Königlicher Zickenkrieg

Diana Damrau gibt am Zürcher Opernhaus ein fulminantes Rollendebüt als Titelheldin in Donizettis «Maria Stuarda». Aber auch die übrigen Sänger bieten weit mehr als nur eine Belcanto-Show.

Sie lieben sich, das Publikum liebte sie auch: Maria Stuarda (Diana Damrau) und Leicester (Pavol Breslik). Foto: Monika Rittershaus

Sie lieben sich, das Publikum liebte sie auch: Maria Stuarda (Diana Damrau) und Leicester (Pavol Breslik). Foto: Monika Rittershaus

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Zwei Königinnen, eine Krone: Was Regisseur David Alden während der Ouvertüre von Gaetano Donizettis «Maria Stuarda» zeigt, nimmt schon alles vorweg, was danach kommt. Den Machtkampf. Den Zickenkrieg. Den tödlichen Neid.

Alden hätte allerdings statt der Krone auch Pavol Breslik alias Graf von Leicester auf den Stuhl setzen können, um den die Königinnen kreisen. Wir sind in einer Belcanto-Oper, da ist jeder Konflikt auch ein amouröser. Oder er hätte Donizettis Partitur hinstellen können: Der Kampf der Königinnen ist nicht zuletzt ein aussergewöhnlicher musikalischer Wettstreit – der während der Proben zur (von der Zensur schliesslich verhinderten) neapolitanischen Uraufführung 1834 zu einer derart handfesten Schlägerei zwischen den Protagonistinnen führte, dass die eine bewusstlos von der Bühne getragen werden musste.

Da gibt es keinen einzigen leeren Schönklang. Sondern echten Streit, echte Reue, echte Verstellung.

Auch in der neuen Zürcher Produktion schenken sich die beiden Königinnen nichts: Diana Damrau und Serena Farnocchia lassen das grosse Duett zwischen Maria Stuarda und Elisabetta I. zum Duell werden. Farnocchia zischt die Wut der Elisabetta auf die Rivalin zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und Damrau fällt fulminant aus der Rolle, die Maria Stuarda mit ihrer vorgetäuschten Unterwerfung spielt. Wie sie schliesslich zurückschlägt, in den schönsten, triumphierendsten, giftigsten Tönen: Das ist der Höhepunkt des Abends.

Überhaupt sind es die Duette, die diese Aufführung ausmachen. Elisabetta und Leicester, Leicester und Maria Stuarda, Maria Stuarda und ihr Beichtvater Talbot (Nicolas Testé): Was immer die Figuren umtreibt, ihre Geschichte, ihre verdrängten oder explodierenden Gefühle – im Dialog bringen es die Sängerinnen und Sänger exakt auf den Siedepunkt. Da gibt es keine einzige bloss virtuose Koloratur, keinen einzigen leeren Schönklang. Sondern echten Streit, echte Reue oder eben auch echte Verstellung.

Toben, lieben, beten

Da hört man auch, wie parteiisch Donizetti war. Als Komponist in einem katholischen Land stand er ganz auf der Seite der Maria Stuart, die einst sehr bewusst in der roten Farbe der katholischen Märtyrer zum Schafott ging. Sie hat zwar erst nach vierzig Minuten ihren ersten Auftritt, die ersten Szenen gehören Elisabetta. Aber während diese respektive Serena Farnocchia nicht darum herumkommt, ihre Partie mit einer gewissen Härte zu singen, darf die phänomenale Diana Damrau bei ihrem Rollendebüt als Stuarda im Rest der Oper alles zeigen, was sie zu bieten hat: tobend, liebend, betend, sterbend.

Erstaunlich ist da eigentlich nur, dass es neben ihr noch ein zweiter Sänger schafft, zum Sympathieträger zu werden: Pavol Breslik nämlich, der als Leicester ebenfalls ein Rollendebüt gibt und seinen lyrischen Tenor dabei mit viel dramatischer Energie aufzuladen versteht. Wie schon als Lenski in «Jewgeni Onegin» am Anfang dieser Zürcher Saison verliert er alles und ist der Einzige, der nichts dafür kann; und wie dort tut er es vokal und darstellerisch gleichermassen überzeugend.

Dass man alle diese Figuren versteht, obwohl sie zu doch eher extremen Verhaltensweisen tendieren, ist auch David Aldens Verdienst. Seine Inszenierung wirkt für seine Verhältnisse auffallend ruhig. Ausstatter Gideon Davey hat einen von schlichten Steinmauern begrenzten, diskret wandelbaren Raum gebaut; uralt könnte er sein oder ganz modern, genau wie die Kostüme, die Heutiges mit Historischem verknüpfen. Man sieht Vatermörderkragen über Deuxpièces, Businesshosen unter weiten Umhängen, Talbots Trenchcoat und Elisabettas zünd­rote Renaissancefrisur. Und das wirkt nicht zusammengewürfelt, sondern stilsicher und hoch ästhetisch.

Hysterischer Humor

Meistens bleibt es das auch dann, wenn Aldens Fantasie zwischendrin doch noch überbordet. Dass er den expressiv gestaltenden Chor bei der Jagd nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Geweihen ausstattet, verrät viel Sinn für poetische Ironie. Und dass Elisabettas Einflüsterer Lord Cecil (Andrzej Filonczyk) ständig mit einem Hackebeil herumrennt, wirkt durchaus passend diabolisch.

Einzig zu Beginn des zweiten Aktes, wenn Maria Stuardas Todesurteil beschlossen wird, irritiert der «zuweilen hysterische schwarze Humor», den sich Alden im Programmheft selber zuschreibt. Da baumelt ein Skelett durch das Loch in der Decke, Elisabetta schminkt sich Totenkopfkonturen ins Gesicht, und ein blutiges Maria-Stuarda-Double setzt sich aufs Sofa. Das wirkt, gerade im Vergleich zum stilvollen Rest, dann doch ziemlich trashig. Auch in der Beichtszene danach wäre weniger mehr gewesen. Weniger Beleuchtung vor allem: Die riesigen Schlagschatten lenken ab von Maria Stuarda und Talbot, die hier ganz bei sich sein müssten (und es in der intensiven Darstellung von Diana Damrau und Nicolas Testé auch wären).

Aber vielleicht ging es ja nur darum, nicht ganz alle Knalleffekte dem Orchester zu überlassen. Dieses hat auch in dieser Donizetti-Oper einige auf Lager – und die Philharmonia Zürich reizt sie unter der Leitung von Enrique Mazzola genüsslich aus. Kontrastreich wird gespielt, temporeich; nicht immer ganz präzis zwar, aber effektsicher. Dass die Verzweiflung der Protagonisten in flotter Beschleunigung begleitet wird, dass die Rhythmen dann am meisten zünden, wenn es den Protagonisten eigentlich zum Heulen ist, gehört nun mal zu Donizetti. Aber am wirkungsvollsten sind dennoch die innigen Töne, mit denen das Orchester unterstreicht, was die Sängerinnen und Sänger vormachen: dass Belcanto weit mehr sein kann als virtuoses Showsingen. Nämlich packendes, berührendes Musiktheater.

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