.

Die pure Depression führt zu weit?
Ja, für alle Beteiligten und für meine Psyche. Man kann sich der Depression auch ausliefern und ich kenne manche, die mit ihr hausieren gehen. Angehörige müssen auch darauf achten, sich nicht mit reinziehen zu lassen. Von einem fröhlichen Rock’n’Roll-Menschen wie mir würde man es nicht denken, aber ich wurde seit der Kindheit mit Aufs und Abs konfrontiert. Irgendwann habe ich geschnallt, dass mir nichts übrig bleibt, als aus eigener Kraft aufzustehen. Ich habe ein kleines imaginäres Händchen entwickelt, das mich packt und aus dem Sumpf herauszieht. Ich kann nicht darauf warten, dass mir jemand das rettende Seil zuwirft.

(Der Bund)

Erstellt: 14.01.2016, 09:00 Uhr

Agenda

So hatte sich die Berner Theaterfrau Trix Bühler das Stück «Mi lieb gstöört Vättu» von Paula Fünfeck zu Lebzeiten vorgestellt: auf Berndeutsch und mit einem richtigen Kind. Hannes Rudolph inszeniert es nun im Schlachthaus-Keller in ihrem Sinne.
Nächste Aufführung am Samstag, 16. Januar, um 16 Uhr, weitere Vorstellungen bis Sonntag, 31. Januar. www.schlachthaus.ch/spielplan

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