Liebe im Hochsicherheitstrakt

Regisseur Ingo Berk zeigt Henrik Ibsens wohl bekanntestes Theaterstück «Nora» als kühle Studie über Ängste und Zwänge – und die leisen Wonnen der Befreiung.

Der Ehemann als brutaler Dompteur: Torvald (Arne Lenk) bändigt seinen Schmetterling Nora (Sophie Melbinger).

Der Ehemann als brutaler Dompteur: Torvald (Arne Lenk) bändigt seinen Schmetterling Nora (Sophie Melbinger).

(Bild: Annette Boutellier)

Man mag sie sofort, diese Nora, dieses hübsche unbeschwerte Ding. Dass sie auch ein wenig verschwendungssüchtig ist, sieht man ihr nur zu gerne nach. Sie liebt ihren Mann Torvald, und neben ein paar kleinen Geheimnissen – wie das verbotene Naschen von Schokolade – hat sie auch ein grosses.

Und das ist gut verwahrt in einer eisernen Kassette, deren Versteck nur sie kennt. Neben ihrer Grosszügigkeit hat Nora auch noch eine ganz praktische Seite, die sie aber wie ihre Geheimnisse unter Verschluss hält. Und ganz selbstverständlich entwickelt sie einen Mut und eine Kompromisslosigkeit, die ihr keiner zugetraut hätte.

Nicht von ungefähr ist Nora eine der beliebtesten Figuren der Theatergeschichte, realisiert sie doch in einer sehr bürgerlichen Gesellschaft ihre Abhängigkeit und befreit sich ganz allein davon. Sie verlässt nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Kinder, weil ihr kein Leben möglich scheint, bevor sie nicht zu sich gefunden hat.

Was wohl aus ihr geworden ist? Das hat den norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen (1828–1906) nicht weiter interessiert. Mit «Gespenster» hat er aber ein paar Jahre später weiterverfolgt, was möglicherweise aus ihr geworden wäre, wenn sie bei ihrem possessiven Gatten geblieben wäre.

Längst ist «Nora» eine Ikone der Selbstfindung, doch bei seiner Uraufführung 1879 verstörte das Drama mit seiner Radikalität so sehr, dass Ibsen gezwungen wurde, den Schluss zu ändern. Der Emanzipationsprozess der Heldin wurde zwar nicht geschmälert, aber Nora musste bei ihrem Mann bleiben – der Kinder wegen.

Nun, mehr als 130 Jahre später, ist «Nora» immer noch aktuell, nicht nur der vielen Rückschläge wegen, welche die Frauenbefreiung hinnehmen musste, in all den Jahren wurden immer wieder auch die Perspektiven leicht verschoben: Nicht mehr allein das Dilemma der jungen Frau allein steht im Vordergrund, sondern öfters auch der Entwicklungsprozess der übrigen Protagonisten.

Schmetterling hat ausgeflattert

Auf der grossen Bühne der Vidmarhallen hat Nora nur eine billige Nylontasche dabei, als sie Torvald verlässt. Offen und ein wenig zerzaust sind die langen Haare, die sie vorher so kunstvoll geknotet trug, wenn sie für ihren Mann im Kimono die Geisha spielte. Eine gewöhnliche junge Frau bricht da auf, nach der sich keiner umkehrt.

Torvalds Schmetterling, der alle entzückte, hat endgültig ausgeflattert. Der deutsche Regisseur Ingo Berk, der in der aktuellen Saison bei Konzert Theater Bern bereits «Hiob» inszenierte, hat Nora das allzu Puppenhafte vollständig abgeschminkt.

Auch ihr Drama scheint ihm nicht mehr so wichtig. Berk sperrt nämlich alle Protagonisten und nicht nur Nora in den Hochsicherheitstrakt ein, der auf der Bühne eingerichtet ist.

Dort sind sie ihren Zwängen, ihren Ängsten und ihrer Vergangenheit ausgesetzt. Doppelt und dreifach ist dieses Verlies gesichert, ein Wassergraben umgibt gar den zentralen Käfig, das Puppenheim mit japanisch gestyltem Interieur (Bühne: Damian Hitz).

