Kommt ein Mann nach Amerika

Ingo Berks «Hiob» in den Vidmarhallen ist eine zeitlose Parabel menschlicher Schwächen und Wandlungen.

Der debile Menuchin (Lukas Hupfeld)  überfordert seine Eltern (Stéphane Maeder, Milva Stark) und seine Geschwister (Arne Lenk, David Berger, Mariananda Schempp).

Der debile Menuchin (Lukas Hupfeld) überfordert seine Eltern (Stéphane Maeder, Milva Stark) und seine Geschwister (Arne Lenk, David Berger, Mariananda Schempp). Bild: Anette Boutellier/zvg

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Zweimal Fasten die Woche ist Mendel ­Singers Angebot an Gott, dafür möge dieser doch seinen zurückgebliebenen Sohn Menuchim gesund machen. Es ist nicht der einzige Deal, den Mendel seinem Gott vorschlägt. Allerdings will dieser nicht so recht mitmachen. Der Himmlische ­foutiert sich vielmehr um die sehr irdische Mathematik des Religionslehrers; und so will keine der Gleichungen aufgehen, die Mendel immer wieder aufstellt.

Er kann noch so hart mit seinem Gott ins Gericht gehen, die Resultate der Rechnereien bleiben nach seinem Urteil so falsch, dass er den Bettel hinwirft. Zum Nachsitzen bringt Mendel nämlich diesen unberechenbaren Gott auch nicht.

Es ist nicht die einzige Beziehung, die Mendel zum Hadern bringt und die erst in einer Sackgasse endet. Kommt ein Mann nach Amerika – so verheissungsvoll der Aufbruch einen Moment lang auch scheint, niemand ist mehr da, als er zuletzt allein in einem Zimmer in New York hockt. Seine Frau, seine Söhne und seine Tochter – sie alle sind ihm auch abhanden­gekommen. Und was er mit dem, was von ihm selber übriggeblieben ist, anstellen soll, das weiss er auch nicht.

Es rumpelt und poltert

Kein biblisches Grollen begleitet das Schicksal dieses Mendel Singer, dem Helden aus Joseph Roths (1894–1939) ­Roman «Hiob». Er sitzt weder auf einem Misthaufen noch muss er sich mit einer Scherbe in den schwärenden Wunden kratzen. Und er ist auch kein Auserwählter, sein Schicksal unterscheidet sich nicht von jenem der zahllosen Ostjuden, die vor dem Ersten Weltkrieg in ihrer russischen Heimat nicht mehr sicher waren.

Regisseur Ingo Berk macht Roths Mendel in seiner Bühnenadaption für Konzert Theater Bern in den Vidmarhallen noch ein wenig kleiner (siehe «Kleiner Bund» vom 19. September) und auch ein wenig gewöhnlicher. Er schält so aus dem Roman von 1930 eine zeitlose Parabel heraus über Selbstbestimmtheit und die Sehnsucht nach ein bisschen Freiheit.

In einen Schiffsbauch (Bühne: Damian Hitz) sperrt der deutsche Regisseur Mendel und seine Familie ein. Die schweren hölzernen Planken setzen unsichtbare Grenzen, die im modernen Amerika nicht leichter zu überwinden sind als im alten, ostgalizischen Dorf. In dieser Enge rumpelt und poltert es in den mitunter handfesten Auseinandersetzungen. Wenig heldenhaft sind die Ausbruchsversuche der verschiedenen Familienmitglieder. Die Söhne und die Tochter quälen sich mit grausamen Spielchen, während Mendel und seine Frau Deborah erst stur in ihrer festgefügten Welt verharren, gefesselt an Menuchim, den debilen Sohn.

