Kurzweil mit Kurt Weill

Mit dem zu Unrecht unbekannten Vaudeville «Love Life» startet Konzert Theater Bern in die neue Spielzeit. Der Star ist der Chor.

Spielt ihre Rolle mit viel Ausstrahlung: Ulrike Hallas.

Spielt ihre Rolle mit viel Ausstrahlung: Ulrike Hallas. Bild: Annette Boutellier

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«Die Dreigroschenoper», natürlich. Oder «Mahagonny». Sie haben ihren Komponisten Kurt Weill (1900–1950) unsterblich gemacht. Aber «Love Life»? Nie gehört. Das erstaunt nicht, denn nach ansprechendem Anfangserfolg am New Yorker Broadway ist dieses Stück in der Versenkung verschwunden, und erst 2017 kam es in Freiburg im Breisgau zur europäischen Erstaufführung, in derselben Produktion, die jetzt auch in Bern gezeigt wird.

Trotz einiger Schwächen ist «Love Life» ein bemerkenswertes Werk. Weill und sein Texter Alan Jay Lerner (1918–1986) nannten es Vaudeville, aber eigentlich ist es ein Prototyp des modernen Musicals. Auch Revue träfe zu; es ist eine bunte Abfolge loser Nummern entlang einer etwas gekünstelten Rahmenhandlung: Sie zeichnet anhand der Ehe von Samuel (eher blass: David Arnsperger) und Susan Cooper (mit viel Ausstrahlung: Ulrike Hallas) die Geschichte der USA. Die nicht alternde «all American Family» mit Vater, Mutter, Tochter, Sohn durchlebt die 150 Jahre von der Unabhängigkeit bis in die Gegenwart der Fünfzigerjahre. Sam wird vom Auswanderer zum Ladenbesitzer, dann zum Cowboy, Fabrikarbeiter, Touristen und Mittelständler. Bis hin zur Scheidung; es geht also weniger um Liebesleben als um Leben und Liebe – und um deren Ende.

Farmer und Filmfiguren

Die Besetzungsliste ist imposant, über dreissig Namen sind da zu lesen, neue und auch vertraute. Und dann auf der Bühne doch viele bekannte Gesichter, wenn auch in der Maske oft kaum zu erkennen: Es sind die Damen und Herren des KTB-Chors, die in unzählige Rollen schlüpfen, ein wahres Variété in ständig wechselnder Zusammensetzung: Filmfiguren, Kapitalisten, Frauenrechtlerinnen, Prostituierte und Hillbilly-Farmer. Amerika eben, wie wir es aus Hollywood zu kennen meinen. Alfons Flores’ Drehbühne stellt denn auch ein Kino dar, mal aussen, mal innen. Regisseur Joan Anton Rechi zieht die Kino-Idee mit Filmausschnitten grosser Klassiker auf dem Rundhorizont und weiteren Reminiszenzen an die siebente Kunst durch.

Die Videosequenzen, die raffinierte Beleuchtung und die überreichen Kostüme (Mercè Paloma) machen das Vaudeville zum grossen Spektakel. Die Chorleute singen nicht nur, sie spielen auch – und wie; die Choreografie von Emma-Louise Jordan und Graham Smith verlangt ihnen alles ab. Zwar ist noch nicht jede Bewegung synchron bis ins Detail, aber der oft als eher behäbig gescholtene Klangkörper brilliert geradezu mit Spielfreude, Einsatz und auch vokalem Glanz (an dem es Chorchef Zsolt Czetner noch nie hat fehlen lassen).

Gesungen wird verstärkt und auf Deutsch, nicht immer sehr textdeutlich, aber alles in allem ein grosses Vergnügen. Aufgefallen ist vor allem die Miss Märchenprinz der jungen Marie-Louise Tocheva, der kleine Auftritt einer grossen Stimme mit glockenheller Koloratur.

Vom Madrigal zum Musical

Einen Schlager à la Mackie Messer hat «Love Life» zwar nicht, aber das Werk strotzt vor musikalischen Einfällen verschiedenster Richtungen. Darin einen beliebigen Stilmix zusehen, täte Weill unrecht: Da gibt es getragene Balladen und besinnliche Duette, meist aber eingängige und mitreissende Musik. Sie wird präzise dirigiert vom Gast am Pult, Daniel Carter, und klangschön umgesetzt vom in allen Registern alerten Berner Sinfonieorchester. Die vielen Tempound Richtungswechsel in Weills komplexer Partitur sind nicht zu unterschätzen. Das geht vom Madrigal über Polka, Ragtime, Jazz und Blues bis hin zu dem, was wir auch heute noch unter Musical verstehen.

Nach etwas zähflüssigem Start – die Rahmenhandlung will zuerst begriffen sein – findet sich das Publikum rasch zurecht und hat zunehmend Spass an der Show. Zu den Höhepunkten gehört die von Maria Pires und Graham Smith à la Rogers/Astaire virtuos getanzte (!) Scheidung. Auch der achtfache Charlie Chaplin, die Chorus Line der befrackten Bonzen oder der Protest der Suffragetten bieten bestes Kino: der American Dream mit Industrialisierung, Krise, Frauenbefreiung und Prohibition als zweistündiger Film über kurzweilige eineinhalb Jahrhunderte. Kurz ist allerdings «Love Life» auch auf der Bühne zu sehen, nämlich nur bis am 11. September. (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2018, 07:44 Uhr

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