In der utopischen Quarantänestation

Optisch fulminant, inhaltlich erdrückend: Konzert Theater Bern zeigt Elia Redigers Musiktheater «Oh Boyoma – 387 Strophen über eine Stadt ohne Namen.»

Die heile Welt bröckelt in der Stadt ohne Namen.

Die heile Welt bröckelt in der Stadt ohne Namen. Bild: Annette Boutellier/zvg

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Warum sind viele Menschen so fantasielos, wenn es darum geht, ein positives Bild der Zukunft zu zeichnen? Diese Fragestellung ist für Elia Rediger, Sänger mit markanter Stimme des Basler Pop-Unterfangens The bianca Story und Hausautor bei Konzert Theater Bern, zurzeit zentral für sein künstlerisches Schaffen. Man dürfe doch das Prinzip Hoffnung nicht der Esoterik überlassen, sagt Rediger, es sei vielmehr Aufgabe der Kunst, hoffnungsvolle Zukunftsvisionen zu schaffen.

Redigers neuste Zukunftsvision heisst «Oh Boyoma» und ist ein Musiktheater, das vor der Haustüre der Heiteren Fahne in Wabern beginnt und das Publikum mitnimmt in die nicht allzu ferne Zukunft des Jahres 2030. Sechs Personen in knallgelben Schutzanzügen dirigieren das Publikum mit Megafonen durch eine Schleuse, wo allen die Temperatur gemessen wird und ein Formular mit absonderlichen Fragen ausgefüllt werden muss. Wann man den Weltuntergang erwarte und ob man polyresistent sei, wird da etwa gefragt. Drinnen zieht sich ein überdimensionales Lüftungsrohr durch den Saal, die Fenster sind mit durchsichtigen Plastikfolien verschlossen, davor wuchert ein wilder Dschungel (Bühne: Iris Kraft).

Nach und nach wird klar: Wir befinden uns in einer Quarantänestation irgendwo im Kongo; hier gilt es 40 Tage auszuharren, bevor am Gemeinschaftsleben teilgenommen werden darf. Die Zuschauenden werden also ins theatrale Geschehen eingebaut und zu Schweizer Flüchtlingen, die in einer kleinen afrikanischen Stadt auf eine bessere Zukunft hoffen.

Textlastig und schwer fassbar

Das Deutsch sprechende Empfangskomitee bilden Nico Delpy, Mariananda Schemp und Elia Rediger, derweil Dorine Mokha, Innocent Bolunda und Franck Moka uns Quarantäne-Insassen auf Französisch unterhalten. Sowohl die deutschen als auch die französischen Texte werden dabei jeweils übersetzt eingeblendet. Erzählt und vor allem gesungen werden wundersame Geschichten von einer Stadt ohne Namen, die nach dem Kongo-Krieg vergessen gegangen ist und die sich in der Abwesenheit von internationalen Unternehmen und Hilfsorganisationen zu einem Ort entwickeln konnte, wo menschliche Werte wie Vernunft und Solidarität wieder hochgehalten werden.

Bald mischen sich aber auch Misstöne und laute Gitarrenrückkopplungen in die mehrstimmigen harmonischen Gesänge (Musik: Elia Rediger, Franck Moka). Sie bröckelt, die heile Welt des utopischen Fluchtortes, und zwar arg.

«Oh Boyoma» unter der Regie von Michael Lippold ist ein multimediales Musiktheater, das die Fragen aufgreift, wie wir Menschen uns Zukunftsbilder schaffen und auf welchen Hoffnungen und Ängsten diese basieren. Projektionen von Video- und Live-Kamera-Aufnahmen auf halb durchsichtige Leinwände – hinter denen zusätzlich gespielt wird – setzen diese Mehrschichtigkeit ästhetisch stimmig um.

Bei der Erarbeitung von «Oh Boyoma» sei viel Autobiografisches der Schauspieler und Schauspielerinnen eingeflossen, sagt Elia Rediger, aber auch viel Material aus Interviews, welche er – Rediger selber wurde 1985 im Kongo als Kind von Schweizer Entwicklungshelfern geboren – vor Ort zusammengetragen habe. Vielleicht zu viel. Die Menge an Geschichten und Episoden, welche ohne stringente Handlung in zwei Stunden Spielzeit gepackt wurden, ist erdrückend. Das mag auch damit zusammenhängen, dass «Oh Boyoma» äusserst textlastig ist und das Lesen der Übersetzungen ermüdet. «Kill your darlings, oh Boyoma», möchte man ihr zurufen, dieser kleinen Stadt im Kongo. Denn was nützten die schönsten Zukunftsbilder, wenn sie nicht fassbar werden?

Bis 16. Juni. Heitere Fahne Wabern. (Der Bund)

Erstellt: 03.06.2017, 09:12 Uhr

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