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Im Land der Enttäuschungen

Ein Reisender gerät an falsche Leute: Ueli Jäggi inszeniert Kafkas Romanfragment «Amerika (Der Verschollene)» am Stadttheater als schnell getaktetes Episodenstück mit Slapstick-Humor.

Einer, der alles mit sich machen lässt: Philippe Graber als Rossmann.
Einer, der alles mit sich machen lässt: Philippe Graber als Rossmann.
Annette Boutellier

Er kann einem schon leidtun, dieser Karl Rossmann. Da reist er nach Amerika, wo einem bekanntlich die Welt offensteht, und gerät ständig an die falschen Leute. Aus den unbegrenzten Möglichkeiten wird bald eine einzige Enttäuschung: So viel Pech kann nur ein Antiheld aus den Erzählungen Franz Kafkas haben.

Wie so oft bei Kafka schlägt das unwirkliche Unglück seiner Figuren aber leicht ins Groteske um. So ist das auch bei Karl Rossmann, dem Protagonisten aus «Der Verschollene» – einem zwischen 1911 und 1914 entstandenen Romanfragment. Dieses hat nun der Schweizer Regisseur und Schauspieler Ueli Jäggi am Berner Stadttheater auf die Bühne gebracht (Fassung: Viktor Klíma und Pavel Kohout).

Die Anlehnung an den Stummfilm leuchtet ein. Aber welcher Stummfilm dauert schon drei Stunden?

«Amerika (Der Verschollene)» heisst der Abend mit vollem Titel, nach einer Ergänzung von Kafkas Herausgeber Max Brod. Brod war es auch, der in der Geschichte bereits eine Komik à la Charlie Chaplin erkannte, wie er im Nachwort schreibt. Eine plausible Assoziation, kam doch in den USA nur wenig später der Stummfilm auf.

Der Spielball der anderen

Mit bestem Slapstick-Material also haben wir es hier zu tun, und ginge es nach der Inszenierung von Ueli Jäggi, dann wäre das auch schon alles. Immerhin, könnte man doch sagen, denn gewisse Szenen sind wahre Glanznummern; etwa, als zwei Obdachlose den verdutzten Rossmann in Windeseile seines Anzugs entledigen, während wie im frühen Kino vergnügliche Klaviermusik erklingt (Musik: Martin Schütz). Aber welcher Stummfilm dauert schon drei Stunden? Auch mit Dialogen versehen ist aus dem Geschehen in der Vidmar 1 spätestens nach der Pause die Luft raus.

Das liegt am fehlenden Fokus. Zu Beginn noch steht Rossmann im Zentrum, ideal besetzt mit Philippe Graber. Denn kaum einer beherrscht die Körpersprache eines liebenswerten Aussenseiters besser als er: Mit hängenden Schultern schaut er nur zu, wenn ihn die dickbäuchigen Herren aus der Teppichetage über den Tisch ziehen; doch riecht er Unrecht, dann mischt sich eifrige Entschlossenheit in seinen blauäugigen Sorgenblick.

Immer wieder sprintet Graber über die weitläufige Galerie entlang den Wänden des kahlen Raums (Bühne: Werner Hutterli), um Respektspersonen in Anzügen (Kostüme: Gerti Rindler-Schantl) die Ehre zu erweisen. Diese bewegen sich ihrerseits kaum von der Stelle, und so wird deutlich, dass der hin und her hetzende Rossmann eigentlich nur eines ist: ein Spielball zu ihrer Erheiterung. Herrlich übergriffig ist auch die Szene, als Herr Pullunder (Jonathan Loosli) den aufgewühlten Rossmann wie eine Puppe auf den Schoss nimmt und, statt ihm zuzuhören, lüstern an ihm herumfummelt.

Buchstäblich übermannt

Rossmann lässt aber auch alles mit sich machen. Selbst seine Übersiedlung nach Übersee ist keine selbstbestimmte Entscheidung, sondern erfolgte auf Anordnung seiner Eltern, weil ihn das Dienstmädchen verführt und er es in der Folge geschwängert hat. Lieber schickt man also den Sohn weit fort, als dass man Alimente zahlt und noch den eigenen Ruf beschädigt. Und Rossmann? Der hütet das Foto seiner Eltern wie seinen Augapfel.

Genau dort, wo Rossmanns Gutgläubigkeit mit der Verschlagenheit seiner Wegbegleiter (sechs Ensemblemitglieder in wechselnden Rollen) kontrastiert, ist «Amerika» am komischsten. Rossmanns Höflichkeit wirkt seltsam unangebracht, seine Sätze fast wie Beamtensprech. Spektakulär wird es, als das ungestüme Verlangen einer Frau ins Spiel kommt: Mariananda Schempp als Klara rekelt sich auf dem Sekretär, als wäre es ein Flügel und betört ihren Gast mit schwingender Hüfte. Schon bald übermannt sie Rossmann buchstäblich, während der nur seinen Onkel im Kopf hat, von dem er grundlos befürchtet, ihn enttäuscht zu haben.

So prägnant inszeniert einzelne Momente sind, so überzeichnet kommen andere daher. Die schwerreiche Diva Brunelda (Milva Stark) etwa gebärdet sich so affektiert, als wären wir im Boulevardtheater. Zusammenstreichen hätten sich auch einige Passagen lassen, etwa der Schlussteil mit Erzählerin, der sich gar lange hinzieht.

Nicht mehr als ein Traum

So ist das eben, wenn zum schnellen Takt der Szenenwechsel mindestens doppelt so häufig die Gags fallen: Man wartet nur noch auf den nächsten. Bei so viel Lärm geht fast unter, dass das Stück nicht nur von einem Einzelschicksal im Speziellen, sondern ebenso vom frühkapitalistischen Amerika im Allgemeinen handelt, wo der soziale Aufstieg schon jetzt nicht mehr als ein Traum ist. Wer es bisher nicht geschafft hat, so wie Rossmann, aus dem wird auch jetzt nicht mehr als ein überarbeiteter Liftjunge. Es ist ein Amerika der verfestigten Machthierarchien, so wie wir es bis heute kennen. In der Vidmar erinnert daran ein akustischer Auftritt von Donald Trump.

Mehr Deutung ist dann aber doch nicht zu haben, und so zerfällt dieses Episodentheater in seine Einzelteile. In viele aufregende immerhin, denn hübsch anzusehen sind die verwackelten Filmprojektionen aus früheren Zeiten oder im Scheinwerferlicht fliegende Plastiksäcke. Als am Schluss aber auch noch Stummfilmtafeln erscheinen, ist klar: Hier wird nicht neu interpretiert. Hier wird vor allem nachgeahmt.

Weitere Vorstellungen bis 12. Mai, Vidmar 1

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