Berk hat weiter den Text komprimiert, das Personal reduziert und die Handlung auf einen Tag beschränkt. Keine Kinder stellen mehr Fragen, und nicht mehr Weihnachten steht an, Torvalds Geburtstag will vielmehr gefeiert werden. Lang und anstrengend ist dieser Tag, an dessen Ende für alle Beteiligten nichts mehr ist, wie es einmal war.

Nur noch drei Figuren, die bei Nora und Torvald ein- und ausgehen, setzt Berk als Brandbeschleuniger des Ehedramas. Da ist der vom Schicksal schwer gebeutelte Anwalt Lars Krogstad, der für ein einmaliges Vergehen schwer büssen muss. Hart geworden ist er und böse, erbarmungslos erpresst er Nora, deren grosses Geheimnis er kennt.

Ganz anders ist da der todkranke Arzt Niels Rank, ein alter Freund der Familie, der Nora mehr als nur verehrt und alles für sie tun würde. Erschöpft wirken die beiden, so wie Noras alte Schulfreundin Kristine Linde. Auch ihr wurde übel mitgespielt, doch die Schicksalsschläge haben sie stark gemacht. Vom Leben ernüchtert sind sie alle drei, und doch schwelt da noch viel Sehnsucht.

Ohne Pathos werden Grenzen überschritten und Fesseln abgestreift.

Wie sich alle fünf unangenehmen oder überraschenden Wahrheiten stellen müssen, führt Berk in seiner schlichten Versuchsanlage ganz ohne Schnörkel vor. Ohne Pathos werden mit sparsamen Gesten Grenzen überschritten, Fesseln abgestreift und Konventionen gebrochen.

Beim Betreten des Puppenheimkäfigs werden plötzlich die Schuhe nicht mehr abgezogen, der sichere Laufsteg rund um den Wassergraben wird immer weniger benutzt.

Gewatet wird nun häufig durchs bedrohlich schwarze und immer bewegtere Wasser. In diesem unterkühlten Ambiente, für das der Berner Musiker Patrik Zeller einen finsteren Soundtrack liefert, brodeln die Gefühle umso heftiger.

Schiffbrüchige ohne Hoffnung

Nur selten lässt Berk sie allerdings ausbrechen, und er verzichtet auch auf jegliche Karikierung der Figuren. Nicht einmal Torvald, dieser biedere Macho, wird ins Lächerliche gezogen. Der Regisseur schürft vielmehr seine Gefährlichkeit frei, macht ihn im Käfig kurz zum brutalen Dompteur, dem fast alle Mittel recht sind, um den Ausbruch seines geliebten Geschöpfs zu verhindern.

Ohne ihn zu denunzieren, führt Arne Lenk mit viel unterschwelliger Ungeduld und Reizbarkeit Torvalds Ohnmacht und Besessenheit vor – und seine Verlorenheit, denn da weiss einer bis zuletzt nicht, wie ihm geschieht.

Als Schiffbrüchige ohne Hoffnung, die jenseits aller romantischen Illusionen von der Liebe übermannt werden, glänzen Jonathan Loosli und Zoe Hutmacher in den Rollen von Lars Krogstad und Kristine Linde.

Überzeugend gelingt Loosli die Wandlung des schmierigen Erpressers, der längst seine Seele verkauft hat, zu jenem respektierten Mann, den er so gern wieder wäre. So herb und schonungslos Zoe Hutmacher als Retterin agiert, so bedingungslos und lang ist dann der Kuss der beiden durchs Gitter hindurch.

Auch der kranke Arzt Rank trifft auf einen Retter: Mit Gevatter Tod als Komplize legt David Berger wie ein Seiltänzer so erleichtert die Contenance ab, als handle es sich dabei um ein kratziges Oberhemd.

Nicht einmal Nora lässt Berk so richtig durch die Hölle gehen. Kein Bruch ist da auszumachen zwischen der Frau, die acht Jahre lang einen Mann liebte, der sie wie sein teuerstes Spielzeug behandelte, und jener, die ihn nun an seinem Geburtstag verlässt.

Wunderbar unaufgeregt und beiläufig macht Sophie Melbinger in der Titelrolle deutlich, dass Noras Wandlung keine plötzliche ist, ausgelöst nur durch Torvalds Feigheit und Verrat. Nora geht. Und das ist kein Drama mehr.

Aufführungen bis 23. Juni.

Der Bund

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