Im Treibhaus der Gefühle

Das Theater an der Effingerstrasse bringt das Erstlingsstück der jungen Berner Autorin Meret Hasler zur Uraufführung.

Die Charaktere sind glaubwürdig dargestellt.<p class='credit'>(Bild: Martin Guggisberg (Archiv))</p>

Die Charaktere sind glaubwürdig dargestellt.

(Bild: Martin Guggisberg (Archiv))

Es ist irgendwo zwischen Wedekinds pubertärem «Frühlings Erwachen» und der Garten-Utopie von Voltaires «Candide» anzusiedeln, das Stück, mit dem Meret Hasler den ersten Preis im Förderprogramm «Schreibstoff» des Theaters an der Effingerstrasse gewonnen hat.

Angereichert um Elemente aus Psychologie und Pädagogik und unterlegt mit dem von Ausdrücken wie «verfickt», «freezing» oder «fuck» geprägten aktuellen Jugendslang, endet es durchaus zeitgemäss mit einem «Open Gardening-Start-up». Und erscheint aller Originalität zum Trotz so komplex und schwierig, dass es einem Team anvertraut wurde und zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler als «Pop-up-Kollektiv» mit der Regisseurin Petra Schönwald zusammen für die Aufführung verantwortlich zeichnen.

Depression, Liebeskummer

Nachdem eine Pantomime zu den wuchtigen Klängen von Händels «Sarabande» die Unvereinbarkeit der Geschlechter angedeutet hat, geben die Protagonisten in kurzen Szenen und schnellen, abrupten Dialogen, gelegentlich aber auch in Gesangs- und Tanzeinlagen alles her, um das Gewächshaus der Gärtnerei Rosenberg in ein Treibhaus der Gefühle zu verwandeln. Geschäftsinhaberin Rosenberg (Maria Spanning) steht mit ihrem Ex-Mann in einem veritablen Rosenkrieg um den Besitz der Gärtnerei, schwankt zwischen Depression und Euphorie hilflos hin und her und verzweifelt an der Möglichkeit, die vom Abbruch bedrohte Gärtnerei im letzten Moment retten zu können. Weshalb sie natürlich weder ihrer Leitungsfunktion noch ihrer Betreuungsaufgabe an dem ihr wegen unkontrollierter Aggressivität in Obhut gegebenen Tristan (­Philipp Auer) gewachsen ist.

Linda (Tilla Rath) gilt zunächst als Tristans Freundin, wendet sich dann aber dem neu ins Team aufgenommenen Beat (Simon Wenigerkind) zu, muss jedoch erkennen, dass sie damit in Konkurrenz zu Tristan tritt, der sich überraschend als Homosexueller outet. Der Beziehungsknatsch löst sich aber wie von selbst in Minne auf, als die Gärtnerei wider Erwarten gerettet wird und die drei jungen Angestellten in weissen Engelskostümen vor das Publikum treten, um die Gründung eines botanischen Selbsthilfebetriebs für Pflanzenfreunde und psychisch Belastete zu verkünden.

Glaubwürdige Charaktere

Das eine oder andere reizvolle Detail der Vorlage geht in der gekürzten Fassung verloren, da und dort wird die Verständlichkeit auch dem Tempo geopfert, aber die Charaktere der drei Jugendlichen, des verstockt-abweisenden, mit sich selbst ringenden Tristan, der liebesdurstigen Linda, des fröhlich-harmlosen, in einem starken Kontrast zu den übrigen Protagonisten stehenden Beat, sind glaubwürdig dargestellt. Und in einem eher heterogenen Ganzen gibt es immer wieder Szenen, die ebenso für die Qualität der Vorlage wie für die Inspiriertheit der Inszenierung und das Können des Ensembles sprechen: die in einen Coup de foudre mündende Nachtwache von Beat und Linda, als sie herausfinden wollen, wer die Scheiben des Treibhauses einschlägt, das Gespräch zwischen Tristan und Beat beim Rauchen einer Zigarette oder der Werbespot, in dem Linda und Beat ein zuckersüsses Hochzeitspaar zu spielen haben.

Dass das kleine Theater einen eigenen Wettbewerb zur Talentförderung durchführt und dem Siegerstück auch die Möglichkeit einer Inszenierung einräumt, verdient unbedingt Anerkennung. Mit dem «Treibhaus» von Meret Hasler ist schon beim ersten Mal ein durchaus beachtenswertes Stück daraus hervorgegangen, dessen Eigenart in einer weiteren Inszenierung vielleicht noch besser zum Tragen kommen könnte.

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