Liebestod unter dem Wasserfall

Unabhängig von Zeit und aktueller Politik präsentiert Regisseurin Claudia Meyer im Stadttheater Bern eine «Othello»-Inszenierung, die trotz allerlei technischem Brimborium unter die Haut geht.

Die drohende Blase platzt, als Othello (Ramsès Alfa) Desdemona (Mariananda Schempp) erwürgt.

Die drohende Blase platzt, als Othello (Ramsès Alfa) Desdemona (Mariananda Schempp) erwürgt. Bild: Annette Boutellier

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«Von einem, der nicht klug, doch zu sehr liebte», sollen – in der tieckschen Übersetzung – die Überlebenden das heimische Venedig von Othello grüssen. Sagts und schneidet sich, nachdem ihm klar geworden ist, dass er dem Intriganten Jago auf den Leim gegangen ist und Desdemona, die er eben erwürgt hat, ihm unverbrüchlich treu war, die Kehle auf.

Das Drama von Othello, dem «Mohr von Venedig», ist auch 411 Jahre, nachdem Shakespeare es schrieb, noch von solch unwiderstehlicher Wucht, dass Uminterpretationen des Stoffes ihre liebe Mühe haben. Auch die der Regisseurin Claudia Meyer, die dem Stück laut Programmheft in Anlehnung an Sartres «Geschlossene Gesellschaft» eine Art Gefängnis unterstellt, aus dem es kein Entrinnen gibt und in dem sich alle Eingeschlossenen selbst zerstören – das Ganze überlagert von einer Katastrophenblase, die jeden Moment explodieren könnte und die im vornehm vergoldeten Ambiente des Stadttheaters Bern denn auch wirklich platzt und Othello, die erwürgte Desdemona im Arm, unter einem Wasserfall begräbt.

Im Lokomotiven-Depot

Dem angedeuteten Konzept entsprechend mutiert in Claudia Meyers Inszenierung der Schauplatz Zypern zu einem Lokomotivendepot mit einer riesigen, kreisrunden, beweglichen Schienenanlage, auf der Scheinwerfer und Holzpaletts herumfahren und an deren linkem Rand Michael Wilhelmi einem schwarzen Flügel mal flotte, mal tragisch-bedrohliche Musik entlockt. Das mobile Arrangement, das der Bühnenbildnerin Bettina Pommer zu verdanken ist, ermöglicht einen abwechslungsreichen Blick, erzeugt aber bis auf Momente wie die eines wilden Saufgelages eher Hetero- als Homogenität und wird vom Publikum wohl letztlich als technische Spielerei in Kauf genommen, weil das Liebesdrama unabhängig von Zeit und aktueller Politik nach wie vor unmittelbar zu packen vermag.

Hinreissende Konstellation

Allein schon die Liaison zwischen dem kraftvoll-dynamischen, mal Französisch, mal schwer verständliches Deutsch sprechenden Othello von Ramsès Alfa und der zierlich mädchenhaften Desdemona von Mariananda Schempp wird in der zwingenden Abfolge von verliebtem Tändeln, hitzigem Gespräch und brutalem Mord zu etwas elementar Erschütterndem. Obwohl Desdemona in der Bianca von Milva Stark und in der Emilia von Sophie Melbinger zwei selbstbewusste Charaktere gegenüberstehen und auch die übrigen männlichen Protagonisten – Stephan Maeder als Brabantio, Arne Lenk als Cassio, Lukas Hupfeld als Rodrigo, Tobias Krüger als Montano – weder als Dumm-, noch als Schwachköpfe dastehen, verfallen sie doch samt und sonders der zynisch-genialen Intrige des Jago, der sich für seine Hintansetzung bei der militärischen Beförderung rächt, die Beteiligten wie Marionetten in der Hand hält und bis zu jenem Punkt treibt, wo der Tod seine grausige Ernte hält.

Kühl und keineswegs diabolisch, wie ein moderner Manager, führt David Berger in dieser Rolle seine Gespräche, verleitet die Angepeilten zu Aktivitäten, die sie in die Bredouille bringen, betont aber immer wieder seine guten Absichten und bringt letztlich doch irgendwie jene Selbstzerstörung der ganzen Gesellschaft zustande, wie sie der Regisseurin vorgeschwebt haben mag. Höhepunkt des vom Publikum begeistert applaudierten Abends ist und bleibt aber neben dem langen Dialog zwischen Jago und dem immer mehr in dessen Netze sich verwickelnden Cassio die tödliche letzte Begegnung zwischen Othello und Desdemona.

Abgründige Mordszene

Anders als in andern Aufführungen findet diese Szene nicht im Bett statt, sondern besteht in einem langsamen Einkreisen des längst um sein Schicksal wissenden und um sein Leben bettelnden Opfers durch den zwischen Liebe und Hass, Küssen und Zupacken, Umarmen und Würgen hin und hergerissenen Liebhaber, der, getrieben von seiner sinnlosen Eifersucht, nicht auf einen Schlag, sondern in qualvollem Ringen erst allmählich zum Mörder an seiner Liebsten wird.

Weitere Aufführungen: 6., 14., 21., 28. November; 9., 11., 30. Dezember. www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 02.11.2015, 08:55 Uhr

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