Kindertheater, das reinknallt

Temporeich, dramatisch, animiert – die Zürcher Formation Kolypan präsentiert am Theater Spektakel Michael Endes «Unendliche Geschichte».

Die Gruppe Kolypan zeigt Bricolage-Dramatik zum Träumen: Hier der Ritt von Bastian (Fabienne Hadorn) und Atréju (Gustavo Nanez) auf dem Glücksdrachen. Foto: Christian Altorfer

Die Gruppe Kolypan zeigt Bricolage-Dramatik zum Träumen: Hier der Ritt von Bastian (Fabienne Hadorn) und Atréju (Gustavo Nanez) auf dem Glücksdrachen. Foto: Christian Altorfer

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Kolypan kanns – und wie! Noch nie wurde so viel gelacht bei Michael Endes opulentem Fantasy-Roman «Die unendliche Geschichte» wie bei seiner jetzt in der Roten Fabrik uraufgeführten Bühnenadaption durch die preisgekrönte Zürcher Kindertheatergruppe.

Im Buch geschieht ja auf über den 400 Seiten – Altersempfehlung ab 12 – allerlei Düsteres: Da wird der dicke Halbwaise und präpubertäre Held Bastian gemobbt; da ertrinkt ein geliebtes Pferd in «Sümpfen der Traurigkeit» der Parallelwelt Phantásien. Und als Bastian schliesslich aus der Realität hinaus- und als Retter ins Reich Phantásien hineinspringt, verliert er sich und seinen wahren Willen selbst bald an die Lust zur eigenen Grösse.

Ein Drache aus einem Plastiksack

Wenn jedoch Fabienne Hadorn mit Brille und Käppi als malträtierter Schulbub auf die Bühne stolpert, wenn sie später beispielsweise den grünen Buchstaben A der Schulmagnettafel in Bastians Phantásien-Sidekick Atréju verwandelt oder eine Plastiktüte mit zwei roten Lichtpunkten in den Glücksdrachen Fuchur: Dann ist das ein hinreissender Mix aus Objekt-, Erzähl- und Schauspieltheater samt rotzfrechen Slapstick-Einlagen. Der Roman, der 40 Jahre zählt wie das Theater Spektakel selber, kommt fabelhaft frisch daher.

Der Mix lässt besonders die Kinder im Primarschulalter begeistert mitgehen – dies, obwohl die Story in den knapp 90 Vorstellungsminuten keineswegs weichgezeichnet wird. Das Zielpublikum vergibt fürs hoch elastische, schräg verspielte und voll reinknallende Programm 100 Punkte. Überhaupt, was heisst hier «mitgehen»? Die Kids spielen passagenweise sogar mit: Der Sturmwind wird ebenso aus dem Publikum gestellt wie etwa die kindliche Kaiserin Phantásiens.

Die allmähliche Verfertigung des Spiels beim Fantasieren

Musiker Gustavo Nanez wiederum gibt Atréju live, wenn er nicht gerade eine der vielen anderen Gestalten darstellt, umsetzt, bastelt, ertönen lässt. Kurz: Es geht in dieser «Unendlichen Geschichte» um die allmähliche Verfertigung des Spiels beim Fantasieren mit allen Mitteln. Das ist Bricolage-Dramatik zum Träumen.

Hadorn und Nanez wechseln von pantomimischen Elementen über lichtchoreografische Specials, Abfallstück-Animationen und tolle Musik-Intermezzi bis zum Rollenspiel, wie es auf jedem Spielplatz stattfindet. Regisseurin Barbara Terpoorten sorgt dabei fürs richtige Tempo. Das ist nicht kongenial, sondern, für einmal sei das Wort erlaubt: genial.

Am Theater Spektakel täglich bis und mit 1.9. (am Samstag 2-mal). Danach in Luzern, Baden, Aarau, Zürich, Winterthur. www.kolypan.ch

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