Jenes Brodeln im Kern

Theater, das nachglüht: Die Gruppe Schauplatz International forschte im Schlachthaus nach der Wahrheit in der Kunst. 
Und fischte in «Fundamentalisten» grandiose Bilder wie auch unangenehme Erkenntnisse aus dem Dunkeln.

Der Live-Stream des Künstlers: Albert Liebl in «Fundamentalisten».

Der Live-Stream des Künstlers: Albert Liebl in «Fundamentalisten».

(Bild: A. Jaquemet)

Regula Fuchs

Der Vorhang öffnet sich, das Licht geht aus. Und es bleibt aus. Nur noch ein kühles rotes Restlicht glimmt im fast dunklen Saal des Schlachthaus-Theaters; es stammt aus einer schalldichten Kabine, in der ein Sprecher (Albert Liebl) vor seinem Mikrofon sitzt wie ein Simultanübersetzer. Was er sagt, strömt nicht in den Theaterraum hinaus, nein, es wird einem direkt per Kopfhörer ins Gehirn gefunkt, während die Dunkelheit rundum das ihrige dazutut, die Konzentration ganz aufs Gesagte zu bündeln.

«Fundamentalisten», so heisst das neueste Stück der Bern-Berliner Gruppe Schauplatz International, das zweite einer geplanten Trilogie, die vor Jahresfrist mit «Idealisten» ihren Anfang nahm. Damals bauten in der Dampfzentrale eine Frau und ein Mann auf einer schrägen Fläche ein wackliges Gebäude, zwei stumme Slapstickfiguren, die mit ameisengleicher Ausdauer ebenso vergeblich wie rührend ein windschiefes Kunstwerk errichteten.

Nun, bei «Fundamentalisten», liegt die Aktion ganz im Text, einem bewegten Gedankenstrom, einer erdachten Reise an «Orte der Wahrheit», wie der Sprecher es ausdrückt. Darum geht es, profan gesagt: um die Suche nach der Wahrheit in der Kunst.

Wilde Landschaften

Der Sog des Gesagten entsteht über ungestüme Assoziationen, da kommt man von der dänischen Nordmann-Weihnachtstanne übergangslos zum dänisch-isländischen Künstler Olafur Eliasson, der in einem Museum einen Bergbach bauen liess, und zu dringlichen Fragen heutiger Kunst: Ist einer, der wie Eliasson dreissig Angestellte hat, noch Künstler oder schon Unternehmer?

Immer wieder strömt der Fluss der Überlegungen, die der einsame Mann ins Mikrofon spricht, an Landschaften vorbei, nicht nur an jenen faden, wiederholbaren mitteleuropäischen Landschaften, sondern vor allem an jenen, die wild und ungezähmt sind wie das Innere des Künstlers. Es ist die Rede von Gletscherabrissen, Moränenschutt, Felszacken und jenem Brodeln im Kern, das Gesteine an die Oberfläche wuchtet. Gerade in Island.

Auf dieser solitären Insel legen wir, die Zuhörer, die wir auf diesem Gedankenstrom mitschippern, immer wieder an. Im Land, das auf Vulkanen hockt und das vor fünf Jahren mit einer Menge Lavastaub die Welt im Griff hielt. Ergriffenheit angesichts der Erhabenheit der Natur – diesem Gefühl von Intensität ist der Sprecher auf der Spur. So, wie schon manche vor ihm, Pioniere in den unergründeten Grenzgebieten zwischen Natur und Kunst. John Ruskin etwa, dieser englische William-Turner-Bewunderer aus dem 19. Jahrhundert. Oder Filme­macher Werner Herzog, der im Dunkel französischer Höhlen die Anfänge des Menschseins und der Kultur suchte. Oder der norwegische Autor Karl Ove Knausgård, der in «Min Kamp» schlicht sein eigenes Leben abschreibt.

Aber eben, Island. In der zweiten Kabine auf der Schlachthaus-Bühne sitzt eine Frau (Helga Brekkan), die den gesprochenen Text simultan ins Isländische übersetzt und in den zweiten Kanal des Kopfhörers schickt. Isländisch, eine marginale Sprache, die kaum jemand spricht: Was für eine Verschwendung, was für ein Luxus ist eine solche Verdoppelung des Gesagten – sozusagen die Echtgold-Applikation auf diesem Theaterkunstwerk, das äusserlich so karg ist wie ein alpines Geröllfeld.

Radikal sind sie alle

Hin und wieder bewegt sich der Mann in seinem engen Räumchen, er scheint den Text von den Wänden abzulesen, seine Assoziationen mäandern, vom Kleinen ins Grosse und zurück; so wohl entstehen Verschwörungstheorien. Und damit kommen wir an jenen Punkt, an dem die Wahrheitssuche des Künstlers gar nicht so weit entfernt scheint von jener des Geheimdiensts, der Folterspezialisten des CIA zum Beispiel, aber auch von der Radikalität jener Fundamentalisten, die die Konsequenz – begehrtes Attribut von Kunstschaffenden – genau gleich für sich beanspruchen, wenn sie jahrtausendealte Kunstwerke in Stücke schlagen.

Für Pathos ist kein Platz

Schauplatz International ist eine Gruppe, die, wenn es um künstlerische Selbstreflexion geht, in Gebiete vordringt, die andere nicht ohne zusätzlichen Sauerstoff bewältigen würden. Dazu gehört auch, dass die Schauplatz-Leute um das Grossgestige wissen, das in einer solch radikalen Suche wie jener von «Fundamentalisten» lauert. Viel zu klein allerdings ist die winzige Kabine des Wahrheitssuchers für das Pathos, viel zu weich gepolstert sein wattierter Anzug, der ihn noch in einer Polarnacht warmhielte.

Ganz ohne Ironie ist «Fundamentalisten» also nicht, aber Schauplatz weiss sie richtig zu dosieren, sodass der Unternehmung die Ernsthaftigkeit nie abhandenkommt. Das ist Theater, das nachglüht, Theater kurz vor dem Absprung: das Risiko eines Absturzes klug einkalkuliert.

Wohin auch immer der dritte Teil der Trilogie geht: Wir werden dabei sein.


Weitere Aufführungen im Schlachthaus-Theater: Donnerstag, 19., bis Samstag, 
21. März, jeweils 20.30 Uhr.

Der Bund

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