In der Familienhölle

Theater

Chronik eines angekündigten Mordes und Andrea Zogg als schillernder Bösewicht: Mit John Knittels 
Roman «Via Mala» bringt das Landschaftstheater Ballenberg einen starken Stoff auf die liebliche Bühne.

Mit Andrea Zogg tritt ein Saftbrocken auf, der genau über jenes schauspielerische Repertoire verfügt, das es braucht, um glaubhaft ein Scheusal wie Lauretz darzustellen.

Mit Andrea Zogg tritt ein Saftbrocken auf, der genau über jenes schauspielerische Repertoire verfügt, das es braucht, um glaubhaft ein Scheusal wie Lauretz darzustellen.

Er sauft, er hurt, er betrügt und fürchtet weder Tod noch Teufel. Letzteren bewundert er höchstens. Für den Lieben Gott dagegen hat Jonas Lauretz nur Verachtung übrig, Jesus ist für ihn ein trauriger Schwächling, Maria ein vertrocknetes Frauenzimmer. Er selber dagegen wird von allen gefürchtet. Wo immer der tyrannische Sägereibesitzer auftaucht, ducken sie sich: Seine Familie genauso wie der Gerichtspräsident und der Landjäger.

So kommt die schöne Hanna, seine ältere Tochter, ganz schief daher. Krumm ist der Rücken, verstört der Blick, verkrüppelt die Seele. Noch sichtbarer sind die Schäden, die der Vater bei ihrem Bruder Niklaus angerichtet hat. Im Jähzorn hat er ihn zum Krüppel geschlagen, ein Wrack ist auch die wehrlose Mutter. Unversehrt ist nur die jüngste Tochter Silveli, des Wüterichs Sonnenschein, und auch sie liebt ihn – so sehr ihr das grenzenlose Unglück der Familie auch zu schaffen macht.

Die Chronik eines angekündigten Mordes bringt das Landschaftstheater Ballenberg mit John Knittels (1891–1970) berühmtem Roman «Via Mala» auf die liebliche Bühne in der Waldlichtung oberhalb von Brienz. Ein starker Stoff ist das komplexe Familiendrama aus den frühen 1930er-Jahren, das Knittel auf mehr als 500 Seiten ausbreitet, ein deftiger Stoff auch, der mehrmals verfilmt wurde.

Dass dieser Thriller um Vatermord und Inzest, um Schuld und Sühne das Zeug für ein Bühnendrama hat, das war bereits Knittel klar. Er schuf eine eigene Theaterversion des Romans, die 1937 am Zürcher Schauspielhaus mit der grossen Therese Giehse in der Rolle von Lauretz’ Frau Martha uraufgeführt wurde. Knittel, ein gebürtiger Deutscher, der einen grossen Teil seines Lebens im Graubünden verbrachte und die berühmte Via-Mala-Schlucht gut kannte, konzentrierte sich dabei auf das Martyrium der Opfer nach dem Tod ihres Peinigers.

Charmanter Teufel

Eine andere Optik gewählt hat Markus Keller für seine Mundartfassung: Der ­Regisseur und künstlerische Leiter des Effinger-Theaters rückt den Fokus auf den ersten Teil der Geschichte, der von Lauretz und seinen Schandtaten dominiert wird. Mit dem Bündner Schauspieler Andrea Zogg tritt da ein Saftbrocken auf, der genau über jenes schauspielerische Repertoire verfügt, das es braucht, um glaubhaft ein Scheusal wie Lauretz darzustellen, das gleichzeitig auch faszinierende Züge aufweist.

Ebenso gross wie seine Amoral und seine Grausamkeit sind nämlich seine Unabhängigkeit, sein Charme und sein Scharfsinn. Zogg poltert und tobt, noch gefährlicher wirkt er aber, wenn er leise Töne anschlägt und seine Hinterhältigkeit zu funkeln beginnt. Dabei dreht er geschickt immer nur so weit auf, dass er das übrige (Laien-)Ensemble nie an die Wand spielt. Mit Bettina Amacher (Hanna) und Thomas Brunner (Niklaus) hat er zudem zwei Gegenspieler, die massgeblich dazu beitragen, dass das Drama über weite Strecken glaubwürdig und packend bleibt.

Den auf der psychologischen Ebene so fintenreichen Roman zu einem 90-­minütigen Bühnenstück zu verdichten, verlangt gar viele Abstriche und Kürzungen, und die sind in Kellers Fassung nicht alle gelungen. Zu naiv kommt Silveli daher, eine Schlüsselfigur des Romans. Wie einen billigen Schwank inszeniert der Berner Regisseur Reto Lang nicht nur ihre Begegnung mit dem reichen Professor, der sie hofiert und partout nackt malen will. Auch ihre Turbo-Liebesgeschichte mit dem flotten Untersuchungsrichter, der dem Familien­geheimnis auf die Spur kommt, wirkt allzu nett und harmlos und sorgt wie der Auftritt der exaltierten Nichte des Professors in der Luxuslimousine für unfreiwillige Lacher.

Denn die Inszenierung ist dort am stärksten, wo Keller und Lang die archaische Dimension des Vatermords herausarbeiten, Wort- und Fassungslosigkeit das entsetzliche Dilemma sichtbar machen, in dem die geschundenen ­Opfer stecken. Wie unendlich gross deren Leid ist, illustrieren Keller und Lang mit der Schlussszene: eine Hochzeit im Kunstnebel – und im strömenden Regen – alle am Leben und glücklich miteinander: Die Vorstellung, was für ein Leben auch noch möglich gewesen wäre, ist die grösste Pein.

Der Bund

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