Intendantin der Wirklichkeit

Emilie Bujès ist die neue künstlerische Leiterin des Visions du Réel. Ein Dokfilm müsse Körper und Geist überraschen, indem er den Blick auf die Realität ändere – weil sie meist anders sei als gedacht.

Dieses Gefühl, das sich ausbreite, sobald man das Denken hinter sich lasse, «das ist super»: Emilie Bujès. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

Dieses Gefühl, das sich ausbreite, sobald man das Denken hinter sich lasse, «das ist super»: Emilie Bujès. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

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Als die letzte Frage gestellt ist, sitzt sie lange still. Dann spricht sie ganz leise: «Ich sage das ungern, aber es gab Situationen, in denen man einfach die Frau oder die Jüngere ist, in denen man merkt, dass das Verhältnis ein anderes ist, weil man eine Frau ist. Man muss aufpassen, wie man auftritt, und muss vermeiden, dass man so aussieht, als würde man sich Fragen stellen. Für Selbstkritik hat man nicht so viel Raum. Ich muss immer wieder aufpassen, dass ich stark und gerade hinstehe und meine Zweifel möglichst ausblende.»

Emilie Bujès ist 38. Sie wurde in Frankreich geboren und lebt in Genf. Morgen Freitag eröffnet sie erstmals als künstlerische Direktorin das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon; sie hat sich gegen 36 internationale ­Kandidaten durchgesetzt. Unter ihrem ­Vorgänger, dem engagierten Italiener Luciano Barisone, bestimmte sie mehrere Jahre die Filmauswahl mit; seit 2016 war sie seine Stellvertreterin. Die Kunsthistorikerin arbeitete beim Neue-­Medien-Festival Transmediale in Berlin – sie spricht fliessend Deutsch – und beim Centre Pompidou, sie kuratierte am Centre d’Art Contemporain Genève, wirkte fürs Forum der Berlinale, leitete einen Theoriekurs an der Genfer Kunsthochschule, erhielt 2016 den Swiss Art Award. So eine Frau muss gerade hinstehen, damit sie ernst genommen wird?

Instinkt hilft, zu entscheiden

Ihre Zweifel bleiben. Es ist die Skepsis einer coolen Intellektuellen, die es aus der zeitgenössischen Kunst gewohnt ist, abstrakt über Dinge nachzudenken. Jetzt ist sie allerdings Chefin in Nyon und muss Entscheidungen treffen. «Ich habe mich immer aufgeregt, wenn Luciano Barisone und ich nicht gleicher Meinung waren und er anders entschieden hat, als ich es wollte. Da war alles klar und einfach. Jetzt, da ich in seiner Position bin, ist es nicht mehr so einfach.» Die Entscheidung, einen Film nicht zu nehmen, falle auch aus Instinkt. Manchmal seien Bedenken aber immer noch da. Nur müsse sie als künstlerische Leiterin nun stärker über sich hinausdenken, weil es ja nicht einfach darum gehe, was ihr gefalle. Sondern mehr um ein Programm der «offenen Form».

Ihr selbst gefällt es, wenn der Körper im Kino zu reagieren beginnt. Sie beschreibt das so, wie es nur jemand beschreiben kann, der für die Arbeit Hunderte von Filmen schaut. «Es ist der ­Moment, wenn man so vor sich hin sitzt, alles ist angenehm und gut, und auf einmal macht der Film etwas anderes. Dann bin ich aufgeregt, weil es mich berührt. Weil es mich zum Weinen bringen kann.» Dieses Gefühl, das sich ausbreitet, sobald man das Denken hinter sich lässt: «Das ist super.»

Paar Sekunden werden zu 90 Minuten

Der Kopf gehört bei Emilie Bujès untrennbar zum Gefühl. Es muss einem ja zuerst einmal auffallen, dass ein Film einen anderen Weg geht. Auch das, was sie am dokumentarischen Kino glücklich macht, ist eine Art Sinnlichkeit des Geistes. Im besten Fall konfrontiere uns ein Dokumentarfilm mit der Realität und hole uns zugleich aus ihr heraus – durch die filmische Erfahrung, durch die der Blick auf die Wirklichkeit wieder ein anderer werde: «Total aufregend.»

Ein Beispiel dafür ist der deutsche Dokumentarist Philip Scheffner, dem Bujès dieses Jahr ein Atelier widmet. Er bestreitet seinen Film «Havarie» von 2016 mit einer einzigen Aufnahme, die er bei Youtube gefunden hat: Ein Tourist schwenkt vom Kreuzfahrtschiff aus über ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer. Scheffner dehnt die paar Sekunden auf 90 Minuten aus, bis man die Situation mit neuen Augen zu sehen beginnt.

Sperrige Filme reizen sie wenig

Oder Claire Simon aus Frankreich, die erste Frau, die in Nyon mit dem Ehrenpreis Maître du Réel ausgezeichnet wird. Sie dreht mal einen Spielfilm, dann wieder einen Dokumentarfilm. Für «Premières solitudes» hat sie Gymnasiasten in einem Vorort von Paris ein paar Stichworte zugeworfen und sie dann bei den Gesprächen gefilmt, in denen so Intimes wie Erschreckendes zur Sprache kommt.

Es sind keine sperrigen Filme, keine, bei denen man die Absicht der Regisseure bemerkt, dass sie es uns möglichst anstrengend machen wollen. Die «esthétique de la terreur», wie das auf Französisch heisse, sei sicher nicht das, was sie reize, sagt Bujès.

Festivals haben den Dokfilm entdeckt

Und wie das so ist, wenn das neue Management kommt: Die Strukturen werden ein wenig gestrafft; die Sektion ­Regard neuf existiert nicht mehr, dafür jetzt eine namens Burning Lights, da wolle man etwas experimenteller sein, im breitesten Sinne. Grand Angle gibts weiterhin, man hat also immer noch Zeit, herauszufinden, was das eigentlich umfasst. Auch eine neue Sektion hat Bujès ins Leben gerufen: Latitudes beinhaltet Filme, die nicht unbedingt eine Welt- oder eine internationale Premiere sind.

Bujès will allgemein freier programmieren. Inzwischen hätten die grossen Festivals den Dokumentarfilm entdeckt und gäben ihm Preise, das mache es nicht einfacher für Nyon. «Aber es ist natürlich gut, wenn die Leute merken, dass der Dokfilm nicht eine Nebensache darstellt neben der Fiktion. Diese Trennung wird immer weniger wichtig.» Sie sagt das locker. Es klingt stark und gerade.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 17:54 Uhr

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