Berk hat geschickt Roths Text verknappt, die Figuren leicht schematisiert – zu geschundenem Bodenpersonal, ausgeliefert den Stürmen der Weltgeschichte. Kein grosser tragischer Held ist dieser Mendel, imposant sind zwar sein Auftreten und seine Frömmigkeit, armselig aber ist sein Glauben. Er bleibt ein kleiner Mann, gefangen in einer noch kleineren Welt, eine Diskrepanz, die Stéphane ­Maeder mal mit leiser Stimme, mal mit grossen Gesten raffiniert vermittelt.

In seinem vergeblichen Kampf, die Welt nach seinem Glauben zurechtzurücken, hat er mit seiner Frau Deborah eine Sparring-Partnerin, die ihn hartnäckig herausfordert. So oberflächlich sie in ihrem Genörgel manchmal erscheint, so vital ist aber ihr Ringen mit dem Glauben. Weit unerschrockener als ihr Mann stellt sie sich dem Fight mit Gott, einem Kampf, den Milva Stark ebenso beeindruckend zeigt wie die Ambivalenz dieser Frau, die nach ein bisschen Wohlstand giert und doch an ihren Schuldgefühlen zugrunde geht.

Diesem Ringen mit den Zumutungen des Schicksals ist die Musik (Patrik Zeller) immer ein wenig voraus. Als Zaungäste tritt das Trio um Zeller auf, spurt mit Bass, Klarinette und Akkordeon und dem leicht sehnsuchtsvollen Sound der Heimatlosen den Lauf der Geschichte.

Keine Helden sind auch Mendels Söhne, die sich ihren Freiheitsdrang vom Zufall stillen lassen. Der eine schafft es zwar nach Amerika, ins gelobte Land, doch musste er erst zum Deserteur werden, während der andere sein Glück im russischen Militär sucht. Wie aufziehbare Spielfiguren auf dem Schlachtfeld von Krieg und Kapitalismus spielen Arne Lenk und David Berger die ungleichen Brüder. Am bedingungslosesten ist die Suche von Mirjam, der Tochter, deren Eskapaden letztlich Mendel zum Auswandern nötigen. Ihre Sucht nach Freiheit bezahlt sie mit ihrem Körper, der allen Kosaken gehören soll. In der zweistündigen Inszenierung gesteht Ingo Berk ihrer Suche allerdings zu wenig Raum ein.

Mariananda Schempp gelingt es nicht, in den kurzen Auftritten mit praller Sinnlichkeit die grenzenlose Begierde der jungen Frau zu vermitteln. Mädchenhaft blass bleibt sie auch im Wahnsinn, unberührt lässt einen bis zuletzt ihr nur lauwarmes Verglühen.

Feines Gespür für Dramatik

Dass der Reigen dieser typisierten Figuren funktioniert und nie aus seinem stimmigen Takt fällt, dazu trägt Jürg Wisbach viel in der Rolle des Erzählers bei. Mit nonchalanter Beiläufigkeit taucht er auf, verschwindet wieder und spielt ebenso unaufgeregt noch eine Reihe unterschiedlichster Nebenrollen.

Wann die herbe Dramatik von Roths Stoff gedimmt werden muss, dafür hat Ingo Berk ein sehr feines Gespür. Am eindrücklichsten offenbart sich dies in den Auftritten Menuchims: Schier knochenlos spielt Lukas Hupfeld erst den Krüppel, der als stummes Objekt ganz den Gefühlen der anderen ausgeliefert ist und sich zum Quälen ebenso anbietet wie zum Herzen. Einmal geheilt, lässt Berk den Malträtierten nicht triumphieren.

Roths Happy End spielt der Regisseur vielmehr herunter. Als bleicher Untoter tritt Menuchim auf, der ein erfolgreicher Künstler geworden ist. Ob der verlorene Sohn aus Fleisch und Blut ist oder nur eine Erscheinung, bleibt nebensächlich, weil die Wandlung, die Berk seinem Mendel zugesteht, wunderbar unspektakulär und leise längst passiert ist.

Aufführungen bis 27. Februar 2016. (Der Bund)

Erstellt: 21.09.2015, 13:08 Uhr

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